Für alle, die später aus der Schule kamen: Friedrich Schiller, Die Bürgschaft: "Zu Dyonis, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande... “. Im Folgenden wird Schillers „Bürgschafts"-Text (sehr) frei zitiert.

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...ihn schlugen die Häscher der Banken.

Nils-Christian Müller aus Hamburg ist Spezialist für Kautionsversicherungen und Bürgschaften. Sein typischer Kunde ist Tankstellenpächter. Und der muss zum Beispiel Aral, Esso & Co Bürgschaften stellen. Immerhin ist eine Tankstelle eine wichtige Inkassostelle des Staates (auch und überwiegend) für Mineralöl- und Mehrwertsteuer - mit der ein Pächter, wäre er böse, ja weglaufen könnte.

...was wolltest du mit der Bürgschaft, sprich! Entgegnet die Bank dem Kunden (dem Wüterich)

Nur einen Monat den Umsatz einer großen Tankstelle veruntreut, das könnte theoretisch ein ganzes Ganovenleben finanzieren. Deswegen verlangen die Mineralölgesellschaften vom Betreiber einer Tankstelle Bürgschaften. Diese gibt es bei Banken und Versicherungen. In einer Ideal- oder besser (oder schlechter?) Fatal-Kombination zum Beispiel bei den genossenschaftlichen Raiffeisen- und Volksbanken und ihrem traditierten R+V-Banken-Partner: der R+V Versicherung.

Der Kunde: ... meine Tankstelle von den Banken befreien. Die Bank: Das sollst du am Kreuze bereuen!

Am Beispiel R+V, Bank und Assekuranz bedeutet das Kreuz: Bürgschaften erhält der ehrliche Tankstellenpächter aus einem Mix von Bürgschaften der jeweiligen R+V-Bank und des namensgleichen Versicherers. Für die Bank muss der Pächter 1:1 Bargeld-Wert als Kaution hinterlegen, was das Risiko der Bank gegen Null laufen lässt. Den Rest trägt die so genannte Kautions-Versicherung. Aber:

Der Kunde: Ich flehe dich um drei Tage Zeit. Bis ich die Versicherung der Bank gefreit...

Aber in vielen Fällen verlangt die tyrannische Bank, so schildert es Nils-Christian Müller, neben der – eigentlich das Risiko deckenden – Prämie für die Kautionsversicherung eine weitere Police in des Kunden Schrank. Sei es eine für den Kunden unsinnige Unfall- oder eine Rentenversicherung. Im Falle des Falles, der Pleite des Tankstellenpächters, kassiert die Bank die Versicherung samt Leistung. Da kann die im Beispiel genannte R+V-Versicherung nix dafür. Die Banken sind’s.

Die Banken: Die Frist will ich dir schenken. Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist, eh' du zurück mir gegeben bist, so muss die Versicherung an deiner statt erblassen, doch dir ist die Strafe erlassen.

Zu diesen Policen: Meist zahlt der Kunde hier einen Einmalbeitrag. Plus Abtretung zugunsten der Kautions-Versicherung oder der Bank; was das Risiko der Institute im Gesamten wiederum ebenfalls gegen Null laufen lässt. Dennoch zahlt der Kunde außerdem an die Bank eine Aval-Gebühr, quasi eine Risikoprämie für die Bürgschaft.

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund (hier ist das die Ver-Sicherung), und liefert sich aus dem Tyrannen (der Bank?).

Nachgerechnet haben Bank und Versicherung unterm Strich exakt null Risiko. Aber der Kunde hat hohe Kosten, mit denen eigenes Geld „gesichert“ wird. Damit Aral, Esso & Co zufrieden sind. Nils-Christian Müller: „Zusätzlich, und das ist die größte Frechheit, soll der Kunde eine Warenkreditversicherung abschließen, die ihn gegen Nichtzahlung oder Insolvenz seiner Kunden schützt“. Obwohl die meisten Tankstellenkunden bar oder mit EC-/Kreditkarte bezahlen – und es gar keinen (quasi wahren :-) Kredit gibt!

"Mich, Henker", ruft er, "erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!"

Abgesehen von der unsinnigen Warenkreditversicherung sagt Müller: „Wir konnten den Antrag (Rentenversicherung mit Einmalbeitrag) bei dem Versicherer stoppen. Die Bonität des Kunden haben wir messbar verbessern können, so dass der Pächter für die Bürgschaft keinerlei Sicherheit mehr brauchte.“ Der Kunde hatte sein Bargeld wieder zurück. Gut 50.000 Euro eigenes Geld für 75.000 Euro Sicherheiten.

„Und Erstaunen ergreifet das Volk umher. In den Armen liegen sich beide...“

In den Armen liegen sich beide...

Feinde? Die Riester-Rente sei ist ein „totgerittenes Pferd“, sagte Versicherungs-Kritiker Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV) kürzlich. Dagegen: Die „Kampagne gegen Riester-Rente“ sei eine „Katastrophe“, textete der die Riester-Rente propagierende - und an Riester über seine Vermittler kassierende - Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) 2013 in einem Interview von Walter Riester.

Freunde? Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zitiert aktuell: „Genossen und Sparkassen zwingen Kunden zum Abschluss einer Versicherung in Verbindung mit Geldprodukten“, sagt Michael H. Heinz. Zu Koppelgeschäften, die die seit Januar gültige Vertriebsrichtlinie der EU (IDD) deutlich untersagt (und separate Angebote zu Kredit wie zu Versicherung fordert und dem Kunden juristisch gesehen auch bietet), äußert sich Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV) in Hinsicht auf Kredite und Restschuld-Versicherungen: „Es wird das Komplettpaket verkauft, selbst wenn der Kunde eine eigenständige Risikolebensversicherung haben will“. Heinz vom BVK sagt: „Das ist Knebelpolitik unter dem Deckmantel: Wir sind deine Hausbank“. BVK und BdV scheinen also (hier) gegen Banken einig.

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"Es ist euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen;

Zurück zu Nils-Christian Müllers Kundenbeispiel: Die „Lücke“ für die eigentliche Bürgschaft waren letztlich nur 25.000 Euro (die fast jeder Privatkunde blanko, also ohne Sicherheiten, von Banken bekommt), sogar noch abzüglich 11.000 Euro cash für einen Einmalbeitrag in eine unsinnige Rentenversicherung. Müller: „Was mit diesem Betrag (11.000 Euro cash, Anm. d. Red.) und Vertrag mangels Bedarf des Kunden nun geschieht, wird noch geprüft’“. Der gute Finanzberater, nicht nur für Bürgschaften-Beispiele, wird nun sagen können (frei nach Schiller):

„Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte!"