Pflegeversicherung: „Wie ein Land seine Alten verrät und wie ein neues Pflegesystem entstehen muss“

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Die Pflegekrise ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein schleichender Systemkollaps. Er trifft Pflegebedürftige, Angehörige und Pflegekräfte gleichermaßen und stellt den Sozialstaat vor eine moralische Bewährungsprobe. Warum politisches Nichthandeln zur größten Belastung geworden ist, schildert Gastautor Alwin W. Gerlach. Der langjährige Prokurist in der Rückversicherung hat sich diesem Thema nicht aus theoretischer Distanz, sondern aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus gewidmet.

Es gibt Krisen, die laut heranwachsen, mit sichtbaren Erschütterungen, mit Protesten und öffentlichen Debatten, die niemand überhören kann. Und es gibt Krisen wie die Pflegekrise, die leise beginnt, beinahe unmerklich, und gerade deshalb so zerstörerisch wird. Sie ereignet sich in Wohnzimmern, in Krankenhäusern, in Pflegeheimen, in stillen Schlafzimmern, in Gesprächen zwischen erschöpften Angehörigen und überforderten Pflegekräften. Sie geschieht nicht in einem dramatischen Moment, sondern in unzähligen kleinen Sekunden, in denen ein Mensch wartet, der nicht warten kann; in denen eine Pflegekraft laufen muss, wo sie stehen bleiben müsste; in denen ein Angehöriger verzweifelt versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Diese Krise wächst nicht trotz politischer Aufmerksamkeit, sie wächst wegen politischer Abwesenheit.

Die heute pflegebedürftige Generation ist nicht die Ursache dieses Zusammenbruchs. Sie ist sein tragischstes Opfer. Es ist eine historische Unwahrheit, ja eine gesellschaftliche Bequemlichkeit, sie als Belastung darzustellen. Denn tatsächlich verdanken wir dieser Generation alles, was unsere heutige Infrastruktur trägt: den Ausbau der Sozialversicherung, die wirtschaftliche Stabilität, die finanziellen Grundlagen des Staates, die Arbeitsleistung, die über Jahrzehnte hinweg die Voraussetzung für Wohlstand war. Die Menschen, die heute im Rollstuhl sitzen, die eine Hand brauchen, die ihnen beim Aufstehen hilft, die in einem Pflegeheim auf Ansprache warten, haben dieses Land gebaut, mit einer Disziplin, einem Pflichtbewusstsein und einem Beitragssystem, das sie selbst oft als selbstverständlich betrachteten. Wenn wir sie heute im Alter sich selbst überlassen, ist es nicht nur eine soziale Verfehlung, sondern ein moralischer Verrat.

Dass das Pflegesystem unter dieser Last zusammenbricht, ist keine demografische Überraschung. Es ist ein politisches Versäumnis, das über Jahrzehnte gereift ist. Die Daten waren bekannt. Die Prognosen lagen auf dem Tisch. Die Versicherungswirtschaft wusste früh, dass die Teilkasko­versicherung unweigerlich in eine Unterdeckung führen würde. Die Politik wusste, dass Pflegekräfte fehlen würden, dass Heime Renditeobjekte werden würden, dass ambulante Dienste im Minutentakt scheitern würden, dass Kurzzeitpflege chronisch unterfinanziert bleiben würde. Aber Wissen führt nicht zwangsläufig zu Handeln. Rein rechnerisch wusste Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre, dass die Pflege explodieren würde. Politisch gesehen tat man so, als wäre dieses Wissen ein theoretisches Problem, das man später lösen könne. Dieses später ist nun da , und es ist spät.

Die ambulante Pflege ist der erste Ort, an dem die strukturelle Schwäche sichtbar wird. Menschen, die jahrzehntelang eigenständig gelebt haben, werden im Alter in einen Takt gezwungen, der nicht ihrer Würde, sondern dem Finanzierungssystem entspricht. Pflegekräfte müssen in Minuten abrechnen, nicht in Bedürfnissen. Sie rennen, wo sie stehen müssten. Sie sind erschöpft, wo sie eigentlich Zuhörer wären. Die politische Behauptung, ambulant solle Vorrang vor stationär haben, ist eine leere Formel, solange ambulante Dienste finanziell stranguliert und bürokratisch gefesselt bleiben. Die Folge ist eine stille, systemische Entwertung der Menschenwürde: Ein Mensch, der Hilfe braucht, bekommt sie, aber nur in der Zeitspanne, die das System kalkuliert, nicht in der Zeit, die sein Leben erfordert.

Die Kurzzeitpflege verstärkt dieses Drama. Sie sollte Stabilität bringen, Übergänge erleichtern, Familien entlasten. Stattdessen ist sie ein existenzielles Risiko. Die Pflegekasse übernimmt symbolische Beträge, die mit Realität nichts zu tun haben. Einrichtungen verlangen Preise, die für Familien ruinös sein können. Und Menschen, die eigentlich genesen sollten, geraten in ein System, das sie nicht menschlich auffängt, sondern finanziell belastet. Die Kurzzeitpflege ist ein Prüfstein des Systems, und sie offenbart ein System, das nicht entlastet, sondern weiter erschöpft.

