Versicherungsbetrug ist ein großes Problem, aber kein Volkssport

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Versicherungsbetrug verursacht der Branche einen Verlust von rund vier Milliarden Euro pro Jahr alleine in der Schaden- und Unfallversicherung. Daher scheint nötig, gegen ihn vorzugehen, auch präventiv. Aber wie kann Versicherungsbetrug schon im Vorfeld verhindert werden? Schließlich gilt er bei vielen Menschen als Kavaliersdelikt. Und ist nicht eigentlich derjenige der Dumme, der nicht betrügt, wenn es viele andere auch machen? Versicherungsbote hat mit der Diplom-Volkswirtin und Journalistin Vanessa Köneke gesprochen. Gemeinsam mit Professor Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen an der Fachhochschule Köln und Detlef Fetchenhauer, Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln, hat sie das Buch „Versicherungsbetrug verstehen und verhindern" Versicherungsbetrug verstehen und verhindern“ verfasst (erschienen 2015 bei Gabler Springer).

Versicherungsbote: Versicherungsbetrug gilt bei den Bundesbürgern als Kavaliersdelikt, wenn man Studien im Auftrag des GDV Glauben schenkt. Laut einer Emnid-Umfrage hält jeder zehnte Bundesbürger es für verzeihlich, seine Versicherung zu betrügen. Warum gibt es hierbei so ein geringes Unrechtsbewusstsein?

Köneke: Die meisten Menschen entschuldigen Versicherungsbetrug nur unter bestimmten Umständen. Vor allem wenn es nicht um Habgier geht, sondern darum, einen tatsächlich entstanden Schaden ersetzt zu bekommen. Ein Beispiel: Aus einem Fahrradkeller wird ein Rad gestohlen und der Besitzer meldet fälschlicherweise, der Keller sei abgeschlossen gewesen. Oder einem Urlauber fällt der Fotoapparat ins Wasser und das mitgereiste, befreundete Pärchen gibt seiner Haftpflichtversicherung gegenüber an, den Schaden verursacht zu haben. In diesen Fällen wollen sich die Versicherungskunden auf den ersten Blick nicht bereichern, sondern „nur“ einen Verlust vermeiden. Das passt nicht zu unserem Stereotyp von finanzieller Kriminalität und deswegen scheint es manchen Bürgern eher ein Kavaliersdelikt. Aber niemand gibt eine Generalabsolution. Für einen Versicherungsbetrug, den jemand macht, um sich einen neuen Porsche zu kaufen, hat wohl niemand Verständnis. Ebenso wenig für serienmäßigen Versicherungsbetrug oder Betrug, der andere Menschen gefährdet wie bei provozierten Autounfällen.

Versicherungsbote: Jeder Vierte gibt laut Emnid zu, schon einmal betrogen zu haben, aber fast immer geht es um weniger als 1.000 Euro. Provokativ gefragt: Wenn so viele Menschen betrügen, ist dann nicht der Ehrliche der Dumme?

Köneke: Das könnte man denken. Sogar wörtlich. Denn viele Menschen unterstellen Versicherungsbetrügern ebenso wie Steuerhinterziehern und anderen so genannten White Collar-Kriminellen eine gewisse Cleverness. Um einen Schadenfall so darzustellen, dass die Versicherung ihn als echt anerkennt, benötigt man schließlich Wissen. Zum übertragenen Sinn, den Sie meinen: Versicherungsehrlichkeit ist verhaltensökonomisch ausgedrückt ein kollektives Dilemma. Ein Kunde betrügt, alle zahlen die Kosten durch ihre Prämien mit. Wenn alle ehrlich sind, ist das für das Kollektiv der Versicherungskunden am besten. Aber jeder einzelne hat einen Anreiz zum Betrug. Dennoch ist der Ehrliche nicht der Dumme. Denn zunächst mal ist und bleibt Versicherungsbetrug eine Straftat. Zudem gehört der Ehrliche zur überwiegenden Mehrheit der Kunden! Wenn jeder Vierte schon einmal betrogen hat, heißt das schließlich auch, dass Dreiviertel der Kunden noch nie betrogen haben. Und von dem Teil der bekennenden Betrüger lügt auch nicht jeder bei jedem Schadenfall. Versicherungsbetrug ist ein großes Problem, aber kein Volkssport.

Versicherungsbote: Gibt es Sparten, in denen besonders häufig betrogen wird?

Köneke: Ja, Haftpflicht-, Hausrat- und Kfz-Versicherungen. Jene sind schließlich auch am weitesten verbreitet. Fast jeder Bürger hat eine Police und nur, wenn man eine Versicherung hat, kann man auch einen Versicherungsbetrug begehen.

