Die regulatorischen Details von FiDA sind noch offen. Dennoch sollten Versicherer jetzt die Weichen für Open Finance stellen. Warum Abwarten zur riskanten Strategie werden kann und welche „No-Regret Moves“ Unternehmen bereits heute umsetzen sollten, erläutern Johannes Neumeyer und Timo Biskop von Accenture.
Nach der Frage, warum Finanzdatenaustauschsysteme (FDSS) zum Herzstück von FiDA werden und welche Kompetenzen für ihren Aufbau erforderlich sind, stellt sich für Versicherer nun die praktische Frage: Was bedeutet das konkret für die eigene Vorbereitung?
Die ehrliche Antwort lautet: Niemand kennt heute alle Details. Die Einführung und Umsetzung von FiDA ist momentan noch mit vielen Unbekannten verbunden. Bisher ist weder der europäische Gesetzgebungsprozess abgeschlossen noch lässt sich bereits absehen, wie die späteren Finanzdatenaustauschsysteme im Detail definiert und organisiert werden. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass nach der Verabschiedung der finalen Regulierung wenig Zeit für die Implementierung bleiben wird.
Gerade deshalb ist Abwarten keine Option. Es geht vielmehr darum, sich trotz bestehender Unsicherheiten strategisch vorzubereiten, die eigene Organisation entsprechend auszurichten und die eigene Position in der künftigen Open-Finance-Welt zu definieren.
FiDA-Readiness beruht auf zwei Säulen
Versicherungsunternehmen sollten schon heute plausible Annahmen zu den künftigen Entwicklungen und Rahmenbedingungen der FiDA-Verordnung treffen und auf dieser Basis verschiedene Szenarien entwickeln. Dabei geht es nicht um die punktgenaue Vorhersage der Zukunft, sondern um den Aufbau einer belastbaren FiDA-Readiness. Vorstudien, Impact-Analysen und erste Zielbilder helfen dabei, die möglichen Auswirkungen auf Prozesse, Systeme und Geschäftsmodelle frühzeitig zu verstehen.
Ebenso wichtig ist die strategische Entscheidung, ob sich die Assekuranz eher aktiv oder reaktiv im Markt positionieren will, insbesondere mit Blick auf eine Beteiligung am Aufbau von Finanzdatenaustauschsystemen.
Die Entscheider sollten sich also die Frage stellen, ob das Unternehmen die Entwicklungen vor allem aus der Compliance-Perspektive begleiten und sich auf die Rolle des Dateninhabers konzentrieren möchte; oder soll FiDA als Chance verstanden werden, neue Datenquellen zu erschließen und zusätzliche Mehrwerte für Kunden zu schaffen?
Beide Ansätze sind legitim. Sie führen jedoch zu unterschiedlichen Prioritäten und Investitionsentscheidungen. Deshalb sollte die Diskussion nicht allein in den Bereichen Regulatorik oder Compliance geführt werden. FiDA betrifft die Fachbereiche, die IT, den Vertrieb und das Datenmanagement ebenso wie Strategie und Governance. Es handelt sich nicht um ein typisches Regulierungsprojekt, sondern um ein Transformationsvorhaben mit weitreichenden Auswirkungen auf das gesamte Unternehmen.
FDSS-Vorgaben als Orientierung
Auch wenn noch viele Details offen sind, zeichnet sich bereits heute ab, dass die künftigen Anforderungen maßgeblich durch die Finanzdatenaustauschsysteme geprägt werden. In diesen Systemen werden u. a. Datenpunkte, Qualitätsanforderungen, technische Spezifikationen, Governance-Regeln und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Datenaustauschs definiert. Wer verstehen möchte, wie FiDA später tatsächlich funktioniert, muss deshalb die Entwicklung der FDSS genau beobachten.
