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Markt | 30.09.2011
Debatte 

Was macht eigentlich… die Arbeitslosigkeit? Sie rechnet sich schön

Was macht eigentlich… die Arbeitslosigkeit? Sie rechnet sich schön Stimmt die Statistik? Redakteur Mirko Wenig hat Zweifel an den aktuellen Arbeitslosen-Zahlen
Foto: privat

Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung - so steht es heute in fast allen Medien. Demnach sei die Zahl der Arbeitslosen unter die 2,8 Millionen-Marke gesunken, ein Stand, der zuletzt 1991 erreicht wurde. Doch der Vergleich hinkt: die Zahlen von damals und heute sind nicht mehr vergleichbar.


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Wer einmal in den Genuss kam, an einer Weiterbildungsmaßnahme der Arbeitsagentur teilzunehmen, der könnte gegen alle Demütigungen gefeit sein. Da werden gut ausgebildete Akademiker mit Dozentenerfahrung zu Bewerbungstrainings geschickt, in denen sie lernen, dass man beim Vorstellungsgespräch höflich sein soll, keine zerrissenen Jeans trägt und den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen habe. Da dürfen erwachsene Menschen Kaufmannsladen spielen, so wie es in ihrer Kindheit taten – mit echten Produkten, aber Spielzeuggeld. „Real Life Training“ nennt sich das Programm, verschlingt jährlich Millionen und soll dazu dienen, „die freie Wirtschaft zu üben“. Einen Abschluss kann der Arbeitslose nicht erwerben, verpflichtend ist die Teilnahme allemal. Und lohnend für die Arbeitsagentur, denn wer sich in solch einer Maßnahme befindet, kippt aus der Arbeitslosenstatistik.

Niedrigste Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung?

Es verwundert schon, wenn heute fast alle Medien verkünden, dass die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken sei. „Arbeitslosenzahlen erreichen tiefsten Stand seit 1991“, titelte etwa der Stern. Von einem „Jobwunder“ schreibt der Focus. „Sonnige Aussichten auf dem Arbeitsmarkt“, jubiliert der NDR. „Der Arbeitsmarkt feiert Rekorde“, titelt auch der Spiegel. Und nirgendwo fehlt der Hinweis, dass es sich um den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung handelt.

Das Problem ist nur: die Zahlen von damals und heute sind überhaupt nicht mehr vergleichbar. Denn in den letzten Jahren hat die Bundesagentur für Arbeit einige Kreativität bewiesen, wenn es darum ging, die Arbeitslosenzahlen kleinzurechnen.

So gibt es seit 2007 eine Sonderregelung für Arbeitssuchende, die das 58. Lebensjahr beendet haben. Finden sie länger als ein Jahr keine Arbeit, gelten sie offiziell nicht mehr als arbeitslos. Aber mit welcher Begründung? Diese Menschen wollen arbeiten und müssen ihren Jobverlust mit deutlichen Einbußen bei der Rente bezahlen. Und auch andere Gruppen werden nicht mehr zu den Arbeitslosen gezählt, obwohl sie streng genommen keine Arbeit haben. Seit dem Jahr 2009 werden etwa alle Arbeitssuchende nicht mehr erfasst, die von einem privaten Jobvermittler betreut werden. Auch hinsichtlich dieser Personengruppe stellt sich die Frage: mit welcher Begründung?

Die weit größte Lücke in der Statistik hinterlassen jedoch jene Arbeitssuchende, die an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilnehmen: Ein-Euro-Jobber, Personen in Weiterbildung, Übergangsgeldempfänger, Existenzgründer mit Zuschüssen vom Staat. Wie eben jene Menschen, die trotz akademischer Ausbildung an fragwürdigen Jobtrainings teilnehmen müssen oder Kaufmannsladen spielen dürfen. Sie beziehen Arbeitslosengeld, werden aber bei den Arbeitslosenzahlen nicht berücksichtigt. Sie sind bei der Jubelzahl von 2,8 Millionen Erwerbslosen nicht mit eingerechnet!

