Ökosysteme in der Versicherung: Was vom großen Versprechen bleibt

Quelle: SureIn

Ökosysteme galten vor einigen Jahren als große Verheißung der deutschen Versicherungsbranche: Versicherer wollten sich rund um Gesundheit, Mobilität oder Wohnen als Plattformen positionieren und näher an den Alltag ihrer Kunden rücken. Im Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“ blickt Daniel Dierkes auf China, Ping An und die USA – und zieht eine nüchterne Bilanz. Internationale Vorbilder zeigen, was möglich ist. Sie zeigen aber auch, wo die Grenzen liegen: Wer in Deutschland erfolgreiche Ökosysteme aufbauen will, braucht mehr als eine Kopie fremder Marktmodelle.

Ping An bleibt Projektionsfläche

Wenn Versicherer über Ökosysteme sprechen – damals wie heute –, fällt ein Name fast zwangsläufig: Ping An. Daniel Dierkes sagt im Podcast: „Ich glaube, auf jeder Vorstandssitzung beim Versicherungsunternehmen war höchstwahrscheinlich schon mal Ping An Thema.“ Der chinesische Konzern stehe für „die integrierte Ökosystemstrategie“ – also dafür, Versicherungen in Lebensbereiche wie Gesundheit oder Payment einzubetten. In China funktioniere das „super gut“, so Dierkes. „Trotzdem hat das bisher so noch nicht den Anwendungsbezug auf den deutschen Markt gefunden.“

Warum Ping An weiter fasziniert, zeigen aktuelle Konzernangaben: Für 2025 meldete der Versicherer fast 251 Millionen Retail-Kunden und 159 Milliarden Yuan Prämieneinnahmen im Krankenversicherungsgeschäft; zudem wurden KI-Angebote wie „AI Family Doctor“ und „AI Senior Care Concierge“ ausgerollt. Das Beispiel zeigt, wie Versicherung, Gesundheit, Daten und Plattformservices zusammenwachsen können.

Ökosysteme bleiben relevant

Auch europäische Fachstimmen erklären Ökosysteme keineswegs für erledigt. Die gemeinsam von InsurLab Germany und Roland Berger veröffentlichte Studie „Ecosystems of Tomorrow“, die auf Einschätzungen von mehr als 70 Expertinnen und Experten basiert, kommt zu einem klaren Befund: Neun von zehn Befragten halten Ökosysteme für äußerst relevant bis wettbewerbsentscheidend für die Zukunft der Versicherungswirtschaft. Besonders großes Potenzial sehen sie in den Feldern Gesundheit, Mobilität und Cyber. Auch die Geneva Association beschreibt in „Digital Platform Ecosystems in Insurance“ konkrete Kundenvorteile – etwa bequemeren Zugang, One-Stop-Shopping und stärker personalisierte Produkte. Zugleich verweist sie aber auf zentrale Hürden, darunter Legacy-Technologien und operative Altlasten.

Genau hier setzt Dierkes’ Einordnung an. Internationale Vorbilder liefern wichtige Impulse, lassen sich aber nicht einfach auf den deutschen Markt übertragen. „Märkte funktionieren halt anders“, sagt er im Podcast. Zwar könne man „auch in Deutschland Ökosysteme aufbauen“, doch dafür brauche es „einen anderen Ansatz“. Seine Schlussfolgerung: „Man kann das nicht eins zu eins so machen, wie es in China oder in den USA funktioniert.“ Ökosysteme bleiben damit relevant – aber nicht als Kopie internationaler Blaupausen, sondern als strategische Aufgabe, die Marktlogik, Regulierung, Kundenzugang und technische Infrastruktur zusammendenken muss.

USA, Big Tech und der deutsche Weg

Der Blick in die USA verschiebt die Perspektive zusätzlich. Dierkes glaubt nicht, „dass Big Tech klassische Versicherer ersetzt“. Sehr wohl würden Technologieunternehmen aber „die Kundenschnittstelle und die operative Infrastruktur massiv beeinflussen“. Deshalb erwartet er eher Kooperationen als Verdrängung: Er glaube „eher an einen partnerschaftlichen Ansatz als an eine komplette Verdrängung jetzt durch Big Tech“.

Das passt zur Marktdiagnose von Deloitte: Der „2026 Global Insurance Outlook“ sieht veränderte Kundenerwartungen, Maklerkonsolidierung und Modernisierung als Kräfte, die die Versicherungslandschaft prägen können. Für Deutschland heißt das: nicht Ping An kopieren, nicht Amazon fürchten, sondern eigene Ökosystemrollen definieren – mit regulatorischer Sorgfalt, technischer Anschlussfähigkeit und echtem Kundennutzen. Die Lehre aus China und den USA lautet damit nicht: schneller imitieren. Sondern: konsequenter übersetzen.

Das vollständige Gespräch mit Daniel Dierkes können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.