Versicherungsbote:...und wie hoch ist die Aufklärungsquote bei Versicherungsbetrug? Gibt es hierzu Erhebungen?

Köneke: Wie bei fast allen Straftaten kann man nicht genau sagen, wie hoch die Dunkelziffer ist. Daher lässt sich auch die Aufklärungsquote nicht genau benennen. Bei der Befragung des GDV aus dem Jahr 2011 gaben 17 Prozent der Personen, die sich zu einem Versicherungsbetrug bekannten, an, dass jener entdeckt worden war. Bei einer anderen, etwas älteren Studie waren es vier Prozent.

 Vielleicht ist das schon ein Indiz dafür, dass die Versicherer ihre Kontrollen verstärkt haben. Zur Anzeige gebracht werden jährlich nur etwa 5.000 Fälle.

Versicherungsbote: Auf Ihrer Webseite ist zu lesen, Sie wollen Ursachen von Versicherungsbetrug eindämmen, bevor es überhaupt zu Betrügereien kommt – eine Art Betrugsprophylaxe. Hierfür wollen Sie „Ursachen des alltäglichen Versicherungsbetrugs“ analysieren. Wie bitte soll denn eine vorbeugende Betrugsbekämpfung funktionieren? Können Sie dies an einem Beispiel verdeutlichen?

Köneke: Genau, unsere Hauptidee ist, dass Versicherer bisher viel zu sehr darauf fokussieren, Betrugsversuche aufzudecken. Sie setzen auf Big Data und Software. Gegen professionelle Betrüger ist Kontrolle und Strafe der einzige Weg. Und auch für die Masse der Gelegenheitsbetrüger ist es in einem gewissen Maß sinnvoll und nötig. Aber Abschreckung durch Kontrolle ist nicht die beste Vorbeugung. Versicherer vergessen, einen Schritt vorher anzusetzen, und die Betrugsmotive zu reduzieren. Schließlich geht man auch nicht nur zum Zahnarzt, um die Zähne auf Karies untersuchen zu lassen, sondern putzt die Zähne regelmäßig, um erst gar keinen Karies entstehen zu lassen.

Einfache Möglichkeiten zur Betrugsprophylaxe sind Bonus-Malus-Verträge, bei denen Schadenfreiheit belohnt wird, und Mikrokollektive wie Friendsurance, bei denen direkt deutlich wird, dass nicht der Versicherer, sondern andere Kunden die Kosten eines Betrugs tragen. Ebenfalls einfach umzusetzen sind erhöhte moralische Hürden bei der Schadenaufnahme. Wer nicht nur ein Schadenformular ausfüllt, sondern mit einem Versicherungsmitarbeiter spricht, lügt seltener. Besonders wichtig sind gute Beratung und gründliche Erläuterung der Vertragsausschlüsse sowie ein enger Kundenkontakt. Denn Kunden, die sich schon mal über ihre Versicherung geärgert haben, betrügen häufiger. Eine langfristigere Vorbeugung wäre gute Finanzbildung, die deutlich machte, dass eine private Versicherung keine sozialstaatliche ist, die immer einspringt, wenn Bedürftigkeit besteht, sondern nur leistet, wenn die Leistung auch vertraglich vereinbart wurde.

Versicherungsbote: Der gebürtige Ecuadorianer Hugo Jose Sanchez täuschte 2005 in Großbritannien seinen eigenen Tod vor, damit seine Frau eine Million britische Pfund von seiner Lebensversicherung einstreichen konnte. Der Betrug flog auf, weil die Fingerabdrücke des Mannes auf seinem Totenschein entdeckt wurden. Können Sie von ähnlich spektakulären Betrügereien berichten?

Köneke: Die spektakulären und kuriosen Fälle ziehen selbstverständlich immer die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Und klar, gibt es die: Selbstverstümmelungen wie abgehackte Finger sind gar nicht so selten wie man glauben sollte. Unter Chirurgen und Handwerkern, aber auch unter anderen Versicherungskunden. Bei Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherungen winkt schließlich gleich das große Geld. Allerdings können Versicherer diese Betrugsversuche relativ leicht entlarven. Ein Fall mit besonders großer Selbstverstümmelung war vor einigen Jahren ein damals 55-jähriger Mann, der sich von seiner Lebensgefährtin absichtlich überfahren lassen hatte. Er ist seitdem schwerstbehindert und erhielt zudem eine Bewährungsstrafe.

