KI hier, KI dort - lieber echte statt künstlicher Intelligenz!

Quelle: Walter Benda

Definieren wir erstmal, wovon wir sprechen. Denn wer von KI spricht, der ist eigentlich blöd. Es handelt sich um Large Language Models (LLM), zu Deutsch: große Sprachmodelle! Da denkt nichts, denn es ist nur eine mathematische Mustererkennung. Repetition, Wiederholung! Auf den Buchstaben A folgt mit X% Wahrscheinlichkeit der Buchstabe B. Auf das Wort „Hallo“ folgt mit XY% Wahrscheinlichkeit das Wort „Welt“. Mehr nicht.

Zwecks Vereinfachung wird aber teils von KI gesprochen.

Für Versicherungsmakler bieten LLM dennoch enorme Chancen! Von der Automatisierung repetitiver Aufgaben bis hin zur präziseren Risikobewertung. Mit Vor- und Nachteilen. Darum gilt: Holzauge, sei wachsam! Für echte Intelligenz, bevor wir künstlicher Intelligenz das Feld überlassen.

Die Sonnenseite der Medaille

Schauen wir uns drei Positivbeispiele an.

E-Mail-Automatisierung

KI kann repetitive Prozesse erleichtern. Beispielsweise kann man einen Posteingangsordner für Rechnungen anlegen. Ein kleines Programm ruft diesen regelmäßig ab, liest die Rechnung aus und sortiert sie nach vorher definierten Regeln, beispielsweise durch Verschiebung in andere Ordner, Anlegen eines Buchungssatzes für die Buchhaltung, Eintragung in eine Datenbank etc.

Das ist unzweifelhaft sinnvoll!

Digitalisierung von Papier

Na, noch Papierdokumente im Büro? Oder privat? Abgesehen von den Dokumenten mit physischer Aufbewahrungspflicht, kann alles andere digitalisiert werden. Kundenordner, Schulungsunterlagen etc.

Aber analoger Datenmüll wird nicht besser, weil er in Bits und Bytes umgewandelt werden. Was aber, wenn alles als PDF gespeichert wird? Was, wenn die PDF mit OCR lesbar gemacht werden? Was, wenn eine Datenbank mit Verschlagwortung angelegt wird, welche alle Dokumente umfasst? Das ermöglicht eine Echtzeitsuche über hunderttausende Dokumente binnen einer guten Sekunde.

Vorher fast unmöglich! Nun können Altlasten oder aufgekaufte Maklerbetriebe ordentlich digitalisiert werden.

Transkription von Gesprächen

Die Beratungsdokumentation ist wichtig. Aber mal Hand aufs Herz, wer kann sich immer an alles erinnern? Wird das Gespräch transkribiert, liegt eine vollständige Aufzeichnung vor. Diese kann nach festen Regeln eine Dokumentation nach immer gleichem Muster aber individuellem Inhalt erstellen.

Eine riesige Zeitersparnis! Aber das korrekte, DSGVO-konforme Opt-In berücksichtigen! Und kontrollieren. Kontrolle ist wichtig und bringt uns zu den Schattenseiten.

Die Schattenseite der Medaille

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Und hier ist sehr viel Schatten!

Datenschutz und Compliance

Der Umgang mit sensiblen Kundendaten unterliegt strengen gesetzlichen Vorgaben, insbesondere für Kreditkarten, Gesundheitsdaten etc.

Wer online KI-Systeme bedient, darf diese Daten dort nicht einfach einspeisen! Die Gefahr: Unklare Datenverarbeitung kann zu Abmahnungen, Bußgeldern oder dem Verlust von Kundenvertrauen führen. Allein die Möglichkeit der US-Regierung deren Firmen zur Herausgabe anzuweisen, steht einer online Nutzung eigentlich entgegen.

Entweder muss ein DSGVO-konformes Tool wie das französische Mistral genutzt werden oder das LLM wird lokal betrieben, frei von den Internetzwängen. Für letzteres gibt es starke Gründe!

