Renten-Starre: Warum Deutschland jetzt einen Hybrid-Neustart braucht

Quelle: @Hansainvest

Doch es gibt auch die Möglichkeit, Bestandteile der privaten Altersvorsorge weiter zu optimieren: Die vereinfachten Förderungen sollten an den Verbraucherpreisindex gekoppelt werden, damit sie ihre Kaufkraft behalten. Das Altersvorsorgedepot kann künftig auch enger an die zweite Säule der Altersvorsorge, die betriebliche Altersvorsorge, geknüpft werden. Denkbar sind auch erweiterte Optionen und Anreize für freiwillige Zuzahlungen. Eine Kinderzulage wurde bereits verankert, sinnvoll wäre aber auch ein klarerer Mindestbeitrag, um auch Haushalten mit niedrigerem Einkommen den Einstieg in die kapitalgedeckte Vorsorge zu erleichtern. Denn genau diese Haushalte sind ja auch am meisten abhängig von einer guten Altersvorsorge.

Besonders deutlich wird das beim Zeitpunkt des Sparbeginns. Schließlich soll das Altersvorsorgedepot auch die Basis für die Frühstart-Rente sein, die die Regierung als ein weiteres Wahlversprechen einführen möchte. Und auch hier gibt es Nachbesserungsbedarf im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen. Laut diesen Plänen soll die Frühstart-Rente erst ab einem Alter von sechs Jahren starten. Wird aber ein Vorsorgedepot bereits im ersten Lebensjahr und über 18 Jahre hinweg mit insgesamt 3.155 Euro bespart, wächst dieser Betrag bei einer moderaten langfristigen Verzinsung bis zum Rentenalter auf mehr als 22.000 Euro an. Beginnt die Einzahlung dagegen erst mit der Einschulung, halbiert sich der Endwert nahezu. Dieser Unterschied zeigt, wie stark der Zinseszinseffekt wirkt und wie wichtig ein früher Sparstart bei der Frühstart-Rente ist.

Eine wirkungsvolle Reform entsteht durch Prozesslogik, nicht durch Schlagworte

Die Diskussion über die Altersvorsorge wird häufig emotional geführt, doch ihr Kern ist mathematisch. Ein System, das auf Jahrzehnte ausgelegt ist, muss Kapital aufbauen dürfen. Ein System, das den Anspruch hat, generationengerecht zu sein, muss die Beitragenden entlasten und die Beziehenden absichern. Und ein System, das Stabilität verspricht, darf Rendite nicht verhindern, sondern muss sie ermöglichen. Dazu gehört, dass längeres Arbeiten finanziell attraktiver wird und ein vorzeitiger Rentenbezug realistisch bepreist wird, sodass individuelles Verhalten und ökonomische Anforderungen zusammenfinden.

Es geht nicht um die Entscheidung zwischen zwei Modellen, sondern um ihre Kombination. Nur das Zusammenspiel von Umlage und Kapitaldeckung schafft langfristige Stabilität. Eine Reform, die Rendite zulässt, Prozesse vereinfacht und Kapital mobilisiert, ist kein radikaler Schritt, sondern der nächste logische. Ein starkes Rentensystem braucht starke Kapitalmärkte. Und starke Kapitalmärkte entstehen, wenn private Vorsorge endlich das werden kann, was sie sein muss: ein wirksamer Hebel für finanzielle Sicherheit und wirtschaftliche Zukunft.

Hintergrund: Autor Dr. Jörg Stotz ist Sprecher der Geschäftsführung der Hansainvest, einer Kapitalverwaltungsgesellschaft der Signal-Iduna-Gruppe, die seit mehr als 55 Jahren Investmentvermögen für institutionelle und private Anleger verwaltet.