Altersvorsorge: 'Deutschland braucht mehr Kapitalmarkt'

Quelle: Ampega

Das Altersvorsorge-Depot sorgt für einen grundlegenden Kulturwandel. Warum kapitalmarktorientierte Vorsorgelösungen künftig an Bedeutung gewinnen, weshalb klassische Garantiekonzepte unter Druck geraten und warum Vermittler jetzt vor allem mehr Kapitalmarktkompetenz brauchen, erklärt David Krahnenfeld vom Vermögensverwalter Ampega. Der Leiter Vertrieb Wholesale & Produktmarketing ist Speaker beim Altersvorsorge Forum 2026 vom Institut für Vorsorge und Finanzplanung und gibt uns einen kleinen Einblick in das Thema Altersvorsorge-Depot.

Herr Krahnenfeld, das Altersvorsorge-Depot wird als die große Modernisierung der geförderten Altersvorsorge gehandelt. Ist es das wirklich – oder öffnet es vor allem eine neue Flanke für den Direktvertrieb und Neobroker, während die klassische Versicherungslösung das Nachsehen hat?

David Krahnenfeld: Das Altersvorsorge-Depot ist ein Paradigmenwechsel in der Altersvorsorge und ein längst überfälliger Modernisierungsschritt. Deutschland braucht in der Altersvorsorge mehr Kapitalmarkt, mehr Transparenz und mehr Renditechancen – insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und dauerhaft begrenzter Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente. Gerade jüngere Generationen denken heute deutlich investmentorientierter als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Sie kennen ETFs, digitale Vermögensverwaltung und langfristigen Vermögensaufbau über Fonds. Ein modernes Vorsorgedepot kann diese Entwicklung sinnvoll in die staatlich geförderte Altersvorsorge integrieren. Natürlich profitieren davon auch Direktanbieter und Neobroker. Aber das ist zunächst einmal Ausdruck eines funktionierenden Wettbewerbs. Entscheidend wird sein, wer Vertrauen schafft, langfristige Konzepte bietet und Anleger auch in volatilen Marktphasen begleitet. Die klassische Versicherung wird dadurch nicht verschwinden. Sie wird aber ihren Mehrwert künftig stärker über Absicherung, Verrentung und lebenslange Einkommenslösungen definieren müssen. Im Vermögensaufbau sehen wir dagegen klar die Stärke kapitalmarktorientierter Lösungen.

Riester gilt vielen als Auslaufmodell – aber Millionen Verträge laufen weiter, Bestandskunden stellen Fragen, und Makler müssen Antworten haben. Wie gehen Sie mit dem Riester-Bestand in Ihrer täglichen Praxis um, und was empfehlen Sie konkret?

Riester leidet heute vor allem unter einem Imageproblem – und unter Rahmenbedingungen, die in der Niedrigzinsphase viele Produkte stark eingeschränkt haben. Trotzdem gilt: Man muss differenzieren.

In der Praxis empfehle ich deshalb keine pauschalen Entscheidungen. Stattdessen bedarf es einer guten Beratung:

Wie hoch ist die tatsächliche Förderung?
Welche Renditechancen bestehen noch?
Wie ist die Fondsallokation aufgebaut?
Und wie passt der Vertrag zur gesamten Ruhestandsplanung?

Wichtig ist aus meiner Sicht auch, Kunden die langfristige Funktionsweise von Kapitalmärkten zu erklären. Viele Riester-Sparer haben in den vergangenen Jahren erlebt, dass Garantien Rendite kosten können. Genau daraus entsteht heute die politische Diskussion um mehr Flexibilität und höhere Aktienquoten in der Vorsorge.

Mein Rat lautet deshalb: Bestehende Verträge professionell überprüfen, nicht emotional handeln und Altersvorsorge immer gesamthaft betrachten.

Was ändert sich für Makler und Berater durch die Reform ab sofort – und was sollten sie noch in diesem Jahr konkret anstoßen, um weder Bestands- noch Neukunden zu verlieren?

Die Reform verändert vor allem die Erwartungshaltung der Kunden. Themen wie Fonds-Sparen, langfristiger Vermögensaufbau und kosteneffiziente Investments rücken deutlich stärker in den Mittelpunkt der Beratung. Für Vermittler bedeutet das: Kapitalmarktkompetenz wird künftig noch wichtiger. Kunden wollen verstehen:

wie Rendite entsteht,
welche Rolle Schwankungen spielen,
und warum langfristiges Investieren entscheidend ist.

Makler und Berater sollten deshalb jetzt aktiv auf ihre Kunden zugehen und bestehende Vorsorgestrukturen überprüfen. Viele Menschen haben über Jahre Altersvorsorge „nebenbei“ betrieben. Jetzt entsteht ein neues Interesse – und damit auch eine große Chance für qualifizierte Beratung. Aus meiner Sicht wird außerdem entscheidend sein, komplexe Investmentthemen verständlich zu machen. Denn die beste Kapitalmarktstrategie hilft nur, wenn Kunden sie auch langfristig durchhalten.

Wo steht die staatlich geförderte Altersvorsorge in Deutschland in fünf Jahren – und welche Produktgattung wird dann den Markt dominieren? Ihre persönliche Prognose.

Ich erwarte, dass die staatlich geförderte Altersvorsorge in fünf Jahren deutlich stärker fondsbasiert sein wird als heute. Der politische Druck, höhere Renditechancen in die Vorsorge zu integrieren, wird weiter steigen. Dabei geht es nicht um kurzfristige Spekulation, sondern um langfristigen Vermögensaufbau über breit diversifizierte Kapitalmarktanlagen.

Internationale Beispiele zeigen seit Jahren, dass aktienbasierte Vorsorgesysteme langfristig sehr leistungsfähig sein können. Deshalb glaube ich, dass fondsbasierte Vorsorgelösungen künftig den Kern der geförderten Altersvorsorge bilden werden – ergänzt um flexible Sicherungsmechanismen für die Auszahlungsphase. Die entscheidende Entwicklung wird aber eine andere sein: Altersvorsorge wird individueller. Kunden erwarten keine Standardprodukte mehr, sondern flexible Lösungen, die zu ihrer Lebensphase, ihrer Risikobereitschaft und ihren finanziellen Zielen passen.

Die Branche steht damit vor einem echten Kulturwandel: weg von der reinen Garantieorientierung, hin zu langfristigem Vermögensaufbau mit Kapitalmarktbeteiligung. Aus meiner Sicht ist das ein wichtiger und richtiger Schritt.