Versteckte Abhängigkeit

Eine Anekdote aus persönlicher Erfahrung. Anfang 2024 hatte ich mein erstes KI-Tool entwickeln lassen. Damit hatte ich Krankenakten digitalisiert und in ein tabellarisches Excel-Format umgewandelt. Statt Stunden lang die Akten abzutippen, hatte ich das Ergebnis binnen Minuten digital vorliegen und konnte mit der Aufarbeitung für die Risikovoranfrage starten.

Anfangs hat es ca. 1.500€/Monat gekostet. Durch die Optimierung des Codes, genauere Modelle und mehr Eigenleistung konnte ich die Kosten auf ca. 250€/Monat senken. Dann brach mein Modell zusammen!

Anfangs war ich in Stufe vier von fünf bei dem Anbieter. Diese Stufen heißen Tier. Da dieser aber die Grenzen für die Stufenzugehörigkeit stückweise anhob während ich gleichzeitig die Kosten optimierte, führt es zu mehrfachen Downgrades der Stufe. Auf Stufe zwei kollabierte mein Modell, weil die zugewiesenen Ressourcen nicht mehr ausreichend waren, um gute Ergebnisse zu einer erträglichen Zeit zu produzieren. Aber ich bekam regelmäßig Angebote, dass ich gegen monatliche Zahlung höhergestuft werden könnte…

Wer sich komplett auf die online Lösung verlässt, wird erpressbar oder durch nicht beeinflussbare Umstände aus dem Geschäft gedrängt, etwa weil das Modell nicht mehr supportet wird oder die US-Regierung wieder ein Verwendungsverbot ausspricht; wie im Fall des von Anthropics Fable 5, welches für Nicht-US-Bürger nur eingeschränkt oder oft gar nicht verfügbar ist.

Aber weil diverse LLM-Abos ins Geld gehen sowie die Abhängigkeiten erhöhen, führt mittelfristig kein Weg an eigener Hardware vorbei, mit denen man die Modelle lokal betreiben kann. Ja, das ist teuer, aber lohnt sich. Außerdem – mit Verlaub – verdient man mit Versicherungen genug Geld, als dass diese Betriebsausgabe zu rechtfertigen ist; gerechtfertigt werden muss!

Diversifikation ist King

Was für das Depot und die Altersvorsorge gilt, kann auf die LLM angewandt werden. Zudem sind LLM wie Kfz. Niemand würde einen Porsche für den Schweinemasttransport einsetzen; auch wenn zynische Zungen behaupten, es sei deren Geschäftsmodell. Mit einem Hummer würde auch niemand versuchen in Hockenheim den Rundenrekord zu brechen. Hoffe ich zumindest.

Wer nur ChatDoofPipi benutzt, ist abhängig. Verschiedene Modelle leisten unterschiedlich stark und teuer. Ein Versicherungsmakler muss verschiedene LLM-Modelle erlernen, wobei die Betonung auf Lernen liegt. Längst genügt es nicht mehr, nur Prompts zu schreiben, denn ein Technikverständnis ist wichtig.

Begriffe wie ChatGPT, Gemini, Mistral, Odysseus, Kimi K, Z.Ai, GLM, Gemma, Qwen müssen genau so landläufig werden wie VN, VP etc. Eher selten bieten Versicherungsvermittler nur ein Produkt an, nicht wahr?

Lügen, Fantasieren, Token, Kontextfenster etc.

Manchmal reagieren LLM wie ein zehnjähriges Kind, das keine Lust auf Hausaufgaben hat: sie werden kreativ, lassen weg, erfinden und behaupten mit innbrünstiger Überzeugung; teils wahrheitsfremd. Aber warum?

KI-Systeme sind nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert werden. Steht mehrheitlich Unsinn im Internet, landet mehrheitlich Unsinn in den Trainingsdaten, landet mehrheitlich Unsinn in den Antworten.

uch haben KI-Systeme physische Begrenzungen. Wenn ein Versicherungsvermittler nicht weiß, was ein Kontextfenster ist, Token etc., dann fehlt diesem das nötige Grundverständnis, dass er beurteilen kann, was die LLM tun und warum. Beispiel: Wer ein LLM nach der „besten Haftpflicht“ fragt, bekommt zumeist Datenmüll oder Zufallstreffer als Antwort. Wer fragt, welche Privathaftpflicht die höchste Deckungssumme für Sachschäden hat, bekommt vermutlich eine korrekte Antwort.

