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08.03.2016

Vorlesungstag an der Universität LeipzigSolvency II - Bis zum Day-one-Reporting bleibt es spannend

Kernthema des Vorlesungstages der Universität Leipzig war Solvency II. Darüber diskutierten Prof. Dr. Fred Wagner (Institut für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig) und Dr. Frank Grund (BaFin) (c) Versicherungsbote

Der Umgang mit Volatilität wird die Versicherungsbranche in den nächsten Jahren beschäftigen. Die neuen SCR Werte (Solvency Capital Requirement), welche die notwendige Höhe der Eigenmittel bestimmen, werden unter Berücksichtigung des aktuellen Zinsniveaus volatiler sein, also marktfähiger, als die bisherigen Werte aus der Solvency I. Solvency II sieht damit eine markt-konsistente Bewertung von Vermögensanlagen und Verbindlichkeiten in der Solvenzbilanz, der Solvabilitätsübersicht, vor. Die Bewertung werde dann die Basis für die Bestimmung der regulatorischen Kapitalanforderung. Damit sei sie das Erbstück der quantitativen Anforderung der ersten Säule. Auf dem Vorlesungstag der Universität Leipzig stellte Herr Frank Grund, Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), dar, wie man mit den ersten Ergebnissen der Kapitalberechnung umgeht.

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Solvabilität ist die aufsichtrechtlich geforderte Fähigkeit von Versicherungsunternehmen, die dauernde Erfüllbarkeit der eingegangenen Verpflichtungen jederzeit durch ausreichende Solvabilitätsmittel sicherzustellen. Im Rahmen von Solvency II, als Projekt der EU-Kommission zur grundlegenden Reform des Versicherungsaufsichtsrechts in Europa, sprach Frank Grund zum Status Quo. Da bei der Neuregelung insbesondere Fragen der Finanzaufsicht, des Risikomanagement und der Finanzberichtserstattung von Versicherungsunternehmen diskutiert werden, ist die BaFin Auskunftgeber Nummer 1. Ziel sei es, ein weitgehend wettbewerbsneutrales Aufsichtssystem zu schaffen. Die tatsächliche Risikolage des Versicherers soll so umfassend und realistisch beschrieben werden. Im Weiteren soll das neue Aufsichtssystem bei den Versicherungsunternehmen Anreize setzen, unternehmensinterne Risikomanagementsysteme zu implementieren. Solvency II, so Grund, wird allerdings erst dann tragende Erfahrungen bringen, soabld das „Day-one-Reporting“ (20. Mai 2016) da ist. Nach Einschätzung von Grund könne man derzeit davon ausgehen, dass die Unternehmen und auch die BaFin gut vorbereitet sind, sich zum gegebenen Zeitpunkt mit den Daten zu beschäftigen.

Künstliche Volatilität

Problematisch sieht Herr Grund die Modelle zur künftigen Volatilität in Sachen der sich daraus ableitenden Zukunftsfortschreibungen. Dies insbesondere für die Fälle, bei denen eigene, vorhandene Risiken modellweise überzeichnet werden. Fehlerraten könnten dann, so Grund, in beide Richtungen passieren. In Zeiten des Aufschwungs zeigen Marktwerte die ökonomische Realität tendenziell zu positiv, in Zeiten des Abschwungs tendenziell zu negativ an. Diese künstliche Volatilität galt es zu vermeiden. Nach Meinung von Herrn Grund ist dies mit den sogenannten LTG Maßnahmen gelungen. Unter LTG versteht man das Testing mehrerer Berechnungsalternativen, in welchen verschiedene Möglichkeiten und Instrumentarien verankert wurden. Grund gibt zu, dass sich die Praxisfähigkeit der LGT Maßnahmen in den nächsten Jahren erst noch zeigen müsse. Im Gegensatz zu allen Übergangsmaßnahmen werde die Solvency End-Position der Unternehmen dennoch deutlich volatiler werden. Dies sei in den Fällen, wo die Volatilität auf eine tatsächliche Veränderung der Risikosituation des Unternehmens zurückzuführen ist auch gerechtfertigt, so Grund. Die Frage sei dann nicht, wie diese Volatilität regulatorisch noch weiter reduziert werden kann, sondern vielmehr wie man damit in der Kommunikation innerhalb der Unternehmen, mit Maklern und Vertrieben, umgeht.

ORSA - unternehmenseigene Solvabilitätsbeurteilung

Eine zentrale Rolle in der Kommunikation könnte die vom Unternehmen durchzuführende eigene Risikoeinschätzung, im Rahmen des "Own Risk and Solvency Assessment" (ORSA) darstellen. Dabei handelt es sich um eine unternehmenseigene Solvabilitätsbeurteilung. Unternehmen müssen im Rahmen von ORSA sicherstellen, dass ihre Beurteilungen auch mittel- und langfristige Perspektiven umfassen. Dabei werden sich die Unternehmen auch damit auseinander zu setzen haben, welche Schwankungen im ökomischen Ist und Soll zukünftig zu erwarten sind. Dies sei der Kern der Volatilität und zeige, wie Versicherungsunternehmen die kontinuierliche Einhaltung der Kapitalanforderung, auch im Hinblick auf die Volatilität, mittel- und langfristig sicherstellen können. In der Regel führen solche Betrachtungen zu etwas höheren Deckungshöhen. Für die Höhe des zusätzlichen Puffers, der eine kontinuierliche Einhaltung des SCR auch bei volatileren Anforderungen sicherstellt, könne von der BaFin keine pauschale Festlegung getroffen werden. Was hier angemessen ist, hängt nach Herr Grund sehr stark vom individuellen Risikoprofil des jeweiligen Unternehmens ab. Hier gelte es in der Praxis die Anwendung des neuen Regimes auszuprobieren.

Transparenz und Klarheit in der Kommunikation des Versicherungsunternehmen nach außen

In der Konsequenz bedeutet das eine transparente Kommunikation nach außen für Vertriebe und Analysten. Es sei in der vertrieblichen Kommunikation wichtig, mit dieser neuen Volatilität offen umzugehen.

Kapitalanlagebereich: Anlagenfreiheit

Der Wegfall der Anlageverordnung gebe Versicherungunternehmen einerseits einen erheblich größeren Spielraum bei der Auswahl ihrer Kapitalanlagen. Für Unternehmen und Aufsicht ist dieser Bereich damit andererseits individueller und intellektueller geworden. Die nunmehr grundsätzlich bestehende Anlagenfreiheit, gehe mit einer hohen Eigenverantwortung der Unternehmen einher. Die Einhaltung des Grundsatzes der unternehmerischen Vorsicht (Prudent Person Principle) bildet hier einen wichtigen Bestandteil dieser Eigenverantwortung und sei das Korrektiv zur grundsätzlich bestehenden Anlagefreiheit. Im Vordergrund stehe dabei ein Verhaltensstandard und nicht die bisher eindeutige Orientierung an quantitativen Regeln. Die Anlagefreiheit geht daher mit einem umfassenden, anspruchsvollen Kapital-Anlage-Risikomanagement einher. Anstelle der Anlageverordnung ist der interne Anlagekatalog getreten, der sich durch einen unternehmensindividuellen Charakter auszeichne. Zum Grundsatz der unternehmerischen Vorsicht gehöre nunmehr auch, dass das Unternehmen die Anlagen Fonds- und Indexgebundener Verträge im besten Interesse der Versicherungsnehmer sowie unter Berücksichtigung etwaiger strategischer Ziele auswählt. Die aufsichtsrechtlichen Aufforderungen an Fonds- und Indexgebundene Verträge sind damit gestiegen. Die Versicherer müssen mögliche Ziel- bzw. Interessenkonflikte zwischen den eigenen Interessen und denen der Versicherungsnehmer identifizieren, einem fairen Ausgleich zuführen und transparent kommunizieren. Solvency II liege schließlich ein prinzipienbasierter Ansatz zugrunde.

Engagement in Staatsanleihen

Seit 2013 ist der Bestand an Staatsanleihen im Sicherungsvermögen der deutschen Unternehmen von rund 165 Milliarden Euro auf rund 225 Milliarden Euro gestiegen. Das seien nach Grund Zahlen aus dem dritten Quartal 2015. Ein Großteil der Versicherer habe so bis zu 25 Prozent der Kapitalanlagen in Staatsanleihen investiert. Bei der Eigenmittelberechnug mit Hilfe des Standardmodells werden Staatsanleihen allerdings derzeit nicht erfasst. Diese sogenannte Risikolosigkeit von Staatsanleihen wird national- und international immer wieder kritisch begutachtet. So widme sich Solvency II in der zweiten Säule dieser Risikolosigkeit. Die Unternehmen müssen ihren angestrebten Grad an Sicherheit erfassen und diesen sicherstellen. Dabei muss das Finanzmarktumfeld berücksichtigt werden. Hier erwarte die Aufsicht eine umfassende Bewertung des Kreditrisikos, sofern ein Versicherer einen nicht unerheblichen Teil an Staatsanleihen im Bestand hat.So sei für das Jahr 2016 noch ein Kapitalanlagesymposium für diesen Themenbereich geplant, auch im Hinblick auf eine erneute Überarbeitung der Regeln, die dann in Solvency III führen würden.

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Trotz Solvency II solle man das HGB nicht vergessen, dass weiterhin eine sehr wichtige Rolle einnehme.

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