Dabei ist die betriebliche Altersvorsorge grundsätzlich weit verbreitet. Rund 14,7 Millionen Verträge existieren in Deutschland. Doch das System schöpft sein Potenzial nicht aus. Zum einen ist die Verbreitung ungleich verteilt. Während große Unternehmen hohe Teilnahmequoten erreichen, bleibt die bAV in kleinen Betrieben oft die Ausnahme. Zum anderen ist die Anlagepolitik häufig konservativ geprägt.
Ein zentrales Problem der betrieblichen Altersvorsorge in Deutschland liegt in ihrer Struktur. Fünf unterschiedliche Durchführungswege, umfangreiche Garantievorgaben und regulatorische Anforderungen machen das System komplex und schwer zugänglich. Das gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.
Hinzu kommt eine konservative Kapitalanlage. In vielen Modellen dominieren festverzinsliche Wertpapiere. Die durchschnittliche Aktienquote in der Lebensversicherung liegt bei lediglich rund 4,3 Prozent. Die Folgen sind durch geringere Renditechancen und damit niedrigere Zusatzrenten spürbar. Garantien wirken dabei als zentraler Bremsfaktor. Sie zwingen Anbieter zu sicherheitsorientierten Anlagen und verhindern eine stärkere Nutzung von Aktien.
„Die betriebliche Altersvorsorge braucht ein Update. Ihr Potenzial bleibt in Deutschland vielfach ungenutzt, weil sie zu kompliziert und zu teuer ist“, sagt Henriette Peucker, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts.
Frankreich hat mit dem „Plan d’épargne retraite“ (PER) bereits 2019 ein neues Vorsorgemodell eingeführt, das als Blaupause für Reformen gelten kann. Das System zeichnet sich durch mehrere zentrale Eigenschaften aus: einfache Produktstruktur, hohe Übertragbarkeit bei Arbeitgeberwechsel und eine klare Kapitalmarktorientierung. Besonders auffällig ist der hohe Aktienanteil. Im Standardprodukt werden rund 85 Prozent der Mittel in Aktien- und Mischfonds investiert.
Der Erfolg ist messbar. Denn seit Einführung des PER ist die Zahl der Verträge in der betrieblichen Altersvorsorge um 36 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ermöglicht das System eine flexible Nutzung. So sind beispielsweise Auszahlungspläne statt zwingender Verrentung möglich.
Renditeeffekte: Aktien machen den Unterschied
Wie stark sich eine kapitalmarktorientierte Anlage auswirken kann, zeigt eine Beispielrechnung der Studie. Bei identischen Sparbeiträgen ergeben sich über 40 Jahre deutliche Unterschiede: Eine aktienbasierte Anlage kann ein Vorsorgevermögen von rund 493.000 Euro erreichen und damit fast dreimal so viel wie bei einer rein festverzinslichen Anlage mit rund 180.000 Euro.
Auch bei der monatlichen Zusatzrente wird der Unterschied deutlich: Während eine aktienorientierte Strategie mehr als 3.000 Euro ermöglichen kann, bleibt eine anleihebasierte Lösung bei rund 1.175 Euro. Aus dem Vergleich leitet die Studie konkrete Reformansätze für Deutschland ab. Im Zentrum steht die Forderung nach einer stärkeren Kapitalmarktorientierung.
„Wer der betrieblichen Altersvorsorge zum Durchbruch verhelfen will, kommt an garantiefreien Produkten nicht vorbei“, betont Peucker. Ziel sei es, höhere Erträge zu ermöglichen und gleichzeitig die Systeme zu vereinfachen. Weitere zentrale Punkte sind eine bessere steuerliche Förderung, die Stärkung vermögenswirksamer Leistungen sowie eine automatische Einbeziehung von Arbeitnehmern in Vorsorgemodelle mit Widerspruchsrecht.
Ein weiterer Hebel liegt in der Portabilität: Vorsorgeansprüche sollten beim Arbeitgeberwechsel unkompliziert übertragen werden können. Dies sei ein Standard, der in Frankreich längst etabliert ist. „Wird das geplante Altersvorsorgedepot für die zweite Säule geöffnet, können Vorsorgeansprüche bei einem Arbeitgeberwechsel unkompliziert mitgenommen werden. Das könnte zum Wendepunkt in der betrieblichen Altersvorsorge werden“, erklärt Peucker.