Die Lage ist ernst. Immer mehr Versicherer bekommen es angesichts der Fieberkurven der eigenen Lebensversicherungstöchter mit der Angst zu tun. Teile der politischen Führung des Landes wollen der privaten Altersversorgung als der dritten Säule der Altersversorgung helfen, wissen aber angesichts der globalen Probleme bei Finanzen, Wirtschaft und armutsbedingter Völkerwanderung nicht mehr wie.

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Die Finanzkrise ist noch lange nicht vorbei

Die gesamte Struktur der privaten Altersversorgung von Versicherern und Vertrieb bis hin zum Kunden ist im weltweiten Wirtschafts- und Finanzsystem gefangen. Die Globalisierung bringt für Deutschland und seine Wirtschaft nicht nur viele Chancen, sondern eben auch Risiken.

Der durch den Lehmann-Crash eingeleitete Sturm für die Finanzwirtschaft sowie die durch die EU-Institutionen eingeleiteten Maßnahmen zu einer erhofften Gesundung der europäischen Finanzstruktur haben die deutschen Versicherer hart und vor allem dauerhafter getroffen, als viele Entscheider wahrnehmen wollten.

Bereits vor einigen Jahren war einigen weitsichtigen Führungskräften aus Politik und Wirtschaft klar, dass nach der dauerhaften Niedrigzinsphase in Japan auch Europa die gleiche Krankheit droht.

Ich muss dabei immer an eine Aussage eines Finanzvorstandes eines der größten Versicherer Deutschlands vor ungefähr fünf Jahren denken. Sinngemäß formulierte er so: Wir sind stehend KO, wir wollen es nur nicht wahrhaben. Bereits heute zahlen wir Lebensversicherungen mit einer Rendite aus, die wir uns eigentlich nicht mehr leisten können.

Erst Aussitzen, dann immer heftigere Kritik an der Niedrigzinspolitik

Abwarten und Aussitzen gehörten wohl zu den Haupteigenschaften für manches Management. Nur wenige Lebensversicherer reagierten freiwillig und weitsichtig auf die sich verändernde Situation. Zu den Vorreitern gehörte zweifellos die Allianz mit ihrer 2007 in den Markt gebrachten „Index Select“.

Der @AssekuranzDoc

Dr. Peter Schmidt ist Experte Personenversicherungen und Unternehmensberater im Bereich Versicherungen, Vertriebe und Makler mit langjähriger Erfahrung als Führungskraft und Vorstand bei deutschen Versicherern und twittert als @AssekuranzDoc.

Das Fähnchen der klassischen Lebensversicherung mit nicht mehr realisierbaren Versprechen an die Kunden wurde derweil vom Rest des Marktes weiter geschwenkt. Etwa erst ab 2012 wurden beim Gesamtverband der Versicherer die Töne zur Situation ernster.

Man war aber noch optimistisch, die Lage in den Griff zu bekommen. O-Ton: „Sorgen, dass die Lebensversicherer ihre garantierten Leistungen kurz- und mittelfristig nicht mehr erbringen können, sind deshalb unbegründet...Unstrittig ist aber auch, dass die Niedrigzinsphase eine ernste Herausforderung für die deutsche Versicherungswirtschaft und eine Belastungsprobe für die private Altersvorsorge ist.“

Inzwischen formuliert man die Sorgen lauter und härter. Die sonst eher politisch korrekt und diplomatisch auftretende GDV-Führung fordert massiv eine Abkehr von der Niedrigzinspolitik. „Das ist fatal für die Bürger – auf Dauer aber auch eine Katastrophe für den Staat.“

Manche Medizin ist weder für den Patienten noch für den Arzt hilfreich

„Fehler werden in guten Zeiten gemacht“. An diese Weisheit erinnert, wenn man an den einsetzenden Aktionismus einerseits und die passive Verdrängungspolitik zur eingetretenen Realität andererseits mit dem Mitte 2014 verabschiedeten LVRG denkt.

Versicherer, die bereits mit der Umsetzung der Maßnahmen um Solvency II sowie der Entwicklung und Umstellung der Lebensversicherungsprodukte auf Hybridtarife oder komplett fondsgestützte Produkte an der Kapazitätsgrenze waren, wurden nun per Gesetz zur Kostenreduzierung durch zusätzliche Aufwendungen verdonnert.

