Jan Kuhlbrodt
Kommentar | 01.11.11
 

Das Pinocchioprinzip oder Wirtschaftsdemokratie und Solidarität

In Carlo Goldonis berühmtesten Werk überreden eine Füchsin und ein Wolf die lebendige Holzpuppe Pinocchio, das ihr von ihrem Schöpfer anvertraute Geld bei Vollmond auf einer Lichtung zu vergraben, weil dann ein Golddukatenbaum daraus wüchse und reiche Geldfrucht trage. Die Ernte würde die Saat um ein Vielfaches übersteigen. Insgeheim graben die Bösewichter das Geld natürlich aus und machen sich damit aus dem Staub.

Ähnlich dem Romanhelden muss es den Kleinanlegern in der letzten Finanzkrise gegangen sein, und ähnlich muss es den Steuerzahlern in der gegenwärtigen gehen. Wer Fuchs und Wolf sind, bleibt dabei allerdings offen: die Regierungen, die Banken, oder am Ende die unbelehrbaren Griechen, die sich derzeit mit Händen und Füßen gegen die Sparbeschlüsse ihrer Regierung zu Wehr setzen. Allein das Ergebnis ist für den sogenannten Steuerzahler in jedem Falle das gleiche. Ungeheure Berge von Geld drohen zu verschwinden oder sind schon verschwunden, ohne dass die Golddukatenbäume in die Höhe wuchsen. Das erzeugt Angst und diese Angst ist mehr als verständlich. Denn schon werden in den Geschäftsindizes die Vorläufer einer kommenden Rezession erkennbar.

Und es ist viel von den Märkten die Rede, die ihr Vertrauen in den Euro und die europäischen Regierungen verloren hätten. Die Ratingagenturen drohen, die Kreditwürdigkeit der Staaten herabzustufen oder haben es schon getan, was die Banken wiederum in die Lage versetzt, die Zinsen der entsprechenden Darlehen zu erhöhen und damit das Wachstum der Staatsverschuldungen noch mehr zu beschleunigen.
Was läuft da falsch?

Es wäre geradezu irrwitzig, einzelnen Völkern, wie zum Beispiel dem griechischen, den Schwarzen Peter zuzuschieben. Sicher gibt es in Griechenland Korruption. Sicher gibt es in Griechenland eine unheilige Verschmelzung von Politik, Wirtschaft und lokalen Entscheidungsträgern. Aber das gibt es in Deutschland auch. Freunde von mir, haben vor Jahren einmal versucht, in Leipzig ein Grundstück zu kaufen, und das gebaren der städtischen Institutionen war mehr als fragwürdig, die Entscheidungen undurchschaubar. Vielleicht würde man so einen Fall heute „griechisch“ nennen. Und ich vermute, dass das kein Einzelfall ist.

Dass Deutschland derzeit besser dasteht, als andere europäisch Staaten liegt an der Größe seiner Volkswirtschaft, einer gewissen Trägheit, ihr Körper kann mehr Deformation vertragen, als der kleinerer anfälligerer Staaten, ohne Krankheitssymptome auszubilden. Auch hier gibt es einen Mangel an demokratischer Kontrolle. Und wenn Banken wirklich geradezu grundlegend für das wirtschaftliche Fortkommen sind, wenn es ihre Aufgabe ist, Investitionen zu ermöglichen, und die Maschine am Laufen zu halten, müssen sie demokratisch kontrolliert werden. Das setzt die ökonomische Bildung des Souveräns, also der europäischen Bevölkerung voraus und entsprechende Institutionen.

Am Ende von Goldonis Roman verwandelt sich Pinocchio übrigens in ein menschliches Wesen, weil er gelernt hat und in diesem Prozess auch Mitmenschlichkeit und Solidarität gezeigt. Niemals mehr würde er sich von Finanzjongleuren übers Ohr hauen lassen.

 
 

Kommentare (3)Kommentar schreiben
 
Wunderbar! 
Sehr schöner Text, vielen Dank, Hr. Kuhlbrodt!
geschrieben von Nadine Binsberger am 06.11.2011 13:57
 
Die menschliche Natur 
ist nun mal wie sie ist, glauben und hoffen -wider besseren Wissens- toller Beitrag!
geschrieben von Börker am 08.11.2011 10:15
 
Zwei Seiten ein und derselben Medaille 
Wenn in Griechenland 2.000 Familien über 80 % des Volksvermögens besitzen und faktisch keine Steuern bezahlt haben, weiß man, wo Geld zu holen ist.

Ebenso trägt der deutsche Handelsüberschuss in Europa, auch gegenüber Griechenland zu dem Ungleichgewicht bei, welches jetzt das griechische Volk ausbaden soll.

Wie kann man glauben nach Hausfrauenart mit dieser Sparpolitik die griechische Wirtschaft anzukurbeln. Das Wachstum bricht ein - über 5% Rückgang - und letztendlich wurde mit dem Geld der EZB der Hunger der Gläubiger, hauptsächlich Banken gestillt. Das grichische Volk schaut in die Röhre.
geschrieben von andreas braendle am 16.11.2011 16:52
 
 
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