Steigende Eigenanteile, wachsende Finanzierungslücken und demografischer Druck: Im Versicherungsfunk-Podcast ordnet Marc Schwetlik, Vorstand für Kapitalanlagen der IDEAL Versicherungsgruppe, ein, warum Pflege für Versicherer zum strategischen Zukunftsthema wird.
Die Eigenanteile in der stationären Pflege steigen weiter – und erreichen neue Rekordwerte. Gleichzeitig wächst die Finanzierungslücke im System.
Rund 5,69 Millionen Menschen erhielten zum Ende des Jahres 2023 Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung. Im Vergleich zum Jahr 2015 hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland mehr als verdoppelt. Damals waren noch 2,67 Millionen Menschen leistungsberechtigt. Das geht aus der Geschäftsstatistik der Pflegekassen hervor. Weitere 342.743 Leistungsbezieher erhielten Gelder aus der privaten Pflege-Pflichtversicherung.
Die finanzielle Belastung von Pflegeheimbewohnern hat einen neuen Höchststand erreicht. Zum 1. Januar 2026 liegt die durchschnittliche monatliche Eigenbeteiligung im ersten Aufenthaltsjahr bei 3.245 Euro. Das ist ein Anstieg um 261 Euro beziehungsweise neun Prozent innerhalb eines Jahres. Zum Vergleich: Im Juli 2020 betrugen die Kosten im Bundesschnitt noch 2.015 Euro monatlich.
Damit setzt sich ein Trend fort, der die soziale Pflegeversicherung strukturell unter Druck setzt und zugleich die private Vorsorge stärker in den Fokus rückt.
Eigenanteile steigen – trotz Zuschüssen
Die gesetzliche Pflegeversicherung beteiligt sich zwar seit 2022 mit gestaffelten Zuschüssen am einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE). Im ersten Jahr beträgt der Zuschuss 15 Prozent, im vierten Jahr 75 Prozent. Doch auch diese Entlastungsmechanismen konnten den kontinuierlichen Kostenanstieg bislang nicht stoppen.
Hauptkostentreiber sind steigende Pflegepersonalkosten. Hinzu kommen Investitionskosten sowie Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung. Allein der pflegerische Eigenanteil liegt im ersten Aufenthaltsjahr bei 1.685 Euro monatlich.
Die finanzielle Dimension ist erheblich. Das gilt für Betroffene ebenso wie für die Branche. Denn die Versorgungslücke wächst mit jeder Kostensteigerung.
Pflege als finanzielles Risiko
Für Marc Schwetlik, Vorstand für Kapitalanlagen der IDEAL Versicherungsgruppe, ist die Entwicklung absehbar gewesen. Der demografische Wandel verschärft die Lage zusätzlich: „Die Babyboomer gehen in Rente – und das wird jedes Jahr schlimmer“, sagt der IDEAL-Vorstand im Versicherungsfunk-Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“.
Mehr Pflegebedürftige treffen auf weniger Beitragszahler. Schon heute reichen die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung vielerorts nicht aus, um die tatsächlichen Kosten zu decken.
Schwetlik beschreibt Pflege daher weniger als medizinisches, sondern als finanzielles Risiko: „Pflegeversicherung ist im Grunde auch eine Erbenschutzversicherung.“
Denn wer im Pflegefall nicht privat vorgesorgt hat, muss häufig eigenes Vermögen einsetzen – Ersparnisse werden aufgebraucht, Immobilien veräußert, familiäre Rücklagen schrumpfen.
Auffällig ist: Das Problembewusstsein existiert. Dennoch bleibt konkrete Vorsorge oft aus. „Wir wissen, dass es nicht reicht – aber wir machen im Zweifel trotzdem nichts dagegen“, bringt Schwetlik die Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Umsetzung auf den Punkt.
Ähnlich wie bei der Altersvorsorge wird Pflege vielfach verdrängt. Dabei zeichnet sich längst ab, dass steigende Eigenanteile, politische Reformdiskussionen und mögliche Beitragserhöhungen das Thema weiter verschärfen werden.
Strategisches Zukunftsthema für Versicherer
Für die Versicherungswirtschaft bedeutet das: Pflege rückt nach Rente und Krankenversicherung zunehmend ins Zentrum strategischer Überlegungen. „Pflege ist das nächste große Thema nach der Rente“, so Schwetlik.
Die Kombination aus demografischem Druck, steigenden Heimkosten und strukturellen Finanzierungslücken eröffnet erhebliches Beratungs- und Produktpotenzial. Das stellt die Branche jedoch auch vor kommunikativen Herausforderungen. Denn Pflegevorsorge bleibt erklärungsbedürftig, emotional sensibel und oft mit Verdrängung behaftet.
Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass die Eigenanteile inzwischen Dimensionen erreichen, die aus laufenden Renteneinkünften kaum noch finanzierbar sind. Damit wird die Pflegeversicherung vom Randthema zur Kernfrage finanzieller Absicherung im Alter. Das gilt für Kunden ebenso wie für Versicherer.
Hintergrund: Der Beitrag erschien zuerst im neuen kostenfreien Versicherungsbote Fachmagazin 01-2026. Das Magazin kann auf der Webseite des Versicherungsbote bestellt werden.