„Unterbeschäftigung“ bildet Arbeitslosigkeit genauer ab

Und doch gibt es eine Zahl, die nahe dran ist an dem, was man im Jahr 1991 als Arbeitslosenzahl erfasste. Es ist die Zahl der Unterbeschäftigung, die jeden Monat von der Bundesagentur ebenfalls per Pressemitteilung verkündet wird. Hier sind sie nun alle mit dabei: die Ein-Euro-Jobber. Die Übergangsgeldempfänger. Die Existenzgründer, die so wenig verdienen, dass sie ohne Hartz IV nicht leben können. Ja auch die Kaufmannsladenspieler und schlecht betreuten Akademiker sind unter dem Stichwort „Unterbeschäftigung“ erfasst. All die Menschen, die dank der statistischen Tricks nicht mehr als arbeitslos geführt werden. Und diese Zahl gibt weit weniger Anlass zum Jubeln: im Monat September waren offiziell 3.935.000 Menschen unterbeschäftigt.

Folgt man also der Annahme vieler Statistiker, dass die Zahl der Unterbeschäftigten eher dem entspricht, was man im Jahr 1991 noch offiziell als Arbeitslosenzahl auswies, so müsste man sagen: im Jahr 1991 waren 2,8 Millionen Menschen arbeitslos. Heute sind es ca. 3,9 Millionen Menschen.

Als gute Meldung kann immerhin verkündet werden, dass sich die Arbeitslosenzahlen tatsächlich positiv entwickeln. Denn auch die Zahl der Unterbeschäftigten ist rückläufig, sie sank im Vergleich zum Vorjahr um 509.000. Doch für Jubelmeldungen, vielleicht sogar Rekordverkündungen besteht kein Anlass – dafür ist zu viel Mogelei im Spiel.

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Mirko Wenig

Ergänzung Aufgrund mehrerer Nachfragen haben wir eine Auflistung zusammengestellt, wie sich die Unterbeschäftigung errechnet (Zahlen für den September 2011). Hinzugezählt werden alle Personen, die offiziell als arbeitslos gelten (2.795.570 Arbeitslose) sowie zusätzlich:

  • Arbeitssuchende, älter als 58 Jahre, die Arbeitslosengeld I oder II beziehen: 377.399
  • Ein-Euro-Jobber/Personen in Arbeitsgelegenheiten: 190.768
  • Arbeitssuchende in beruflicher Weiterbildung: 166.021
  • Teilnehmer an Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach § 46 SGB III (Hierbei handelt es sich um Maßnahmen, die Arbeitslose wieder an den Arbeitsmarkt heranführen sollen): 148.877
  • Kranke "Arbeitslose" nach § 126 SGB III: 83.461
  • Personen in Fremdförderung: z.B. Rehabilitationsmaßnahmen, berufsspezifische Sprachkurse des europäischen Sozialfonds, Integrationskurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge: 63.312
  • Beschäftigungsphase Bürgerarbeit: 13.232
  • Eignungsfeststellungs- und Trainingsmaßnahmen (Bewerbungstraining): 36
  • Beschäftigungszuschuss für schwer vermittelbare Arbeitslose: 12.413
  • Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: 916

  • Ergibt in der Summe 3.852.005 Personen. Nicht enthalten sind hierbei Personen in Altersteilzeit und mit Gründungszuschüssen.
Weitere Nachrichten zu den Themen: Hartz IV  Statistik  Debatte  Kommentar  Arbeitsmarkt 

Kommentare (7)
06.10.2011 12:11:11

Die Diskussion um die Arbeitslostenzahlen ist ja nicht schlecht, aber die wirklichen Zahl will doch gar keiner wissen. Was ist denn das Ergebniss ? Dann wird Deutschland von den Ratingagenturen nur schlechter bewertet und muss für neue Schulden mehr Zinsen zahlen.

04.10.2011 20:07:48

Tidaltree am 30.09.2011 19:21,

so verstehe ich das auch, denn es kann sein, sowohl als auch,
beim Studieren der Darstellung wird das aber klarer,
oder aber hier?
http://www.theonussbaum.de/seiten/arbeitslos/arbeitslosenzahlen.htm

03.10.2011 16:22:32

Bei den Beatrachtungen zur Arbeitslosenstatistik wird mittlerweilen auch immer wieder die sogenannte "Stille Reserve" vergessen. Dazu gehören beispielsweise alle die keinen Anspruch auf ALG2 haben weil sie die Vermögensgrenzen gerissen haben. In den USA wird die "Stille Reserve" noch erfasst. Wenn man dort diese Gruppe berücksichtigt, dann verdoppelt sich die Arbeitslosenzahl fasst!!

