Steigende Cybergefahren, Naturkatastrophen und geopolitische Risiken stellen die klassische Rückversicherungsordnung zunehmend auf die Probe. Warum künftig nicht mehr der Preis, sondern die strukturelle Belastbarkeit von Rückversicherungsprogrammen über ihre Zukunftsfähigkeit entscheidet, erklärt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.
Die Diskussionen innerhalb der Versicherungs- und Rückversicherungsbranche drehen sich seit Jahren mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit um dieselben Themen. Im Mittelpunkt stehen die jährlichen Renewal-Verhandlungen, Preisentwicklungen, Kapazitäten, Selbstbehalte, Bedingungen sowie die Frage, ob sich der Markt aktuell in einem weichen oder harten Zyklus befindet. Genau dabei wird jedoch häufig übersehen, worum es im Kern eigentlich gehen müsste: um die strukturelle Angemessenheit der Rückversicherungsordnung selbst. Gerade darin liegt heute eine der größten systemischen Schwächen der gesamten Branche.
Der aktuelle Einstieg der Gothaer in den Markt für Cat Bonds mit einer eigenständigen deutschen Hochwassertransaktion zeigt beispielhaft, wie stark sich Risikoprofile verändert haben und wie spät vielfach auf solche Veränderungen reagiert wird. Denn Hochwasser, Cyberrisiken, geopolitische Risiken, Lieferkettenstörungen, Kriegsauswirkungen, Energieabhängigkeiten, Risiken kritischer Infrastrukturen, neue Haftungsszenarien, künstliche Intelligenz oder Silent Risks entstehen nicht plötzlich. Sie entwickeln sich über Jahre hinweg. Gleichzeitig bleiben Rückversicherungsstrukturen oftmals nahezu unverändert bestehen. Genau das ist das eigentliche Problem.
Jahrzehntelang stabile Programme in einer instabilen Risikowelt
Sowohl Erstversicherer als auch Rückversicherer haben in der Vergangenheit vielfach versäumt, ihre Rückversicherungsbedarfe konsequent an neue Risikorealitäten anzupassen. Bei Erstversicherern betrifft dies insbesondere die fehlende regelmäßige Überprüfung der Rückversicherungsstruktur, unzureichende Analysen von Kumul- und Klumpenrisiken, nicht erkannte oder verdrängte Silent Risks, historisch gewachsene Katastrophenprogramme, unzureichende Spezialdeckungen sowie mangelnde Anpassungen an neue Zeichnungsstrategien.
Auf Seiten der Rückversicherer zeigt sich ein vergleichbares Bild. Dort konzentrieren sich die jährlichen Gespräche mit Zedenten oftmals nahezu ausschließlich auf Preise, Kapazitäten und Vertragsbedingungen. Die eigentliche Struktur der Programme bleibt dagegen häufig über viele Jahre oder sogar über ein Jahrzehnt hinweg unangetastet. Angesichts der heutigen Risikodynamik ist das nicht mehr vertretbar. Denn Risiken verändern sich heute schneller als die Strukturen, die sie absichern sollen.
Das Problem betrifft auch die Rückversicherer selbst
Dabei wird häufig übersehen, dass dieses Problem nicht nur Erstversicherer betrifft, sondern in erheblichem Maße auch die Rückversicherer selbst. Denn Rückversicherer tragen heute nicht mehr nur Einzelrisiken ihrer Zedenten, sondern zunehmend globale, miteinander vernetzte Kumulationsrisiken. Gerade dadurch entstehen enorme systemische Exponierungen, die häufig unterschätzt werden oder sich über Jahre hinweg unbemerkt aufbauen. Rückversicherer akkumulieren Risiken aus unterschiedlichsten Märkten, Regionen und Sparten. Cyberrisiken, Naturkatastrophen, politische Risiken, Lieferkettenstörungen, Energieabhängigkeiten oder Kriegsauswirkungen treffen dabei nicht mehr isoliert einzelne Versicherer, sondern potenziell ganze Portfolios und weltweite Rückversicherungsbücher gleichzeitig.
Hinzu kommt, dass Rückversicherer häufig ähnliche Geschäftsfelder, Branchen oder geografische Regionen decken. Dadurch entstehen globale Kumule, die sich in traditionellen Modellierungen oftmals nur unzureichend widerspiegeln.
Gerade Cyber zeigt diese Problematik besonders deutlich. Ein einziger Angriff auf einen globalen Cloudanbieter, einen großen Softwaredienstleister oder kritische digitale Infrastruktur könnte gleichzeitig Schäden bei tausenden Versicherungsnehmern, dutzenden Erstversicherern und zahlreichen Rückversicherern auslösen. Damit verändern sich nicht nur die Risiken der Erstversicherer, sondern auch die Risikostruktur der Rückversicherer fundamental.
Viele Rückversicherungsprogramme und Retro-Strukturen basieren jedoch noch immer auf historischen Annahmen, traditionellen Schadenmustern und bekannten Naturkatastrophenszenarien. Die Realität heutiger systemischer Risiken entwickelt sich dagegen wesentlich schneller als die Anpassung der entsprechenden Rückversicherungssysteme. Gerade deshalb benötigen auch Rückversicherer eine permanente und tiefgehende Überprüfung ihrer eigenen Risikostrukturen, Retrocession-Programme, Kumulationsgrenzen und Kapitalallokationen. Denn auch Rückversicherer können Silent Risks, nicht erkannte Kumule oder strukturelle Deckungslücken über Jahre hinweg aufbauen, ohne dass diese unmittelbar sichtbar werden.
