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Interview mit Arndt Gossmann

Run-Off wird ein attraktives Investment

Arndt Gossmann, Vorsitzender des Vorstands der DARAG GruppePressefoto DARAG

In einigen Versicherungssparten boomt das Run-Off-Geschäft: mehrere Anbieter haben angekündigt, aufgrund des Niedrigzinses Teile ihres Bestandes auf Halde zu legen und das Neugeschäft in diesen Tarifen einzustellen. Ein Versicherer, der sich mit Altbeständen bestens auskennt, ist die „DARAG Deutsche Versicherungs- und Rückversicherungs-AG“, die sich auf die Übernahme inaktiver Portfolios spezialisiert hat. Der Versicherungsbote hat mit Arndt Gossmann gesprochen, Vorsitzender des Vorstands der DARAG, was Gründe und Auswirkungen des Run-off-Trends sind.

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Versicherungsbote: In den vergangenen Jahren haben einige Nicht-Leben-Versicherer Bestände in den Run-off geschickt. Was versprechen sich die Unternehmen davon?

Arndt Gossmann: Versicherer entscheiden sich hauptsächlich aus zwei Gründen für einen Run-off. Erstens kann die Einstellung einzelner Bestände dabei helfen, den regulatorischen Anforderungen von Solvency II zu entsprechen. Zweitens ergeben sich durch einen Run-off unprofitabler Geschäftsfelder oftmals Effizienzsteigerungen und strategische Wettbewerbsvorteile: Durch die Fokussierung auf das Kerngeschäft minimieren Unternehmen eventuelle Risiken aus ungünstigen Schadensentwicklungen und können operative Kosten einsparen. Deswegen hat sich Run-off in den vergangenen Jahren vom Nischenthema zum Standardinstrument entwickelt.

Eine aktuelle PwC-Studie vom September 2016 schätzt das Volumen aller Run-off-Bestände in Europa auf 247 Milliarden Euro. Im deutschsprachigen Raum stieg der Anteil aller Nicht-Leben-Versicherer mit eingestelltem Geschäft von 41,7 Prozent im Jahr 2012 auf 52,9 Prozent im Jahr 2015. Im selben Zeitraum wuchs das Volumen der Bestände um etwa 29 Prozent auf 133,5 Milliarden Euro, so eine Studie der Universität St. Gallen, für die Versicherer in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg befragt wurden.

Gleichzeitig entscheiden sich Versicherer vermehrt, ihren Run-off zu externalisieren. Im laufenden Jahr haben allein die Nicht-Leben-Versicherer mehr als 2,5 Milliarden Euro an spezialisierte Dienstleister übertragen und wir gehen davon aus, dass bis Jahresende 4 Milliarden Euro erreicht werden.

Inwiefern spielt die europäische Stabilitätsrichtlinie Solvency II eine Rolle? Welche neuen Regelungen finden bei Run-off-Geschäften dadurch Anwendung?

Solvency II lässt den bestehenden Konsolidierungs- und Optimierungsdruck in der Branche noch offensichtlicher werden und gibt überfälligen Maßnahmen zur Steigerung der operativen- und Kapitaleffizienz eine neue Dringlichkeit.

Die neue Regulierung wirkt sich erheblich auf die Bilanzen der Versicherer aus, denn nun muss nicht nur das aktive, sondern auch das passive Geschäft mit Eigenkapital hinterlegt werden und bindet damit wertvolle Eigenmittel. Dabei leiden die Versicherer ohnehin schon unter einem wachsenden Wettbewerb und unter sinkenden Gewinnmargen über alle Segmente hinweg.

Diese kapitalintensiven Herausforderungen zwingen die Marktakteure dazu, die Allokation ihrer personellen und monetären Ressourcen genau zu prüfen. Das macht Solvency II zu einem Haupttreiber für Run-off-Aktivitäten. Die höheren Eigenkapitalanforderungen verdeutlichen Versicherern, dass eingestelltes Geschäft der falsche Ort ist, um Kapital zu binden.

Betroffen sind Sparten mit langen Abwicklungsprozessen und hohen Rückstellungen. In welchen Sparten wird der Ausweg Run-off genutzt? Wie ist die prozentuale Verteilung?

Die Sparten, bei denen ein Run-off am wahrscheinlichsten ist, sind typische Long-Tail-Risiken wie KfZ-Haftpflicht, Arbeitgeber- und Berufshaftpflicht und die sogenannten APH, also Asbestos-, Pollution- und Health-Risiken. Hier ist der Anteil von Run-off-Beständen entsprechend hoch: Nach einer Studie der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2016 machen sie bei der KfZ-Haftpflicht beispielsweise um die 40 Prozent des Gesamtbestands aus.

Long-Tail-Risiken zeichnen sich durch lange, teure Abwicklungsprozesse aus und erfordern hohe Rückstellungen. Zusätzlich haben Wettbewerbsdruck und überambitionierte Zeichnungsaktivitäten dazu beigetragen, dass mögliche Verlustrisiken in der Vergangenheit vernachlässigt wurden.

Als Spätfolge kommen jetzt viele Portfolien aus diesen Sparten auf den Markt. Viele Versicherer entscheiden sich zugunsten aussichtsreicherer Geschäftsaktivitäten für einen klaren Cut mit unprofitablen Portfolios oder ziehen sich ganz aus schlecht performenden Regionen zurück.

