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Studie

Berufsunfähigkeitsversicherung - Extreme Unterschiede bei Leistungsentscheidungen

Guter Versicherer, schlechter Versicherer? Verbraucher haben kaum eine Chance, die Qualität der BU-Tarife einzuschätzen, kritisiert das Analysehaus PremiumCircle.Alexas_Fotos@Pixabay.com

In der Berufsunfähigkeitsversicherung sorgen unklare und unverbindliche Verträge dafür, dass sowohl Vermittler als auch Verbraucher kaum die Qualität der Tarife einschätzen und vergleichen können. Zu diesem bitteren Fazit kommt die Beratungsgesellschaft PremiumCircle anhand einer eigenen Umfrage. Ein Beispiel: Verweigert der Versicherer die Leistung und der Verbraucher zieht vor Gericht, haben bei manchen Unternehmen null Prozent der Kläger Erfolg – und bei anderen Unternehmen 83 Prozent.

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Wer in Deutschland das Risiko einer Berufsunfähigkeit absichern will, findet kaum Orientierung. Der muss sich durch einen Dschungel intransparenter Vertragswerke kämpfen und kann sich nicht darauf verlassen, ob sein Versicherer im Ernstfall zahlt. Diese Klage wird von Verbraucherschützern oft vorgebracht und von der Versicherungsbranche stets vehement bestritten. „Berufsunfähigkeitsversicherer sind keine Neinsager“, so titelte auch der Versicherungsbote mehrfach.

Nun liefert eine Studie des Beratungshauses PremiumCircle allen Kritikern neue Nahrung, am Dienstag wurde sie in Frankfurt am Main vorgestellt. „Unklare und unverbindliche Vertragswerke sorgen für extreme Unterschiede bei den Leistungsentscheidungen der Versicherer“, sagte Claus Dieter Gorr, Geschäftsführer des Dienstleisters. Und weiter: "Die richtige Versicherung zur Berufsunfähigkeit abzuschließen, gleicht einem Würfelspiel". Die Verbraucher seien "faktisch orientierungslos".

Auf die Selbstheilungskräfte der Branche vertraut das Analysehaus allein nicht mehr. Die Politik müsse aktiv werden und endlich verlässliche Leitplanken für diese so wichtige Sparte setzen, heißt es in einer Pressemeldung. Es ist die Behauptung eines Marktversagens: Mit 25 Prozent sei die Absicherungsquote in Deutschland europaweit unterdurchschnittlich, die Intransparenz der Verträge trage mit daran Schuld.

Fast jede dritte erstinstanzliche Klage gegen Versicherer hatte 2014 Erfolg

Wie ungern sich die BU-Versicherer in die Karten schauen lassen, zeigt bereits der Rücklauf zu der Studie. Premium Circle hat im Herbst 2016 insgesamt 62 BU-Versicherer angeschrieben und mit 75 Fragen konfrontiert. Es wurde zugesichert, die Daten anonym zu behandeln. Aber nur 15 Versicherer antworteten überhaupt auf Fragen, sie bilden einen Marktanteil von 23,2 Prozent ab. Marktgrößen wie die Allianz und HUK Coburg lehnten eine Antwort ab.

Die präsentierten Daten beziehen sich auf das Jahr 2014. Und die Zahlen lassen aufhorchen. Ein Beispiel: bei den antwortenden Versicherungen wurden 169 erstinstanzliche Urteile (Landgericht) gesprochen, in denen sich ein Verbraucher mit seiner Versicherung über Leistungen aus seinem BU-Vertrag stritt. Die Chancen auf Erfolg waren für die Betroffenen sehr hoch. Beinahe jeder dritte Berufsunfähige (31,4 Prozent), der gegen seine Versicherung klagte, konnte sich durchsetzen und erhielt Recht. Eine stolze Quote.

Noch mehr lässt aufhorchen, wie sehr die Erfolgsaussichten eines klagenden Verbrauchers von Versicherung zu Versicherung variierten. Die unternehmensindividuelle Quote schwankte zwischen Null Prozent – das heißt, kein einziger Verbraucher hatte vor Gericht Erfolg – und 83,3 Prozent: Fünf von sechs Verbrauchern konnte erfolgreich klagen.

Die Zahl der Klagen relativiert sich aber mit Blick auf die Gesamtzahl der anerkannten BU-Renten. Im Jahr 2014 wurden über 40.200 Leistungsanträge auf Berufsunfähigkeits-Rente neu anerkannt, berichtet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Damit wurden nach GDV-Angaben mehr als 77 Prozent aller Neuanträge positiv entschieden. PremiumCircle errechnet in der eigenen Studie immerhin noch 72,2 Prozent positiver Entscheide anhand des Marktausschnittes (siehe unten).

Auch andere Daten zeigen nach Interpretation von PremiumCircle eine „eklatante Varianz“ im Leistungsverhalten der BU-Versicherer:

  • Bis zur Hälfte der Anträge auf BU-Rente werden abgelehnt: Von 16.150 abschließend bearbeiteten Leistungsfällen wurden insgesamt 72,2 Prozent (11.656 Fälle) anerkannt. 27,8 Prozent (4.494 Fälle) wurden abgelehnt. Die unternehmensindividuelle Quote variierte 2014 zwischen 55,8 Prozent und 13,9 Prozent der abschließend bearbeiteten Leistungsfälle.
  • Durchschnittliche Bearbeitungsdauer eines Leistungsfalles zwischen 30 und 219 Tagen: Im Schnitt dauerte es bei den Versicherern 95 Tage, bis über eine Berufsunfähigkeit abschließend entschieden wurde. Doch auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den BU-Versicherern. Während beim besten Anbieter der Kunde schon durchschnittlich nach 30 Tagen erfährt, ob er eine Berufsunfähigkeits-Rente erhält, müssen die Versicherungsnehmer beim langsamsten Anbieter im Schnitt sieben Monate bzw. 219 Tage warten.
  • Unbefristete Anerkennungsquote variiert zwischen 36,2 und 83,3 Prozent: 63,4 Prozent aller abschließend bearbeiteten Leistungsfälle wurden im Schnitt unbefristet anerkannt. Die Anerkennungsquoten variieren von Unternehmen zu Unternehmen stark: zwischen 36,2 Prozent und 83,3 Prozent.
  • Durchschnittliche Höhe der monatlich ausgezahlten Berufsunfähigkeits-Rente zwischen 468 und 1.117 Euro: Deutliche Unterschiede zeigten sich auch bei der Höhe der zuerkannten Renten. Die durchschnittliche Höhe der vorangegangenen monatlichen Rentenzahlung betrug 672 Euro. Der Anbieter mit der niedrigsten Rente zahlte jedoch nur im Schnitt 468 Euro pro Monat an seine Kunden aus - der Anbieter mit der höchsten Rente im Schnitt 1.117 Euro. Die niedrigen Renten weisen auf eine Unterversorgung der BU-Versicherten hin, kritisiert PremiumCircle. Oft lasse sich mit diesen Renten der Lebensstandard nicht aufrechterhalten.

Berufsunfähigkeit im Schnitt mit 45,7 Jahren gemeldet

Die Notwendigkeit eines BU-Schutzes zeigt sich anhand des jungen Alters, in dem die Versicherten eine Berufsunfähigkeits-Rente beantragt haben. Im Schnitt waren sie zu diesem Zeitpunkt 45,7 Jahre alt. Das Alter variierte bei der Meldung eines Leistungsfalles zwischen 40,4 Jahren beim "jüngsten" Versicherer (VU mit 105 Fällen) und 48,1 Jahren (VU mit 951 Fällen).

Kritik übt PremiumCircle auch an der Analyse-Konkurrenz. Denn trotz aller Unterschiede: "Im Rahmen einer Querprüfung wurde festgestellt, dass 12 der 15 teilnehmenden Versicherer bei vergangenen Produktratings führender Agenturen dennoch deren jeweilige Höchstwertung erhalten haben".

Dass es gute BU-Anbieter auf dem Markt gibt, bestreitet PremiumCircle nicht. Zwar habe kein Versicherer im Unternehmensvergleich in allen Teilbereichen überdurchschnittlich abgeschnitten. Aber immerhin konnte festgestellt werden -Zitat Pressetext-: "dass einzelne Unternehmen in relevanten Teilbereichen konsistent Ergebnisse über dem ermittelten Durchschnitt der teilnehmenden Unternehmem erzielt haben und sich somit deutlich von ihrem Wettbewerb abheben".

Zu vage Begriffe?

Ein Grund für die großen Unterschiede ist laut Gorr, dass die Versicherer zu große Spielräume in ihren Verträgen hätten. Im Schnitt 321 unbestimmte Begriffe finden sich demnach in den Bedingungen der Versicherer. Anhand dieser Begriffe müssen Versicherungen beurteilen, ob ein Schaden es dem Versicherten tatsächlich unmöglich macht, seinen Beruf weiter auszuüben. Und die Unbestimmtheit eröffnet Spielraum, um Leistungen abzulehnen.

Ein Beispiel: So seien bei einigen Anbietern die Leistungsempfänger verpflichtet, jede Verbesserung des Gesundheitszustandes zu melden. Das könne schon der Fall sein, wenn statt drei nur noch zwei Tabletten eingenommen werden müssten. Und schon sei die Rente in Gefahr.

Peter Schwark vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) weist gegenüber Spiegel Online die Vorwürfe an die Branche von sich. Die Versicherer müssten solche "unbestimmten" Begriffe verwenden, weil Berufsunfähigkeitsversicherungen auch in 30 Jahren noch Bestand haben müssen. "Versicherungen nutzen solche Dinge nicht willkürlich, um Kunden auflaufen zu lassen." Dem Autor der Studie wirft Schwark vor, eigene finanzielle Interessen zu haben und seine Beratungsleistungen verkaufen zu wollen.

Viele Anträge auf BU-Rente werden von Verbrauchern nicht weiter verfolgt - weil das Aus im Beruf nicht dauerhaft ist

Relativiert wird die PremiumCircle-Kritik auch durch eine Studie des Analysehauses Franke & Bornberg, die sich ebenfalls auf das Jahr 2014 bezog. Die Analysten schauten sich anhand einer Stichprobe von 700 Fällen die Gründe an, weshalb eine BU-Rente nicht bewilligt wird (der Versicherungsbote berichtete). „Bei vielen Fällen, in denen es nicht zur Anerkennung kommt, handelt es sich nicht um Ablehnungen. Vielmehr wurden vorsorglich gemachte Leistungsanmeldungen durch die Kunden selbst nicht weiter verfolgt“, erklärte Michael Franke, geschäftsführender Gesellschafter von Franke & Bornberg. Mit anderen Worten: Es gab keine BU-Rente, weil der Versicherte in seinen alten Beruf zurückkehren konnte. Aber in drei von vier Fällen bekomme ein Antragsteller seine Berufsunfähigkeit anerkannt, und zwar innerhalb eines halben Jahres.

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Folgende Versicherer stellten ihre Daten zur Verfügung (in alphabetischer Reihenfolge): Alte Leipziger, Axa, Barmenia, Debeka, die Bayerische, HDI, LV 1871, Neue Leben, PB Versicherung, Signal Iduna, Swiss Life, Targo, Volkswohl Bund, Württembergische, Zurich.

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