Für Versicherer als Dateninhaber bedeutet das konkret, dass ihre datenführenden Kernsysteme perspektivisch in der Lage sein müssen, relevante Datensätze standardisiert, qualitativ hochwertig und gegebenenfalls in Echtzeit bereitzustellen. Hinzu kommen Anforderungen an das Consent Management, die Protokollierung, die Zugriffskontrolle, das Monitoring und gegebenenfalls die Abrechnung von Datennutzungen. Welche Maßnahmen dafür im Einzelnen erforderlich sind, hängt stark von der bestehenden IT-Infrastruktur ab. Fest steht jedoch schon heute, dass zahlreiche Fragestellungen gemeinsam von der IT-Abteilung und den Fachbereichen beantwortet werden müssen. Je reaktiver die Positionierung eines Unternehmens ausfällt, desto größer wird die Zahl der Unbekannten. Wer bei FiDA eine passive Haltung einnimmt, läuft Gefahr, künftig die von Mitbewerbern gestalteten Vorgaben akzeptieren zu müssen.
Daten allein schaffen keinen Mehrwert
Hinsichtlich der Datennutzung stellen sich zunächst die vergleichsweise einfachen, aber strategisch entscheidenden Fragen: Was soll mit den perspektivisch verfügbaren Finanzdaten anderer Marktteilnehmer eigentlich erreicht werden? Geht es um bessere Beratung? Um effizientere Antragsprozesse? Um neue Serviceangebote? Oder um eine bessere Kundensicht über verschiedene Versicherungs- und Finanzprodukte hinweg?
Aus unserer Sicht wird diese Diskussion in vielen Häusern noch zu stark von regulatorischen Fragestellungen überlagert. Dabei entscheidet sich der spätere Nutzen von Open Finance nicht an der Schnittstelle, sondern an den konkreten Anwendungsfällen. Wer keinen klaren Mehrwert definieren kann, wird auch keinen nachhaltigen Nutzen aus zusätzlichen Daten ziehen.
Für die Beantwortung dieser Fragen müssen noch nicht sämtliche Datenfelder bekannt sein. Schon die Betrachtung relevanter Produktwelten und Datenkategorien ermöglicht eine erste belastbare Einschätzung der erforderlichen Fähigkeiten und Investitionen. Gerade deshalb spricht wenig dafür, auf vollständige regulatorische Klarheit zu warten.
Wer bestimmte Daten künftig nutzen möchte, hat zudem ein eigenes Interesse daran, dass diese Daten in ausreichender Qualität, Konsistenz und Standardisierung verfügbar sind. Aus meiner Sicht ist dies eines der stärksten Argumente für eine frühzeitige Beobachtung der FDSS-Entwicklung und für ein aktives Engagement in den entstehenden Finanzdatenaustauschsystemen. Wer die späteren Spielregeln nutzen möchte, sollte möglichst früh an ihrer Gestaltung mitwirken.
Mitgestalten reduziert Unsicherheiten
Die ersten beiden Teile dieser Serie haben gezeigt, dass FDSS weit mehr als technische Plattformen sind. In ihnen werden die Spielregeln von Open Finance festgelegt. Für Versicherer ergibt sich daraus aus unserer Sicht ein recht eindeutiger Schluss: Wer sich aktiv am Aufbau von FDSS beteiligt, reduziert nicht nur Planungsunsicherheiten, sondern kann eigene Interessen und Anforderungen frühzeitig einbringen. Gerade in einem Umfeld, in dem viele wesentliche Rahmenbedingungen noch nicht abschließend definiert sind, kann dies ein entscheidender Vorteil sein.
Das gilt insbesondere für Fragen der Datenstandards, der Governance sowie möglicher Vergütungs- und Clearingmodelle. Schließlich werden gerade diese Themen darüber entscheiden, ob einzelne Open-Finance-Anwendungsfälle wirtschaftlich attraktiv sind oder nicht. Wer sich an dieser Arbeit beteiligt, gewinnt nicht nur Einblicke in künftige Entwicklungen, sondern kann diese zumindest in Teilen mitgestalten.
