„Zäsur“, „Riester-Rente ade“, „Ende einer Ära“. Die aktuellen Schlagzeilen in den Medien rund um die Absenkung des Höchstrechnungszinses in der Lebensversicherung zu Anfang 2022 klingen drastisch – und in der Tat hat es dieser Zinsschritt von 0,90 Prozent auf 0,25 Prozent in sich. So konnten wir in unserem aktuellen Marktausblick für die Lebensversicherung zeigen, dass die Kalkulation einer vollständigen Bruttobeitragsgarantie bei einem Mustervertrag mit 30 Jahren Ansparzeit und marktüblichen Kosten einen Rechnungszins von mindestens 0,77 Prozent erfordert. Dieser Zins wäre also rechnerisch erforderlich, damit der Versicherte zum Ende der Ansparzeit ein Kapital aufgebaut hat, dass der Höhe nach seinen eingezahlten Bruttobeiträgen entspricht.

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Im Umkehrschluss reicht der neue Rechnungszins von 0,25 Prozent dafür bei weitem nicht aus. Dies gilt zunächst für den unterstellten Mustervertrag, wird angesichts der deutlichen Absenkung aber auch für andere Vertragskonstellationen greifen. Wenn überhaupt, werden allenfalls noch Verträge mit sehr langen Laufzeiten und (nahezu) ohne einkalkulierte Kosten einen vollständigen Beitragserhalt schaffen. Damit stellt sich zum Jahreswechsel nicht mehr die Frage, ob die Lebensversicherer weiterhin mit altbewährten Garantien agieren wollen (was der Finanzaufsicht BaFin ohnehin schon seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge ist), sie können es dann rein kalkulatorisch nicht mehr, weil der Höchstrechnungszins die gesetzlich vorgegebene Obergrenze für den Kalkulationszins darstellt.

Notwendigkeit, Garantien neu zu justieren

Produkte mit gesetzlich obligatorischer Beitragserhaltungsgarantie, wie Riester und die Beitragszusage mit Mindestleistung in der bAV, stehen damit vor dem Aus. Die Bemühungen von Branchenvertretern, die amtierende Bundesregierung noch in der laufenden Legislaturperiode zu einem Reformprozess zu bewegen, waren vergebens. Im Kern ranken sich die Reformbestrebungen um eine Abkehr von der vollständigen Beitragsgarantie, etwa auf 80 Prozent der eingezahlten Beiträge. Zugleich schwingt in der Argumentation mit, dass sich Lebensversicherer die gegebenen Garantien auch für die gesamte Vertragslaufzeit bilanziell leisten müssen, also mithin eine angebrachte Vorsicht walten lassen sollten. Nicht zuletzt ist der neue Höchstrechnungszins von der Deutschen Aktuarvereinigung und damit aus Branchenkreisen selbst vorgeschlagen worden. Denn das seit Jahren vorherrschende Niedrigzinsumfeld erschwert es den Anbietern, ihre Garantieverpflichtungen in der Handelsbilanz zu finanzieren. Abhilfe schaffen die Zinszusatzreserven, die aber auch erstmal ausfinanziert werden müssen.

Hinzu kommt, dass das unter dem geltenden Aufsichtsregime Solvency II geforderte Eigenkapital in Extremzinszeiten auf die Solvenzquote drückt. Pauschal gesagt fällt die Solvenzquote umso geringer aus, je mehr Garantien eine Assekuranz in den Büchern hat. Daher müssen die Lebensversicherer ihr Kapital künftig (noch) effizienter einsetzen. Dort, wo nicht gesetzlich vorgeschrieben, haben viele Gesellschaften die Garantien im Neugeschäft schon gesenkt. Der Marktführer Allianz ist hier nur ein Beispiel von vielen, wenn auch ein prominentes. Weitere Versicherer werden spätestens mit der Rechnungszinssenkung zum 01.01.2022 folgen. Das Verhältnis von vermeintlicher Sicherheit und realistischem Renditeanspruch der Kunden muss damit neu austariert werden.

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Apropos Kunden: Auch sie müssen sich fortan von der über Generationen verbreiteten Selbstverständlichkeit lösen, dass eine klassische Lebens- oder Rentenversicherung auf jeden Fall die eingezahlten Beiträge abwirft. Dies erfordert ein tiefgreifendes Umdenken. Es kann gelingen, wenn Kunden die Garantie fortan nicht als Selbstverständnis einordnen, sondern primär als Sicherheitsnetz für den „Worst-Case“. Dieses kann prinzipiell auch von einer geringeren Garantie aufgespannt werden. In Kombination mit kollektiven Sparprozessen und dem enthaltenen biometrischen Versicherungsschutz bieten damit auch moderne Policen vielfach noch valide Sicherheitselemente.

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