Kann ein jeder in Aktien investieren - und sollte er das tun? So lässt sich die aktuelle Debatte überschreiben, die Friedrich Merz vorgeschlagen hat. Der CDU-Politiker ist nicht nur Kandidat für den Vorsitz seiner Partei und könnte in wenigen Jahren Bundeskanzler sein. Er ist auch Chef des deutschen Aufsichtsrats von Blackrock, weltgrößter Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von 6,3 Billionen Dollar. Das sind sechs mal tausend Milliarden Dollar - eine aberwitzig große und kaum vorstellbare Zahl.

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Aktien als Altersvorsorge

CDU-Politiker Friedrich Merz. Bildquelle: CDUtv / YoutubeDen Anstoß für die Debatte gab Merz mit einem Interview, das am Wochenende in der „Welt am Sonntag“ veröffentlicht wurde. Darin sprach sich Merz dafür aus, Anreize zu schaffen, neben der gesetzlichen Rente eine zusätzliche Altersvorsorge über Aktien aufzubauen. "Wir sollten die Aktienmärkte nutzen, um langfristig eine bessere Vermögens- und Kapitalbildung in den privaten Haushalten zu schaffen“, sagte er der Zeitung.

Merz schlägt einen jährlichen Steuerfreibetrag vor, mit dem die Sparer einen auf Aktien basierenden Vorsorgeplan aufbauen könnten - "dieser dürfte im Alter nicht mehr nachversteuert werden", betonte er. Wichtig sei, dass das Aktienpaket erst dann genutzt werden dürfe, wenn die Regelaltersgrenze erreicht worden sei. Der 63jährige rechnet mit zusätzlichen Kosten für den Staat im dreistelligen Milliarden-Bereich. Weil der Bund aber auch 100 Milliarden Euro pro Jahr ausgebe, um die gesetzliche Rente zu stabilisieren, sei dies „verkraftbar“.

Aktien können Altersvorsorge sinnvoll ergänzen

Tatsächlich spricht zunächst erst einmal nichts dagegen, Teile der Altersvorsorge auch mit Aktien abzudecken. Denn während zinsbasierte Anlageformen aktuell wenig bis nichts abwerfen, zeigen sich Aktien langfristig ertragreich - wenn man denn auf die richtigen setzt.

So erhebt das Deutsche Aktieninstitut (DAI) in Stuttgart eine Statistik, das sogenannte DAX-Renditedreieck, was in einfacher Form die Wertentwicklung an den deutschen Aktienmärkten versinnbildlichen soll. Dabei werden neuerdings auch monatliche Fonds-Sparpläne berücksichtigt. Das Ergebnis: Wer im Jahr 2000 begonnen hätte, monatlich den gleichen Betrag in den DAX zu investieren, hätte eine jährliche Rendite von 8,5 Prozent erwirtschaften können - auch mit vermeintlich sicheren Anlagen wie ETFs. Das ist mit neu abgeschlossenen Zinsprodukten derzeit in der Regel nicht zu erzielen.

Selbst die sonst so skeptischen Verbraucherzentralen sind dazu übergegangen, den Bürgern ein verstärktes Investment in Fonds und Aktien zu empfehlen. „Wer breit gestreut in die Aktienmärkte investiert, kann auf deutlich höhere Erträge hoffen. So hat sich der Wert der Aktienmärkte gemessen am MSCI World Index seit 2009 verdoppelt“, heißt es auf verbraucherzentrale.de. Solche beeindruckenden Kursanstiege seien aber nicht die Normalität. „Die Historie der Aktienmärkte zeigt: Unterm Strich sind die Erträge im langfristigen Durchschnitt jährlich um rund 4 Prozent höher als bei sicheren Geldanlagen.“ Ein Auf und Ab an den Börsen mit zwischenzeitlichen Verlusten sei zudem unvermeidbar.

Vor allem Gutverdiener sind Aktienbesitzer

Doch die Deutschen sind traditionell Aktienmuffel. Aktuell gibt es nur rund zehn Millionen Aktionäre in Deutschland, ihre Zahl ist in den letzten Jahren kaum gestiegen: etwa jeder sechste Deutsche investiert also in Fonds und Aktien. Sechs von zehn Aktienbesitzern waren zudem in 2017 bereits 50 Jahre oder älter, so berichtet der „Spiegel“ ebenfalls unter Berufung auf eine DAI-Studie.

Stattdessen investiert die Mehrheit der Bundesbürger nach wie vor in vermeintlich sichere Anlagen wie Sparbücher oder Tagesgeld. Diese bedeuten unter der Berücksichtigung der Inflation aber, dass das Vermögen schrumpft. Die Webseite tagesgeldvergleich.net errechnet für neu abgeschlossene Sparbücher aktuell einen durchschnittlichen Zins von 0,10 Prozent: eingerechnet wurden 55 Angebote. Das ist im Grunde nix.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wer von einem Steueranreiz für Aktien profitieren würde. Zum jetzigen Zeitpunkt wären es vor allem Gutverdiener. Das zeigt schon der Blick auf die Struktur der Aktionäre. Rund 4 Millionen Aktienbesitzer verfügten 2017 über ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von über 4.000 Euro, so berichtet das DIA - das ist mehr als jeder dritte Aktienbesitzer. 2,6 Millionen Aktienbesitzer haben ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von 3.000 bis 4.000 Euro. Das entspricht weiteren 26 Prozent. Zwei Drittel aller Aktienbesitzer in Deutschland verdienen folglich mindestens 3.000 Euro netto im Monat.

Dem entgegen besitzen Menschen mit kleinerem Geldbeutel derzeit kaum Aktien und Fondsanteile. Nur 13,1 Prozent der deutschen Aktienbesitzer haben ein monatliches Nettoeinkommen von 2.000 bis 3.000 Euro. Die Einkommensgruppe unter 2.000 Euro ist sogar nur mit 5,9 Prozent vertreten. Hier stellt sich die Frage, wie viel diese Menschen tatsächlich zusätzlich in Aktien investieren können, wenn das Geld ohnehin zum Leben kaum reicht.

5 Euro pro Tag für Aktien? Haben viele nicht!

Bezüglich der Altersvorsorge lässt eine Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin aufhorchen. Rund die Hälfte der deutschen Haushalte hat im Monat demnach weniger als 150 Euro zum Zurücklegen übrig. Friedrich Merz hatte in der ARD zusätzlich vorgeschlagen, dass die Bürger täglich vier bis fünf Euro in Aktien investieren sollen. Es komme darauf an, dass man in jungen Jahren mit kleinen Beiträgen anfange - "das können schon vier oder fünf Euro am Tag sein".

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Hier verkennt Merz die finanziellen Möglichkeiten vieler Haushalte. Fünf Euro pro Tag an der Börse zu investieren, wäre für jeden zweiten deutschen Haushalt eine zu hohe Hürde, so die Lehre aus der DIW-Studie. Dann bliebe ihnen schlicht kein Geld übrig, um in andere Formen der Vorsorge zu investieren oder grundsätzlich Geld zurückzulegen: Sie müssten ihre Rücklagen komplett mit Fonds und Aktien gestalten. Auch Vorsorgeformen wie Renten-, Pflegezusatz- oder Risikolebensversicherungen wären pas­sé. Hier wäre es Aufgabe der Politik erst einmal dafür zu sorgen, dass den Menschen mehr Geld zum Leben übrig bleibt, zum Beispiel über faire Löhne.