02.10.2011 20:04:45

Geistig und körperlich gesunde Arbeitssuchende werden zu Behinderte nach "Aktenlage" von der Bundesagentur für Arbeit erklärt und fallen so aus der Arbeitslosenstatistik.
Mit diesem abscheulichen Trick fallen zwar noch nicht so viele Menschen aus der offiziellen Statistik, aber dennoch ist es furchtbar!

Quellen:
http://www.videogold.de/behindert-nach-aktenlage-langzeitarbeitslose-verschwinden-aus-statistik/

http://www.freitag.de/community/blogs/jkabisch/geistig-behindert-nach-aktenlage

30.09.2011 19:21:47

Bisher dachte ich, daß in der Zahl der Unterbeschäftigten die Zahl der ausschließlich HartzIV-beziehenden Menschen nicht mit einfließt und somit zur Feststellung der Gesamtarbeitslosigkeit grob gesagt die offizielle Zahl mit der der Unterbeschäftigten addiert werden müssten. Ihre/Deine Ausführungen legen nun den Schluß nahe, bestätigen ihn jedoch nicht zweifellos, daß diese doch darin berücksichtigt sind. Habe ich Sie/Dich da falsch verstanden?

30.09.2011 17:40:55

sehr gut analysiert von Sybilla:

Analyse: Die tatsächlichen (!) Arbeitsmarktzahlen September 2011 (Teil 2: Die Analyse)

http://www.meinpolitikblog.de/analyse-die-tatschlichen-arbeitsmarktzahlen-september-2011-teil-2-die-analyse

Besser kann man die tatsächlichen Zahlen nicht darstellen.

30.09.2011 17:14:01

Guten Tag,

die BA vergißt mit Absicht auch die Hartz-IV-BezieherInnen, darin auch enthalten jene davon, die aufstockend Hartz-IV beziehen, weil sie an ihrem Arbeitsplatz so dermaßen schlecht bezahlt werden, daß sie aufstockend Hartz-IV benötigen, defacto also weiter Hartz-IV beziehen.

Rechnet man alle zusammen, also real alle ALG I-Bezieher (ca 6 Millionen), real alle ALG-II-Bezieher (= Hartz-IV) (ca. 7-10 Millionen), so kommt man, je nach Lesart und plus einer gewaltigen Dunkelziffer nicht erfasster Erwerbsloser, auf annähernd 20 Millionen Menschen, die in Deutschland aufgrund einer verfehlten Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik der letzten fünf Jahrzehnte keine Arbeit mehr haben, oder für Löhne und Gehälter arbeiten sollen, die eben aufstockendes Hartz-IV möglich macht.

Working poor ist dank Hartz-IV in Deutschland angekommen.

Denn es ist auch ein weit verbreiteter, absichtlich propagierter Irrglaube, daß Hartz-IV-BezieherInnen arbeitsunfähig seien - sie werden als arbeitsunfähig, weil angeblich nicht vermittelbar dargestellt, um auch sie aus den Statistiken der BA herauslügen zu können.

Denn die Wahrheit ist doch, daß keine freien Arbeitsplätze mehr da sind, und jene wenigen, die es ab und an gibt, sind eben nicht existenzsichernd bezahlt.

Und ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld Umsatz,. ohneUmsatz kein Binnenmarkt - und ohne Binnenmarkt gehen immer mehr Unternehmen pleite.

Das merkt im Übrigen auch die Versicherungsbranche, denn soweit ich weiß, sind die Verkaufszahlen für Versicherungen aller Art seit 2005 (= Einführung Hartz-IV) massiv eingebrochen, und sie sinken weiter.

Wer kein Geld hat, z.B. Hartz-IV-Bezieher, versichert sich nicht, und wer noch welches hat, legt es zur Seite, wenn denn Hartz-IV kommt - und kauft auch keine Versicherungen mehr. Und vieles andere auch nicht.

Hartz-IV hat den Binnenmarkt in Deutschland mit kaputt gemacht - und alle, die hierzulande etwas verkaufen wollen, merken das nur zu deutlichst.

Freundliche Grüße
Thomas Kallay
c/o
ARCA Soziales Netzwerk e.V.
37269 Eschwege
vorstand@arcasozialesw.de

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