BdV-Chefökonom: 'Präventionsanforderungen bleiben erfahrungsgemäß gegenstandslos'

Quelle: Bund der Versicherten

Es bedarf eines Pflichtsystems, um Prävention systematisch in die Leistungs- und Beitragslogik zu integrieren. Davon ist Constantin Papaspyratos überzeugt. In einem Beitrag der aktuellen Sonderausgabe "Aktuar Aktuell" stellt der Chefökonom vom Bund der Versicherten das bisherige System der Risikoabsicherung insbesondere in den Bereichen Elementarschäden und stationäre Pflege grundlegend infrage.

Die Debatte um verpflichtende Versicherungssysteme dauert an. Befeuert wird das Thema nicht zuletzt vor dem Hintergrund steigender Kosten für Staat und Gesellschaft. In einem Beitrag in der Sonderausgabe von "Aktuar Aktuell" stellt Constantin Papaspyratos vom Bund der Versicherten (BdV) die Grundannahme der freiwilligen Vorsorge infrage und plädiert für ein Umdenken aus Verbraucherschutzperspektive.

Im Kern geht es um ein strukturelles Problem: Wenn Risiken nicht ausreichend privat abgesichert werden, landen die Kosten am Ende bei der Allgemeinheit. „Wer auf ausreichende Vorsorge verzichtet, erzeugt ein fiskalisches Risiko, dessen Kosten zwangsweise durch Dritte getragen werden“, schreibt der Verbraucherschützer. Es geht um einen zentralen Mechanismus verpflichtender Systeme: Sie verhindern die sogenannte Kostenexternalisierung. Ohne ausreichende Absicherung würden Schäden über steuerfinanzierte Sozialleistungen oder staatliche Hilfen abgefedert und das ginge wiederum zulasten der Gemeinschaft.

Besonders kritisch sieht der Autor dabei freiwillige Systeme. Diese hätten häufig ein strukturelles Präventionsdefizit. Versicherer stünden im Wettbewerb und würden deshalb zu strenge Anforderungen vermeiden, um Kunden nicht zu verlieren. Folglich würde das Thema Prävention oft auf der Strecke bleiben. „Präventionsanforderungen bleiben erfahrungsgemäß gegenstandslos“, schreibt Papaspyratos. Ein Pflichtsystem könne diese Lücke schließen, indem es Prävention systematisch in Leistungs- und Beitragslogiken integriert.

Die Problematik zeigt sich besonders deutlich in zwei Bereichen: bei Elementarschäden und in der Pflege. In beiden Fällen springt häufig der Staat ein, wenn individuelle Vorsorge fehlt oder nicht ausreicht. So führt etwa die „Hilfe zur Pflege“ dazu, dass Leistungen teilweise unabhängig von der individuellen Vorsorge gewährt werden. Das könne Anreize zur Eigenvorsorge schwächen. Gleichzeitig erschweren komplexe Produkte und unsichere Kostenentwicklungen vielen Verbrauchern den Zugang zu passendem Versicherungsschutz.

Vor diesem Hintergrund bringt Papaspyratos verpflichtende Versicherungslösungen ins Spiel. Diese müssten allerdings klar strukturiert sein. Zentral sei ein gesetzliches Leitbild, das ein einheitliches Schutzniveau definiert und unabhängig von bestehenden Marktprodukten besteht. Ein solches System würde festlegen, welche Risiken zwingend abgesichert sind und welche Leistungen mindestens zu erbringen sind. Darüber hinausgehender Schutz könnte weiterhin freiwillig ergänzt werden. Auch bei der Ausgestaltung der Beiträge sieht Papaspyratos unterschiedliche Modelle. Von solidarischen Ansätzen mit Umverteilung bis hin zu stärker risikobasierten Prämien. Mischformen seien ebenfalls denkbar.

Die Umsetzung solcher Systeme ist jedoch komplex. Insbesondere im föderalen Kontext ist das zu beobachten. Während der Bund gesetzliche Rahmen setzen kann, liegen viele präventionsrelevante Zuständigkeiten bei Ländern und Kommunen. Unterschiede in der Umsetzung könnten zu uneinheitlichen Schutzstandards führen. Zugleich würde ein Pflichtsystem tief in bestehende Marktstrukturen eingreifen und erfordert klare politische Entscheidungen über Umfang, Finanzierung und Verantwortung.

Die Frage nach Pflicht oder Freiwilligkeit ist also keine rein ideologische, sondern eine systemische. Wo individuelle Vorsorge ausbleibt, entstehen Kosten für die Allgemeinheit. „Wo individuelle Risikovorsorge systematisch unterbleibt (…) kann ein Pflichtsystem die systemisch vorteilhaftere Alternative darstellen“, lautet das Fazit. Damit stellt sich für Politik und Branche eine zentrale Frage: Wie viel Freiwilligkeit ist sinnvoll und wo beginnt die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft?