Altersvorsorgedepot für betriebliche Altersvorsorge könnte zum Wendepunkt werden

Deutschland hinkt bei der Altersvorsorge hinterher. Das gilt vor allem bei der betrieblichen Vorsorge. Eine Studie des Deutschen Aktieninstitut zeigt, dass andere Länder deutlich stärker auf Kapitalmarktmodelle setzen. Besonders Frankreich liefert ein Beispiel, wie Reformen wirken können.

Die Diskussion um die Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland ist nicht neu und doch konkrete Fortschritte bleiben rar. Während andere Länder ihre Systeme konsequent weiterentwickeln, zeigt sich hierzulande vor allem in der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) ein deutlicher Reformstau. Eine aktuelle Studie Deutschen Aktieninstituts macht deutlich, wie groß das ungenutzte Potenzial ist und warum ein Blick nach Frankreich lohnen könnte.

Sowohl Deutschland als auch Frankreich setzen traditionell stark auf das Umlageverfahren. In Deutschland stammen rund 66 Prozent der Alterseinkünfte aus umlage- oder steuerfinanzierten Systemen. Kapitalmarktbasierte Erträge spielen bislang nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich rund 14 Prozent der Alterseinkünfte stammen aus kapitalgedeckten Anlagen wie Aktien. Doch genau hier sehen die Autoren der Studie erheblichen Nachholbedarf. „Eine Ergänzung der Umlage um eine Kapitaldeckung mit Aktien ist sinnvoll“, heißt es in der Untersuchung. Langfristige Aktienanlagen hätten in der Vergangenheit durchschnittliche Renditen zwischen sechs und neun Prozent erzielt. Das sei ein Potenzial, das bislang kaum genutzt wird.

„Der demografische Wandel stellt die Rentensysteme auf die Probe“, heißt es in der Analyse. Während die erste und dritte Säule regelmäßig im Fokus politischer Debatten stehen, werde die betriebliche Altersvorsorge als zweite Säule häufig vernachlässigt.

Ein Vergleich mit anderen Ländern zeigt, wie groß der Unterschied ist. In Staaten wie Schweden, Großbritannien oder den Niederlanden tragen Kapitalmarktanlagen einen deutlich höheren Anteil zur Altersvorsorge bei. Teilweise liegt der Anteil bei mehr als 40 Prozent. Deutschland setzt dagegen weiterhin stark auf das Umlageverfahren. Zwei Drittel der Renteneinkommen stammen aus der gesetzlichen Rente. Angesichts der alternden Bevölkerung gerät dieses Modell jedoch zunehmend unter Druck.

Langfristig könnten Systeme, die stärker auf kapitalgedeckte Vorsorge setzen, stabiler sein. Der aktuelle Blick auf andere Altersvorsorge-Systeme nährt den Eindruck, dass Länder, die frühzeitig auf kapitalgedeckte Vorsorge gesetzt haben, nicht im gleichen Maß unter Druck stehen werden.

Betriebliche Altersvorsorge bleibt hinter ihren Möglichkeiten

Dabei ist die betriebliche Altersvorsorge grundsätzlich weit verbreitet. Rund 14,7 Millionen Verträge existieren in Deutschland. Doch das System schöpft sein Potenzial nicht aus. Zum einen ist die Verbreitung ungleich verteilt. Während große Unternehmen hohe Teilnahmequoten erreichen, bleibt die bAV in kleinen Betrieben oft die Ausnahme. Zum anderen ist die Anlagepolitik häufig konservativ geprägt.

Ein zentrales Problem der betrieblichen Altersvorsorge in Deutschland liegt in ihrer Struktur. Fünf unterschiedliche Durchführungswege, umfangreiche Garantievorgaben und regulatorische Anforderungen machen das System komplex und schwer zugänglich. Das gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.

Hinzu kommt eine konservative Kapitalanlage. In vielen Modellen dominieren festverzinsliche Wertpapiere. Die durchschnittliche Aktienquote in der Lebensversicherung liegt bei lediglich rund 4,3 Prozent. Die Folgen sind durch geringere Renditechancen und damit niedrigere Zusatzrenten spürbar. Garantien wirken dabei als zentraler Bremsfaktor. Sie zwingen Anbieter zu sicherheitsorientierten Anlagen und verhindern eine stärkere Nutzung von Aktien.

„Die betriebliche Altersvorsorge braucht ein Update. Ihr Potenzial bleibt in Deutschland vielfach ungenutzt, weil sie zu kompliziert und zu teuer ist“, sagt Henriette Peucker, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts.

Frankreich hat mit dem „Plan d’épargne retraite“ (PER) bereits 2019 ein neues Vorsorgemodell eingeführt, das als Blaupause für Reformen gelten kann. Das System zeichnet sich durch mehrere zentrale Eigenschaften aus: einfache Produktstruktur, hohe Übertragbarkeit bei Arbeitgeberwechsel und eine klare Kapitalmarktorientierung. Besonders auffällig ist der hohe Aktienanteil. Im Standardprodukt werden rund 85 Prozent der Mittel in Aktien- und Mischfonds investiert.

Der Erfolg ist messbar. Denn seit Einführung des PER ist die Zahl der Verträge in der betrieblichen Altersvorsorge um 36 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ermöglicht das System eine flexible Nutzung. So sind beispielsweise Auszahlungspläne statt zwingender Verrentung möglich.

Renditeeffekte: Aktien machen den Unterschied

Wie stark sich eine kapitalmarktorientierte Anlage auswirken kann, zeigt eine Beispielrechnung der Studie. Bei identischen Sparbeiträgen ergeben sich über 40 Jahre deutliche Unterschiede: Eine aktienbasierte Anlage kann ein Vorsorgevermögen von rund 493.000 Euro erreichen und damit fast dreimal so viel wie bei einer rein festverzinslichen Anlage mit rund 180.000 Euro.

Auch bei der monatlichen Zusatzrente wird der Unterschied deutlich: Während eine aktienorientierte Strategie mehr als 3.000 Euro ermöglichen kann, bleibt eine anleihebasierte Lösung bei rund 1.175 Euro. Aus dem Vergleich leitet die Studie konkrete Reformansätze für Deutschland ab. Im Zentrum steht die Forderung nach einer stärkeren Kapitalmarktorientierung.

„Wer der betrieblichen Altersvorsorge zum Durchbruch verhelfen will, kommt an garantiefreien Produkten nicht vorbei“, betont Peucker. Ziel sei es, höhere Erträge zu ermöglichen und gleichzeitig die Systeme zu vereinfachen. Weitere zentrale Punkte sind eine bessere steuerliche Förderung, die Stärkung vermögenswirksamer Leistungen sowie eine automatische Einbeziehung von Arbeitnehmern in Vorsorgemodelle mit Widerspruchsrecht.

Ein weiterer Hebel liegt in der Portabilität: Vorsorgeansprüche sollten beim Arbeitgeberwechsel unkompliziert übertragen werden können. Dies sei ein Standard, der in Frankreich längst etabliert ist. „Wird das geplante Altersvorsorgedepot für die zweite Säule geöffnet, können Vorsorgeansprüche bei einem Arbeitgeberwechsel unkompliziert mitgenommen werden. Das könnte zum Wendepunkt in der betrieblichen Altersvorsorge werden“, erklärt Peucker.