Die Erklärung sind die technischen Hürden. Die erste Frage ist unspezifisch und allgemein. Das Modell muss sich durch Milliarden Parametern quälen und eine nicht vorgegeben Logik anwenden. Bei Frage zwei muss es nach dem Durcharbeiten der Parameter nur eine Rangliste nach vorgegebener Logik (der höchste Wert) erstellen. Kleiner, kompakter und daher weniger Fehler anfällig.

Diese Logik muss ständig auf KI übertragen werden. Sie ist nicht intelligent, daher muss in kleinen, mundgerechten Teilen gedacht werden. Wie bei einem Kind oder geistig herausgeforderten Mitarbeiter.

Wenn der nächste Versicherungsmakler-Pool oder Vertrieb verspricht, dass mit „seiner KI“ ganz tollkühne Dinge gemacht werden können, sollte man kritisch die technischen Grenzen dieser Aussage beurteilen können.

Höher, schneller, weiter

Noch nie hat sich das Rad so schnell gedreht, wie jetzt. Die Beschleunigung durch LLM ist stärker als die Einführung des Internets. Einzelkämpfer können Automatisierungen erstellen, Programme schreiben, Telefonassistenten nutzen und andere Dinge tun, die vorher nur größere Einheiten umsetzen konnten.

Aber das erfordert Gehirnschmalz, sehr viel Gehirnschmalz. Aber da es nicht den KI-Fachmann (IHK) gibt, erfolgt das Lernen größtenteils autodidaktisch. Beiträge lesen, Videos schauen und vor allem, die LLM selbst fragen. Diese Programme helfen beim Verständnis. Daher immer nachfragen. Wie in der frühkindlichen Phase des „warum“. Das Programm antwortet. Darauf ist es programmiert.

Wer hier nicht massiv nachrüstet, wird vermutlich wie die Dinosaurier enden. Doch die traurige Nachricht ist, das können oder wollen nicht alle. Auch das ist ok. Aber wer es nicht macht, für den wird der Wettbewerbsdruck größer. Möglicherweise sogar erdrückend. Bei der Unternehmensberatung McKenzie heißt es: „Grow or Go!“. Frei übersetzt: Wachse oder verschwinde!

Nicht jeder Makler kann oder sollte eigene KI-Systeme entwickeln. Partnerschaften mit spezialisierten Anbietern können den Einstieg erleichtern. Aber das ist der Tausch von Bequemlichkeit zu Lasten der Freiheit. Beides ist ok, aber einer der beiden Wege muss beschritten werden.

Fazit: Grab nicht nach Gold, verkaufe Schaufeln

Die perfekte Super-KI für den Vermittler-Alltag existiert noch nicht; noch. LLM bieten Versicherungsmaklern enorme Möglichkeiten, ihre Prozesse zu optimieren, die Kundenberatung zu verbessern und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Doch der Einsatz der Technologie ist kein Selbstzweck. Sie ist nur ein Werkzeug und so muss sie eingesetzt werden.

Es gilt Risiken zu kennen, Verantwortung zu übernehmen und sicherzustellen, dass KI im Einklang mit ethischen und rechtlichen Standards genutzt wird.

Noch wird der Mensch nicht vollständig ersetzt, sondern es hilft ihm, bessere Entscheidungen zu treffen und in bestehenden Dingen besser zu werden. So sollte man LLM begreifen.

Aber eines Tages könnte der Mensch ersetzt werden. Dann ist man besser Ersetzender, statt Ersetzter. Und da hilft nur eines: echte Intelligenz!

Über den Autor: Walter „Benzinfass“ Benda ist PKV-Spezialist, als Berater international tätig und Buchautor von „How2PKV“