In den Pflegeheimen schließlich kulminiert das gesamte Versagen. Dort treffen Überforderung und Überteuerung aufeinander. Die Heime leiden unter Personalmangel, der nicht zufällig ist, sondern das Ergebnis politischer Versäumnisse und unzureichender Ausbildungs- und Vergütungsstrukturen. Zugleich zahlen Bewohner Preise, die ihre Ersparnisse in kürzester Zeit verschlingen. Besonders perfide sind die Investitionskosten ,ein Instrument, das ursprünglich zur Finanzierung baulicher Maßnahmen gedacht war, heute aber häufig ein Renditevehikel für Immobilieninvestoren darstellt. Die Politik hat dieses Schlupfloch geschaffen. Die Versicherungswirtschaft hat es gesehen. Die Trägerorganisationen haben es genutzt. Und die älteren Menschen, die nichts davon wissen, zahlen dafür mit ihrem Vermögen, ihrer Lebensleistung, ihrer letzten Unabhängigkeit.

Dieses Versagen ist nicht nur ökonomisch verheerend, sondern moralisch entlarvend. Ein Sozialstaat zeigt sich nicht daran, wie er leistungsfähige Menschen fördert, sondern wie er schutzbedürftige Menschen behandelt. Wenn dieser Staat jedoch zulässt, dass Pflegebedürftige durch bürokratische Protokolle, finanzielle Zumutungen und institutionelle Gleichgültigkeit ihrer Würde beraubt werden, dann gerät etwas Tieferes in Gefahr: das Fundament des demokratischen Vertrauens.

Doch die Tragik endet nicht mit der Diagnose. Es gibt einen Weg heraus, einen Weg, der Mut erfordert, aber möglich ist. Ein neues Pflegesystem kann gebaut werden, wenn man bereit ist, die Grundlagen zu verändern, nicht nur Symptome abzumildern. Der entscheidende Schritt ist eine echte Vollpflegeversicherung. Keine Teilkasko, keine Flickwerkversicherung, sondern eine solidarische Bürgerversicherung, in die alle einzahlen: Menschen mit Arbeitseinkommen, Menschen mit Vermögen, Menschen mit Kapitalerträgen, Beamte, Selbstständige. Pflege darf nicht länger ein privates Armutsrisiko sein, sondern muss eine kollektive Sicherheit sein. Eine solche Versicherung würde Eigenanteile drastisch reduzieren und die entwürdigende Entsparung am Lebensende beenden.

Zugleich muss der Staat den Mut finden, die Investitionskosten zu regulieren. Kein Pflegebedürftiger darf Rendite generieren. Kein Heim darf ein Finanzprodukt sein. Investitionskosten müssen gedeckelt, offengelegt und überprüfbar sein. Wenn Pflege Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge ist, gehört sie in die Logik des Gemeinwohls, nicht in die Mechanik der Kapitalmärkte.

Ebenfalls notwendig ist eine klare Begrenzung der Eigenanteile. Menschen müssen wissen, was Pflege sie maximal kosten wird, und sie müssen sicher sein, dass ihr Vermögen nicht innerhalb weniger Monate verschwindet. Ein gesetzlicher Deckel würde Armut verhindern, Familien stabilisieren und das Vertrauen in das System erneuern.

Dazu gehört auch, dass die Grundpflege aus der Gewinnlogik herausgeführt wird. Pflege darf nicht abhängig sein vom Renditeinteresse. Sie muss öffentlich, gemeinnützig oder genossenschaftlich organisiert werden, wo es um Grundbedürfnisse geht. Privater Wettbewerb kann eine Rolle spielen, aber nicht in Bereichen, in denen menschliche Würde verhandelt wird.

Ein neues Pflegesystem braucht zudem ein nationales Personalprogramm. Pflegekräfte müssen gute Löhne erhalten, echte Aufstiegschancen haben, Zeit für ihre Arbeit bekommen. Ohne Personal ist jede Reform Makulatur. Und ohne bessere Arbeitsbedingungen wird es kein Personal geben.

Die ambulante Pflege muss entbürokratisiert werden. Die Menschen brauchen Zeit – nicht Minutenpauschalen. Sie brauchen Ansprechpartner – nicht Formularberge. Ambulante Pflege kann die stationäre Pflege entlasten, wenn man sie finanziell stärkt und organisatorisch befreit.

Die Kurzzeitpflege wiederum braucht vollständige Finanzierung. Sie darf kein finanzieller Abgrund sein, sondern ein stabiler Übergangsraum.

All diese Lösungen brauchen Transparenz. Der gesamte Pflegesektor muss offenlegen, wohin Geld fließt. Nur Transparenz kann Vertrauen schaffen.
Und schließlich braucht es politische Verantwortlichkeit. Pflegepolitik darf kein ministerielles Durchlaufgebiet sein, sondern ein Feld, auf dem Verantwortung sichtbar wird. Wo Nichthandeln Konsequenzen hat. Wo Millionen von Menschen nicht länger der Preis für politische Bequemlichkeit sind.

Wenn diese Schritte gegangen werden, kann ein neues System entstehen – eines, das nicht auf Ausbeutung, sondern auf Solidarität beruht; nicht auf Verwalten, sondern auf Gestalten; nicht auf Zwang, sondern auf Würde. Ein System, das die Generation schützt, die uns getragen hat. Und damit ein System, das uns selbst schützt.
Denn das Maß an Würde, das wir unseren Alten gewähren, ist das Maß an Zukunft, das wir uns selbst geben. Und jede Gesellschaft, die dieses Maß unterschreitet, riskiert, sich selbst zu verlieren.