Cyber zeigt die strukturellen Schwächen besonders deutlich
Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Cyberbereich. Hier entstehen nahezu täglich neue Gefahrenlagen. Dazu gehören staatlich unterstützte Cyberangriffe, KI-basierte Angriffsmethoden, Angriffe auf kritische Infrastrukturen, globale Cloud-Abhängigkeiten, weltweite Software-Kumule, Supply-Chain-Attacken sowie schwer kalkulierbare Akkumulationsrisiken. Viele dieser Risiken sind weder vollständig modellierbar noch historisch belastbar kalkulierbar. Dennoch existieren sie real und oftmals verborgen innerhalb traditioneller Policen als Silent Cyber oder in Form nicht erkannter Kumule.
Gerade deshalb reicht es heute nicht mehr aus, Rückversicherung ausschließlich über Preisverhandlungen zu definieren. Die entscheidende Frage lautet inzwischen vielmehr, ob die bestehende Rückversicherungsstruktur überhaupt noch geeignet ist, die tatsächlich gezeichneten Risiken abzubilden. Noch wichtiger ist die Frage, ob diese Struktur geeignet ist, zukünftige strategische Entwicklungen eines Versicherers ausreichend abzusichern.
Die Branche reagiert traditionell erst nach Großschäden
Historisch betrachtet hat die Branche ihre Rückversicherungsordnungen häufig erst nach Großschäden angepasst. Das zeigte sich nach Asbestfällen, Umwelt- und Produkthaftungsschäden, Terrorereignissen, Naturkatastrophen, Pandemien, Cyberereignissen oder geopolitischen Verwerfungen. Dieses Muster wiederholt sich bis heute permanent.
Zunächst entstehen neue Risiken. Danach wachsen Kumule und Konzentrationen. Anschließend entstehen Deckungslücken. Erst nach Marktverwerfungen, Großschäden oder Kapitalverlusten beginnt schließlich die strukturelle Diskussion. Dabei müsste genau diese Diskussion dauerhaft geführt werden, präventiv, analytisch und unabhängig vom jeweiligen Marktzyklus.
Rückversicherung ist strategisches Risikomanagement
Rückversicherung darf deshalb nicht länger primär als Einkauf von Kapazität verstanden werden. Ihre eigentliche Funktion ist strategisches Risikomanagement. Dazu gehören die laufende Analyse der Exponierung, die Bewertung neuer Risikoakkumulationen, die Überprüfung von Katastrophenschadenexzedenten, die Analyse von Spitzenrisiken, die Identifikation von Silent Risks, die Prüfung von Aggregaten sowie die Anpassung an neue Zeichnungsstrategien und Geschäftsmodelle.
Gerade Cat XL-Strukturen sind heute weit mehr als klassische Naturkatastrophendeckungen. Sie entwickeln sich zunehmend zu zentralen Instrumenten zur Stabilisierung von Bilanz- und Kapitalrisiken in einer Welt multipler, miteinander vernetzter Gefahren.
Große Ausschreibungen zeigen den Veränderungsdruck
Nicht zufällig haben zuletzt mehrere große Versicherungskonzerne ihre Rückversicherungsstrukturen beziehungsweise ihre gesamte Rückversicherungsordnung ausgeschrieben. Ziel dieser Prozesse ist offensichtlich nicht allein die Erzielung besserer Preise, sondern die Entwicklung neuer struktureller Konzepte. Denn intern ist längst erkannt worden, dass viele historisch gewachsene Programme den heutigen Anforderungen nicht mehr genügen. Dabei geht es insbesondere um zusätzliche Kapazitäten, alternative Risikotransfers, Cat Bonds, Spezialdeckungen, Cyberstrukturen, neue Trigger-Mechanismen, Multi-Line-Ansätze, Aggregatschutz sowie die Reduzierung systemischer Kumule.
Die entscheidenden Fragen lauten daher heute nicht mehr, ob der Markt hart oder weich ist.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr, ob die bestehende Struktur überhaupt noch belastbar ist.
Regelmäßige Strukturüberprüfungen wären zwingend notwendig
Vor diesem Hintergrund wäre es sinnvoll, Versicherer und Rückversicherer dazu zu verpflichten, ihre Rückversicherungsordnung in regelmäßigen Abständen vollständig überprüfen zu lassen. Dabei sollte es nicht nur um aktuarische Analysen gehen, sondern um eine umfassende strategische Überprüfung. Bewertet werden müssten aktuelle Risikokonzentrationen, neue systemische Gefahren, Kumule, geopolitische Entwicklungen, technologische Veränderungen, Modellierungsgrenzen sowie strategische Wachstumsziele.
Eine moderne Rückversicherungsanalyse müsste damit ähnlich selbstverständlich werden wie Solvency-II-Prozesse oder regulatorische Stresstests. Denn die größte Gefahr liegt heute häufig nicht im bekannten Risiko. Die größte Gefahr liegt vielmehr in den Risiken, die über Jahre hinweg innerhalb veralteter Rückversicherungsstrukturen unbemerkt gewachsen sind.
Die Preisfrage ist längst zweitrangig geworden
Vor diesem Hintergrund wirken die jährlich wiederkehrenden Diskussionen über harte oder weiche Märkte beinahe nebensächlich. Ob ein Programm einige Prozentpunkte teurer oder günstiger wird, ist langfristig deutlich weniger entscheidend als die Frage, ob die Struktur selbst überhaupt noch tragfähig ist. Die Branche hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, Rückversicherung primär als Preisfrage zu behandeln. Die Zukunft wird jedoch zeigen, dass Rückversicherung vor allem eine Strukturfrage ist.