Ähnliches gilt auch für ein mögliches Engagement in Normungsgremien. Dort werden heute die Grundlagen geschaffen, auf denen die Marktstandards von morgen aufbauen. Passivität mag kurzfristig Ressourcen sparen. Langfristig erhöht sie jedoch die Abhängigkeit von Entscheidungen anderer Marktteilnehmer. Oder anders formuliert: Wer die künftigen Spielregeln nutzen möchte, sollte sich schon heute mit ihrer Ausgestaltung beschäftigen.
“No-Regret Moves” als rationale Handlungsansätze
Die größte Herausforderung besteht aktuell darin, dass weder der finale Rechtsrahmen noch der Zeitplan vollständig feststehen. Genau deshalb empfiehlt sich ein Fokus auf sogenannte „No-Regret Moves“, also Maßnahmen, die unabhängig vom endgültigen Verlauf des FiDA-Prozesses sinnvoll sind.
Dazu gehören beispielsweise die Verbesserung des (Marketing-)Consent Managements, die Harmonisierung von Datenbeständen der Kern- und Umsysteme, die Steigerung der Datenqualität, der Aufbau einer ganzheitlichen Kundensicht, die Modernisierung von Datenplattformen und Architekturen sowie die stärkere Nutzung standardisierter Schnittstellen.
Gleichzeitig lohnt sich der Blick auf angrenzende Initiativen wie die European Digital Identity Wallet (EUDI Wallet) oder den EU Data Act. Zwischen diesen Vorhaben und Open Finance bestehen zahlreiche Überschneidungen, die genutzt werden können, um Synergien zu schaffen und Doppelarbeit zu vermeiden.
Open Finance kommt – die Frage ist nur, welche Rolle man dabei spielen möchte
Ob FiDA in seiner heutigen Form verabschiedet wird oder ob es im weiteren Gesetzgebungsprozess noch zu Anpassungen kommt, ist derzeit offen. Die grundsätzliche Richtung der Entwicklung scheint jedoch klar zu sein. Der Finanzmarkt bewegt sich Schritt für Schritt hin zu einem datengetriebenen und stärker vernetzten Ökosystem. FiDA mag dabei ein wesentlicher Treiber sein, doch die zugrunde liegende Entwicklung geht darüber hinaus.
Für Versicherer und andere Finanzinstitute lautet die entscheidende Frage daher nicht, ob sie sich mit Open Finance beschäftigen sollten, sondern wie aktiv sie diese Entwicklung begleiten und mitgestalten möchten. Wer die kommenden Jahre nutzt, um Datenhaushalte zu modernisieren, strategische Anwendungsfälle zu identifizieren und sich in die Entstehung von Finanzdatenaustauschsystemen einzubringen, verschafft sich aus meiner Sicht wertvolle Handlungsspielräume für die Zukunft.
Gerade die Diskussion um FiDA ist in vielen Häusern noch stark durch regulatorische Unsicherheit geprägt. Das ist zwar nachvollziehbar, greift aber unseres Erachtens zu kurz. Denn die entscheidenden Weichenstellungen für Wettbewerbsfähigkeit, Kundennutzen und Datenstrategie erfolgen unabhängig davon, wann und in welcher finalen Form die Verordnung verabschiedet wird. Letztlich wird Open Finance nicht allein durch Regulierung gestaltet werden. Wesentlich wird sein, welche Marktteilnehmer bereit sind, Standards mitzuentwickeln, Verantwortung zu übernehmen und neue Möglichkeiten aktiv zu erschließen – bevor sie reaktiv unter Handlungsdruck geraten.
Unsere Empfehlung lautet daher: Versicherer sollten nicht auf regulatorische Klarheit warten. Es ist sinnvoller, die eigene Strategie zu schärfen, die Entwicklung der Finanzdatenaustauschsysteme aktiv zu begleiten und frühzeitig konkrete Anwendungsfälle zu entwickeln. Denn die eigentliche Herausforderung von FiDA liegt nicht in der Erfüllung neuer Pflichten, sondern darin, die sich daraus ergebenden Möglichkeiten für die Kunden und das Unternehmen selbst nutzbar zu machen.