Dass statistische Erhebungen je nach Auftraggeber von Interessen geleitet sein können, dass die Ergebnisse Interpretationsspielraum lassen und manchmal auch der Zufall eine Rolle spielt, ist im Grunde eine banale Erkenntnis. So weist etwa der Statistiker Gerd Bosbach in seinem Buch „Lügen mit Zahlen“ auf das Kuriosum hin, dass ausgerechnet der Vatikan die höchste Kriminalitätsrate der Welt besitzt. Sind die Katholiken besonders kriminell? Ist der Papst nur von Gaunern und Übeltätern umgeben? Nein, es liegt an der Erhebungsmethode: Die Kriminalitätsrate zeigt an, wie viele Verbrechen pro Einwohner verübt werden. Und da der Vatikan kaum Einwohner hat, aber viele Touristen empfängt, treibt jedes Delikt eines Reisenden die Kriminalitätsstatistik in die Höhe. Zur Verbrecherhochburg verkommt der Kirchenstaat dennoch nicht. Das Gefängnis des Vatikans bietet nur zwei Personen Platz und wird zur Zeit als Lagerhalle verwendet.

Anzeige  

 

Zwei Studien, zwei Ergebnisse

Kurios ist es jedoch, wenn an einem Tag zwei Studien im Postfach landen, die sich scheinbar dem gleichen Thema widmen – aber zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen. „Das Vertrauen in professionelle Anlageberater kehrt zurück“, titelte der Versicherungsbote vor wenigen Stunden und verwies auf eine Umfrage im Auftrag der Heidelberger Lebensversicherung AG, die sich speziell der Finanzberatung in Sachen Altersvorsorge widmete. Auf die Frage, über welche Kommunikationskanäle sich die Bürger zur Altersvorsorge informieren würden, geben 46,3 Prozent die Berater einer Bank oder Sparkasse an (+3 Prozentpunkte gegenüber 2010). Auf Platz zwei folgen mit 45,7 Prozent unabhängige Finanz- bzw. Versicherungsberater (+5,4 Prozentpunkte). Die Interpretation dieser Zahlen erfolgte durchaus verallgemeinernd im Sinne des Finanzvertriebes: immer mehr Menschen würden sich wieder auf professionelle Anlageberater verlassen, das verlorengegangene Vertrauen nach der Finanzkrise zurückkehren. Na, da kann es um die Qualität der Finanzberatung in Deutschland so schlecht nicht bestellt sein?

Daten im Clinch miteinander

Nur wenige Minuten, nachdem wir die frohe Botschaft auf unserer Homepage verkündet hatten, lag schon eine neue Pressemitteilung in unserem Postfach. Nicht mit dem Schwerpunkt Altersvorsorge wie die erste Studie, aber auch hier war die Finanzberatung das zentrale Thema. Und prompt wurde der vorsichtige Optimismus der Heidelberger-Welt erschüttert.

Als Übeltäter entpuppte sich eine repräsentative Umfrage des französischen Marktforschungsinstitutes TNS Sofres im Auftrag der Fondsgesellschaft Fidelity Worldwide Investment. Diese Studie präsentierte nun andere Zahlen: demnach sinkt das Vertrauen in die Finanzberatung sogar! Und dieser Vertrauensverlust kann belegt werden, mit Daten, mit harten Fakten, mit einer repräsentativen Umfrage.

Um das Ergebnis der Studie zu zitieren: „Das Vertrauen vieler deutscher Anleger in ihren Finanzberater hat seit der Finanzkrise 2008 deutlich gelitten und ist seit Mitte 2010 nochmals gesunken. Zwar werden Banken, Versicherungen und und andere Berater weiterhin von einer Mehrheit der Anleger bei der Geldanlage herangezogen. Allerdings wächst die Zahl der Anleger, die selbst über ihre Finanzanlagen entscheiden.“ Vertrauen gestiegen, Vertrauen gesunken – ja, wie denn nun?

Kein Vertrauen in den eigenen Berater - und dennoch wird er um Rat gebeten

Die Zahlen von Fidelity Investments sind durchaus nicht erfreulich. Demnach gaben 38 Prozent der Deutschen an, dass sie ihrem wichtigsten Finanzberater heute weniger vertrauen würden als im Jahr 2008. Damit ist das Vertrauen in Deutschland sogar stärker zurückgegangen als im Durchschnitt der untersuchten europäischen Länder (31 Prozent)!

Und glaubt man den Ergebnissen der Befragung, bröckelt das Vertrauen weiter. Gaben in der ersten Umfrage vor einem Jahr noch 16 Prozent der deutschen Anleger an, dass sie ihrem Finanzberater voll vertrauen, sind es mittlerweile nur noch 13 Prozent. Umgekehrt erklärt mittlerweile ein Fünftel der Befragten, dass sie ihrem Berater nur noch wenig oder gar nicht mehr vertrauen würden. Mehr als zwei Drittel sind zudem überzeugt, dass ihr Berater in erster Linie seine eigenen Interessen verfolgt – und nicht im Interesse des Kunden handelt.

Welches Ergebnis darf es sein?

Zwei Studien also mit zwei grundverschiedenen Aussagen – doch für welche Interpretation will man sich nun entscheiden?

Man könnte versuchen beide Ergebnisse miteinander zu verknüpfen. Demnach bevorzugen die meisten Deutschen tatsächlich eine professionelle Beratung bei Banken und Finanzberatern, wie es die Heidelberger – Studie nahe legt – die Kunden sind aber dennoch nicht mit der Beratung zufrieden, wie es zugleich die Fidelity-Studie vermuten lässt. Denn dass sich die Deutschen an professionelle Berater wenden, heißt noch lange nicht, dass sie deren Beratungsleistung rundum schätzen. Vielleicht mangelt es einfach an Alternativen: dann würden die Deutschen eine professionelle Beratung bevorzugen, obwohl sie mit der Beratungsleistung hadern. Sie hoffen besser beraten zu sein, als wenn sie ohne Rat auf dem komplexen Feld der Finanzanlagen tätig werden.

Anzeige  

 

Oder man kann einfach akzeptieren, dass die Studien unterschiedliche Designs hatten, dass unterschiedliche Fragen im Mittelpunkt standen und unterschiedliche Experten die Ergebnisse unterschiedlich deuteten – womöglich im Interesse ihrer Auftraggeber. Je nachdem, ob man eine eher wohlwollende oder kritische Sicht auf die Finanzberatung hat, kann man sich dann auf eine der beiden Studien beziehen und die andere unter den Tisch fallen lassen. Denn statistische Zahlen sprechen nie für sich allein – sie werden von verschiedenen Interessengruppen interpretiert.