Run-off galt in der Lebensversicherung lange als problematisches Geschäftsmodell — besonders während der Niedrigzinsphase gerieten hochgarantierte Altbestände unter Druck. Mit der Zinswende haben sich die Solvenzquoten vieler Bestandsabwickler 2025 jedoch deutlich verbessert. Versicherungsbote stellt in einer neuen Bildstrecke die aktuellen Basis-SCR-Quoten vor und ordnet die Ergebnisse anhand der Geschäftsmodelle ein.
Hintergrund: Run-off galt in der Lebensversicherung lange als umstrittenes Modell – nicht nur aus Sicht der Aufsicht, sondern auch aus Verbraucherschutzperspektive. In der Niedrigzinsphase gerieten insbesondere kleinere Anbieter mit hochverzinsten Altverträgen, rückläufigem Bestand und steigenden Kosten unter Druck. Die Übertragung der Verträge auf spezialisierte Abwickler versprach betriebswirtschaftliche Entlastung – zugleich mehrten sich jedoch die Warnungen: Servicequalität, Erreichbarkeit und Überschussbeteiligung könnten leiden. Auch die langfristige Einlösung der Garantieversprechen wurde kritisch diskutiert.
Besonders die Überschussbeteiligung rückte dabei zunehmend in den Fokus. Studien zeigten, dass Run-off-Gesellschaften teilweise überdurchschnittliche Rohüberschüsse erwirtschaften, zugleich aber größere Teile zur Stabilisierung der Eigenmittel zurückhalten. Zwar erhalten Kunden weiterhin den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestanteil an den Erträgen, freiwillige Zusatzbeteiligungen fallen jedoch häufig geringer aus als bei Versicherern mit aktivem Neugeschäft. Kritisiert wurden zudem vereinzelt eingeschränkter Kundenservice, verzögerte Bearbeitungszeiten sowie tiefgreifende organisatorische Veränderungen nach Bestandsübertragungen.
Mit dem Ende der Niedrigzinsphase hat sich das Umfeld jedoch grundlegend verändert. Die Kapitalanlagen in den Altbeständen gewinnen wieder an Attraktivität, während die Belastungen aus langfristigen Garantiezusagen rechnerisch sinken. Das verändert auch die Wahrnehmung des Geschäftsmodells. Run-off gilt zunehmend nicht mehr nur als Abwicklungsinstrument problematischer Altbestände, sondern als eigenständige Form langfristiger Bestandsverwaltung.
Ein sichtbares Signal dieser Neubewertung war zuletzt die Übernahme der Viridium-Gruppe durch ein Konsortium unter Führung der Allianz gemeinsam mit Investoren wie BlackRock, Generali, Hannover Rück und T&D Holdings. Der Einstieg etablierter Versicherungsgruppen gilt vielen Marktbeobachtern als strategisches Bekenntnis zum Run-off-Markt und markiert zugleich eine zunehmende Institutionalisierung der Bestandsverwaltung.
Run-off im Zinswandel: Versicherungsbote zeigt aktuelle Solvenzquoten
Wie aber steht es aktuell um die finanzielle Substanz der Run-off-Anbieter – insbesondere nach der deutlichen Zinswende der vergangenen Jahre? In der Niedrigzinsphase hatten viele Abwicklungsplattformen mit erheblichen Herausforderungen zu kämpfen. Die dauerhaft niedrigen Kapitalerträge belasteten die Überschussbeteiligung, während gleichzeitig hohe Eigenmittel zur Absicherung der Garantiebestände vorgehalten werden mussten. Einige Gesellschaften wiesen damals besonders schwache Solvenzquoten aus – vereinzelt sogar deutlich unterhalb der regulatorischen Mindestanforderungen.
2025 zeigt sich dagegen ein deutlich stabileres Bild. Die durchschnittliche Basis-SCR-Quote der betrachteten Run-off-Versicherer steigt von 169,7 Prozent im Vorjahr auf 246,8 Prozent. Damit bleiben die Bestandsabwickler zwar weiterhin klar unter dem Durchschnitt des gesamten Lebensversicherungsmarktes, dessen Basisquote sich von 308,6 auf 379,5 Prozent erhöht. Gleichzeitig fällt die Verbesserung innerhalb des Run-off-Segments besonders deutlich aus. Gerade hochgarantielastige Altbestände profitieren stark vom gestiegenen Zinsniveau und höheren laufenden Kapitalerträgen.
Ein aktuelles Lagebild liefert der neue MAP-Report Nr. 944 aus dem Hause Franke und Bornberg. Er analysiert unter anderem die Basis-SCR-Quoten für das Geschäftsjahr 2025 – also jene Quoten, die ohne Volatilitätsanpassung und Übergangsmaßnahmen berechnet werden und dadurch ein besonders unverfälschtes Bild der tatsächlichen Kapitalausstattung liefern. Die Basisquote zeigt, wie viel Substanz ein Versicherer tatsächlich aus eigener Kraft vorhält – ohne rechnerische Hilfen.
Die Solvenzkapitalanforderung (SCR) basiert dabei auf einem aufsichtsrechtlich festgelegten Stresstest. Simuliert wird ein außergewöhnliches wirtschaftliches Extremereignis, das statistisch nur alle 200 Jahre eintritt – etwa ein massiver Börseneinbruch, starke Zinsbewegungen oder sprunghaft steigende Lebenserwartung. Erreicht ein Versicherer eine Basisquote von mindestens 100 Prozent, verfügt er regulatorisch über ausreichend Eigenmittel, um ein solches Szenario mit eigenen Mitteln zu bewältigen.
Besondere Herausforderungen bei Run-off-Gesellschaften
Gerade bei Run-off-Gesellschaften ist die Interpretation der Solvenzquote allerdings besonders anspruchsvoll. Anders als Versicherer mit aktivem Neugeschäft verfügen sie typischerweise nicht über laufende Zuflüsse neuer Verträge, junger Versichertenkollektive oder zusätzlicher Eigenmittel aus Wachstum. Stattdessen dominieren häufig langlaufende Garantieverpflichtungen, klassische Kapitalversicherungen und ältere Rentenbestände. Niedrigere Solvenzquoten sind deshalb bei Run-off-Anbietern strukturell deutlich häufiger anzutreffen als im übrigen Markt — und nicht automatisch Ausdruck akuter wirtschaftlicher Probleme.
Versicherungsbote stellt in der folgenden Bildstrecke die Run-off-Unternehmen der Lebensversicherung vor und ordnet deren Solvenzquoten anhand weiterer Kennzahlen aus dem MAP-Report Nr. 944 („Solvabilität im Vergleich“) ein. Der vollständige MAP-Report kann über die Internetseite von Franke und Bornberg (kostenpflichtig) bezogen werden.
Ergänzend werden in einzelnen Fällen auch Daten aus dem älteren MAP-Report Nr. 941 herangezogen, die sich noch auf das Geschäftsjahr 2024 beziehen. Dies dient vor allem der Einordnung des Kollektivgeschäfts, das im aktuellen MAP-Report Nr. 944 nicht gesondert ausgewiesen wird. Gerade bei Run-off-Anbietern kann ein hoher Anteil von Gruppen- und Kollektivverträgen die Kapitalanforderungen unter Solvency II zusätzlich beeinflussen.