Das LVRG verfolgt zwei Hauptziele. Die Absicherung stabiler und fairer Leistungen für lebensversicherte Verbraucher und die Sicherung der Leistungsfähigkeit der Lebensversicherungen in Deutschland. Doch die Umsetzung sollte zu einer bitteren Medizin für alle Seiten werden.

Die Umstellung auf neue Produkte und neue Vergütungssysteme war kostenintensiv und hatte Langzeitwirkung für den eigenen Vertrieb. Im Verlaufe von ungefähr 20 Monaten stellten fast alle Lebensversicherer die Vergütung vor allem für die freien Vermittler von Lebensversicherungen um.

Im Wesentlichen folgten die Versicherer drei neuen Vergütungsmodellen. Die Stellschrauben der Senkung der Vergütung lagen bei der Abschlusscourtage, der laufenden Anschlussourtage, der Bestandspflegecourtage und der Stornohaftung.

Im Ergebnis wurden Courtagen und Provisionen entweder massiv reduziert (teilweise um über 30 Prozent) oder mit Strafen bei Stornierung von Verträgen innerhalb der ersten zehn Jahre der Laufzeit belegt. So war es leicht absehbar, dass die Versicherer mit pauschalen Kürzungen der Abschlussvergütung Einbrüche im Neugeschäft zu erwarten hatten. Und genauso kam es.

In der Konsequenz wendeten sich immer mehr Vermittler aus eigenen wirtschaftlichen Erwägungen immer mehr von der Beratung für private Altersversorgung ab. Besonders die Analyse der Umsatzeinbrüche im Jahr 2015 brachte manchen Vermittler, der dem Geschäftsmodell der privaten Altersvorsorge durchaus positiv gegenüberstanden, zur Abkehr von demselben.

Verbraucher sehen keine Vorteile mehr

An keinem Verbraucher gehen diese Entwicklungen ohne Kenntnisnahme vorbei. Niedrige Zinsen, unwillige Vermittler, Medienschelte und auch unklare politische Orientierungen hinterlassen Wirkungen.

Im Laufe der Jahre wurde das Produkt „eigene Vorsorge fürs Alter als Ergänzung zu gesetzlichen Rente“ immer stärker beschädigt. Dabei hatten Ende des 20. Jahrhunderts durchaus viele Verbraucher verstanden, dass die Rente eben nicht sicher ist. Aber wer hat die Deutschen auf den Holzweg geführt?

Jahrelang wurden Lebensversicherungen mit Renditeversprechungen verkauft. Wer bietet mehr Zinsen. Wer bietet mehr Überschüsse. Diese Praxis war der Anfang vom Holzweg Nummer 1.

Gemeinsam mit ihren Vermittlern haben die meisten Versicherer keinen vernünftigen Weg gefunden, die Kosten für den Vertrieb zu senken und trotzdem eine qualitativ hochwertige und kompetente Beratung zur privaten Altersvorsorge angemessen und für die Vermittler auskömmlich zu honorieren. Das war dann Holzweg Nummer 2.

Auch die Politik hat ihren Beitrag zu den Wegen des Irrtums geleistet. Zum Holzweg Nummer 3 wurde die zögerliche Verfahrensweise bei der Förderung der betrieblichen Altersversorgung, der Weiterentwicklung von Riester- und Rürup-Rente und vor allem der von den Menschen gewünschten Schutzwürdigkeit der privaten Altersvorsorge im Alter bei Notsituationen wie Hartz IV, Privatinsolvenzen oder im Pflegefall.

Sollte diese politische Verzögerungstaktik den gesellschaftlichen Kräften in die Karten spielen, die den allvorsorgenden Staat als Universalmedizin propagieren? Die Gegner von Eigenvorsorge verbreiten nicht erst seit heute bei den Themen Kranken- und Rentenversicherung ihr „Opium“. Oder gibt es da etwa einen Gleichklang mit den Forderungen nach Freigabe des Verkaufs bestimmter Drogen?