Versicherungsbote: Die Digitalisierung bedeutet für die Schadenregulierung der Versicherer eine Herausforderung. Autodiebe haben Möglichkeiten gefunden, das Funksignal von Schlüsseln zu manipulieren, und können so die Tür öffnen, ohne Einbruchspuren zu hinterlassen. Die Süddeutsche Zeitung warnt, damit sei es Versicherungsnehmern kaum möglich, den Einbruch zu beweisen. Gibt es einen technischen Wettlauf zwischen professionellen Betrügern und der Versicherungsbranche?

Köneke: Ja, da unterscheidet sich Versicherungsbetrug nicht von anderen Straftaten. Wobei es nicht unbedingt ein Wettlauf ist, bei dem die Betrüger das Feld anführen. Die Digitalisierung ist für die Versicherungsbranche nicht nur Fluch, sondern auch Segen. Schadenfälle lassen sich automatisch auf Betrugshinweise prüfen. Manche Betrüger verhalten sich in sozialen Netzwerken unaufmerksam und werden so gestellt. Mit Big Data wird sogar versucht, vorherzusagen, wann und wo der nächste Großbetrug begangen wird. Gegen Betrügerbanden, die Schadenfälle provozieren oder fingieren, ist technisches Knowhow ein besonders wichtiges Werkzeug. Bei „normalen“ Kunden, die ein- oder zweimal in ihrem Leben eine Falschangabe machen, sollten Versicherer ebenfalls nicht auf Technik verzichten. Aber sie sollten die Kunden nicht unter Generalverdacht stellen und dadurch auch hier einen Wettlauf anheizen.

Versicherungsbote: Mehrfach wurden in den Medien Zweifel an der Unabhängigkeit von Schadensgutachtern laut. „Etliche Gutachten (…) sind sehr einseitig verfasst“, berichtete im Juli der SWR und präsentierte u.a. einen Arzt, dem eine Versicherung Geld für ein Gefälligkeitsgutachten geboten haben soll. Auch würden Gutachter eher im Sinne des Versicherers urteilen, weil sie sich Folgeaufträge erhoffen. Wie beurteilen Sie diese Vorwürfe?

Köneke: Neutralität ist neben Expertise die Kernidee von Gutachten. Dementsprechend beschäftigt die Problematik nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Fachwelt und die Politik schon lange. Sogar bei gerichtlich beauftragten Sachverständigen kann es zu Beeinflussung kommen. Bei einer Befragung der Ludwig-Maximilians-Universität München unter medizinischen und psychologischen Gutachtern gab ein Viertel der Gutachter an, von Gerichten „in Einzelfällen“ eine Tendenz signalisiert bekommen zu haben. Selbst wenn es nicht zu Bestechung oder sonstiger bewusster Beeinflussung kommt, kann schon die Art und Weise, wie ein Auftraggeber den Auftrag beschreibt, den Gutachter eher in eine Richtung als die andere gehen lassen.

Versicherungsbote:...daran anknüpfend: gibt es ausreichend Vorkehrungen, um die Unabhängigkeit der Gutachter zu garantieren?

Köneke: Gutachter werden sehr gut bezahlt, um die finanziellen Anreize einer Bestechung zu minimieren. Problematisch ist allerdings, dass sie wirtschaftlich eigentlich nicht abhängig von der Gutachtertätigkeit sein sollten, also jene nur als Nebenbeschäftigung ausführen sollten. Das ist sicher nicht immer gegeben. Wenn gar ein Versicherungsmitarbeiter als Sachverständiger auftritt, müssen Versicherungsnehmer das aber seit einem BGH-Urteil vor einigen Monaten nicht akzeptieren. Und man kann als Versicherungsnehmer ja auch immer ein Gegengutachten in Auftrag geben. In manchen Fällen deckt das sogar der Versicherungsschutz mit. Noch besser ist es, wenn vor dem ersten Gutachten Versicherer und Versicherungsnehmer Gutachter vorschlagen und sich gemeinsam auf einen einigen.

Versicherungsbote: Was können Versicherungsnehmer tun, wenn sie zu Unrecht des Versicherungsbetrugs verdächtigt werden? An wen können sie sich wenden und welche Schritte sollten sie einleiten?

Köneke: Wie bei allen Streitigkeiten mit Versicherern oder Versicherungsvermittlern können sich Versicherungsnehmer an den Ombudsmann wenden. Das ist eine von der Versicherungsbranche bezahlte Schlichtungsstelle. Bei einem falschen Betrugsverdacht wird man aber wohl nicht darum herumkommen, einen Anwalt zu beauftragen.

Versicherungsbote: Vielen Dank für das Interview! (Die Fragen stellte Mirko Wenig)