Welche Gefahren sind mit einem Run-off Geschäft verbunden? Die Bafin begleitet dieses Vorgehen kritisch und erklärt: “Die BaFin ist sich bewusst, dass bei einer Übertragung auf eine Abwicklungsplattform im Vergleich zu einer Übertragung auf andere Versicherungsunternehmen spezifische Risiken auftreten können.” Von welchen Risiken spricht die Finanzdienstleistungsaufsicht hier?

Das Hauptanliegen der Finanzaufsicht ist, die Interessen der Versicherungsnehmer zu wahren. Deswegen ist die Unterscheidung zwischen einzelnen, opportunistischen Run-off-Deals, die höhere Risiken mit sich bringen und der Übertragung an spezialisierte und erfahrene Run-off-Versicherer wie die DARAG so wichtig. Letztere stellen langfristig ein zuverlässiges und faires Schadenmanagement sicher, bis die letzte Forderung bezahlt ist.

"Das Volumen der Run-off-Transaktionen ist rasant gestiegen"

Welche Folgen haben derartige Geschäftseinstellungen für den Versicherungskunden? Besteht die Gefahr, dass der abgegebene Bestand schlechter gestellt wird als der aktive Bestand?

Selbstverständlich spielen die Themen Vertrauen und Reputation für abgebende Versicherer eine große Rolle. Wir beobachten jedoch, dass dahingehende Bedenken in Anbetracht der hohen Professionalität, durch die sich die gesamte Branche auszeichnet, immer stärker in den Hintergrund treten. Letztlich geht es ja auch um unseren eigenen Ruf.

Run-off hat sich zu einem etablieren Instrument für das Kapitalmanagement entwickelt und wird zunehmend als ein natürlicher Bestandteil von M&A-Transaktionen betrachtet. Wie selbstverständlich das Management von Run-off inzwischen geworden ist, zeigte 2015 bereits eine PwC-Studie. Bei der Frage nach den Herausforderungen im Management von Run-off nahm Reputation nur noch den fünften Platz ein, während das Kriterium bei früheren Befragungen unter den ersten Plätzen rangierte. Ich bin mir sicher, dass die professionellen und erfahrenen Run-off-Versicherer im Markt mögliche Vorbehalte dieser Art in Zukunft weiter zerstreuen.

Welchen Einfluss hat die zunehmende Beteiligung von Finanzinvestoren an Run-off-Geschäften auf den Markt?

Mit steigender Anzahl und Größe der Deals wird Run-off ein attraktives Investment, das unkorrelierte Erträge bei geringer Volatilität verspricht. Finanzinvestoren beteiligen sich oftmals über Co-Investitionen mit etablierten Spezialversicherern an Portfolios und versorgen den Markt so mit zusätzlichem Kapital.

Das durchschnittliche Volumen von Run-off-Transaktionen ist rasant gestiegen. Lag es 2014 noch bei 20 Millionen Euro, sind es 2016 bereits 200 Millionen Euro. Einzelne Deals erreichen sogar die Marke von 1 Milliarde Euro. In diesem Marktumfeld wird externes Kapital auch für größere Spezialversicherer zur Notwendigkeit, um die Nachfrage am Markt bedienen zu können, ihre Kapitalquellen zu diversifizieren und um angemessene Preise abbilden zu können.

In Zukunft werden diejenigen Spezialversicherer am meisten von dem Trend profitieren, die mit den Investoren nicht nur kooperieren, sondern das Kapital innerhalb ihrer eigenen Strukturen kanalisieren und nutzbar machen. Die DARAG hat dafür ein Special-Purpose-Vehikel geschaffen: das R-pad. Dabei handelt es sich um eine schlüsselfertige Plattform in der Form einer maltesischen Protected Cell Company, mit der Kapitalanleger in Run-off-Portfolios investieren und ihre Investments unkompliziert verwalten können.

Wird der Brexit das Geschäft mit Run-off beeinflussen?

Gerade bei internationalen Versicherern wird der Brexit sicherlich einige Umstrukturierungen nach sich ziehen. Welches Ausmaß mögliche strategische Neuausrichtungen annehmen werden, hängt jedoch stark davon ab, wie Europa und das Vereinigte Königreich ihre Beziehungen zueinander ausgestalten. Für sichere Vorhersagen ist es einfach noch zu früh. Fest steht: Der Brexit wird den ohnehin schon vorhandenen Trend zur Umstrukturierung beschleunigen und um neue Kriterien wie Passporting-Rechte und Gerichtsstände ergänzen. Für den Run-off-Markt wird die Ausgestaltung der Passporting-Rechte die größte Bedeutung haben. Sie entscheidet darüber, ob Versicherer sich durch einen Run-off aus einzelnen Geschäftszweigen oder Regionen zurückziehen.

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In Hinblick auf Regulierung sehen wir zurzeit keine Anzeichen, dass Großbritannien auch Solvency II den Rücken kehren wird. Angesichts der von der Branche unternommenen Anstrengungen zur Implementierung und dem großen Wunsch nach Kontinuität und Harmonisierung werden die Regeln wohl bestehen bleiben.

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