Nur der Vollständigkeit halber seien die unsäglichen und die Verbraucher irritierenden Aktivitäten von Kritikern der Riester-Rente, einigen Verbraucherschützern und Medienvertretern zu nennen, denen jede Negativentwicklung eine Schlagzeile wert ist. Erst kürzlich wurden in einer Ausgabe von Ökotest die Altersvorsorgeprodukte der Branche als „übelste Verbrauchertäuschung“ durch Verbraucherschützer kritisiert.

Ein besonderes Bonmot in dieser Aufzählung dürfte die populistische Forderung des Ministerpräsidenten von Bayern, einem bekanntlich der Wirtschaft und dem Mittelstand aufgeschlossenen Bundesland, nach Auflösung der Riester-Verträge gewesen sein.

Weitere Komplikationen für den Patienten in Sicht

Weitere negative Wirkungen für die private Altersversorge sind durch die avisierte Absenkung des Höchstrechnungszinses ab 2017 auf 0,9 Prozent zu erwarten. Die Politik scheint trotz vieler warnender Stimmen festen Willens zu sein, diesen Weg zu gehen.

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) hat eine entsprechende „Erste Verordnung zur Änderung von Verordnungen nach dem Versicherungsaufsichts-Gesetz“ verabschiedet und veröffentlicht. Das SPD-geführte Ministerium setzt die Lebensversicherungs-Unternehmen unter weiteren enormen Zeit- und Kostendruck, der sich nur negativ auswirken kann.

Statt einem klaren JA und entsprechender Förderung für die zusätzliche private und betriebliche Altersversorgung wird es zusätzliche kostenintensive Belastungen für die Beratungsdokumentation (neue Produktinformationsblätter für Riester- und Basisrenten) geben. Und die mit engen Ressourcen ausgestatteten Aktuariate und IT-Abteilungen werden von drängenden Vorhaben durch die Umsetzung der neuen gesetzlichen Regelungen abgehalten.

Es wundert demnach nicht, wenn sich immer mehr Versicherer mit dem Thema Lebensversicherung schwer tun. Die Umsatz- und Kostenprobleme führten bereits bei einigen Versicherern zum Signal für den Rückzug aus der Sparte Leben oder auch zu einem Verzicht auf die Zusammenarbeit mit freien Vermittlern. Exemplarisch sei bei den Großen der Branche auf die gewaltigen Herausforderungen bei der Ergo verwiesen. Sorgen machen aber auch die zahlreichen Probleme bei kleineren Versicherern. Gegenüber ProContra-Online äußerte ein Unternehmenssprecher der Hanse-Merkur: „Momentan sehen wir kein gutes Umfeld für das Lebengeschäft, sodass wir den vertrieblichen Fokus auf die Kranken-, Reise- und Kompositsparte verlagern“.

Diese Signale sind für uns alle fatal. Deutschland hat eine herausragende Tradition mit Lebens- und Rentenversicherungen als Beitrag für eine zusätzliche und zuverlässige finanzielle Versorgung im Alter. Und diese brauchen wir auch weiter, denn weder in der Vergangenheit noch in der demografisch komplizierten Zukunft kann der Staat für alle Bürger eine Vollversorgung mit einer gesetzlichen Rente gewährleisten. Es sei denn man will eine Armutsversorgung nach dem Modell Nordkorea.

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Deshalb gibt es nur eine vernünftige Medizin, die aus vier Elementen bestehen sollte:

  • 1. Förderung der betrieblichen und privaten Altersvorsorge mit verlässlichen Sicherheiten für die Verbraucher. Da ist die Politik in der Pflicht.
  • 2. Vorsorgeprodukte, die für den Kunden verständlich, transparent und bedarfsgerecht die gewünschten Leistungen für das Risiko der Langlebigkeit bringen. Und die kann bei Altersvorsorgeprodukten in erster Linie nur in einer garantiert lebenslangen Versorgung ab dem Rentenalter bis zum Tod bestehen.
  • 3. Produkte zur finanziellen Absicherung der Arbeitskraft, bei Krankheit oder des Todesfalls müssen im Rahmen bestimmter Regeln leichter für alle Kunden zugängig werden.
  • 4. Und es braucht dafür auch Berater, die eine komplizierte Materie wie Fonds- oder Indexpolicen oder auch Vergleich von Berufsunfähigkeitsversicherungen kompetent erklären und vermitteln können. Und diese Berater und Vermittler müssen von dieser Tätigkeit auch leben können.