Das neue Altersvorsorgedepot könnte den Markt der privaten Vorsorge grundlegend verändern. Versicherer stehen nun unter Zeitdruck, ihre Produktstrategie bis 2027 neu auszurichten. Entscheidend wird sein, ob sie mehr bieten als nur günstige Depotlösungen.
Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot beginnt für die Versicherungswirtschaft eine neue Phase im Wettbewerb um die private Altersvorsorge. Das geht aus einem aktuellen Whitepaper der Versicherungsforen Leipzig hervor. Die Autoren Michael Hundt (Leiter Geschäftsfeld Research & Advisory) und Justus Lücke (Geschäftsführer, Versicherungsforen Leipzig) sehen im Bundestagsbeschluss zum Altersvorsorgereformgesetz nicht nur einen regulatorischen Neustart, sondern vor allem eine strategische Weichenstellung für Versicherer.
Kern der Reform ist die Ablösung der bisherigen Riester-Systematik durch ein gefördertes Altersvorsorgedepot. Künftig sollen Sparer stärker in Aktien, Fonds und ETFs investieren können. Vorgesehen sind staatliche Förderung, verschiedene Garantiestufen sowie Wahlmöglichkeiten in der Auszahlungsphase.
Für Versicherer bedeutet das laut Whitepaper, dass sich die Debatte nicht allein auf den Ein-Prozent-Kostendeckel verengen darf. „Entscheidend ist vor allem, wie ein tragfähiges Produktportfolio aufgebaut und im Vertrieb klar positioniert wird“, heißt es im Whitepaper.
Versicherer sollen auf Portfolio statt Einzelprodukt setzen
Die Versicherungsforen Leipzig empfehlen den Anbietern, nicht nur ein einzelnes Produkt zu entwickeln, sondern ein abgestuftes Vorsorgeangebot. Dieses soll aus drei Bausteinen bestehen:
- Altersvorsorgedepot (AVD): kapitalmarktnahes Kernprodukt
- Garantieprodukt (GAR): für sicherheitsorientierte Kunden
- Standarddepot (STD): staatliches Referenzprodukt mit Preisanker
„Im Versicherungsvertrieb ist nicht das Standarddepot das Fokusprodukt, sondern das Altersvorsorgedepot als Teil eines abgestuften Portfolios aus Altersvorsorgedepot, Garantieprodukt und Auszahlungsbausteinen“, so die Leitthese des Whitepapers.
Besonders groß schätzen die Autoren die Marktchance ein. Das Geldvermögen privater Haushalte in Deutschland liege bei rund 10 Billionen Euro. Ein erheblicher Teil davon befinde sich weiterhin in niedrig verzinsten Einlagen. Schon eine Umschichtung von fünf Prozent dieser Mittel in geförderte Depotvorsorge würde laut Berechnung ein zusätzliches Anlagevolumen von rund 175 Milliarden Euro schaffen. Für Versicherer eröffnet sich damit potenziell ein bedeutender Neugeschäftsmarkt.
Zwar setzt das staatliche Standarddepot mit maximal einem Prozent Effektivkosten einen klaren Vergleichsmaßstab. Doch nach Ansicht der Studienautoren wird der Wettbewerb nicht allein über den günstigsten Preis entschieden.
Versicherer könnten sich dort differenzieren, wo Plattformanbieter strukturell schwächer seien:
- biometrische Zusatzbausteine
- Garantielösungen
- Beratungskompetenz
- Begleitung in der Auszahlungsphase
- Absicherung des Langlebigkeitsrisikos
„Die Diskussion sollte weg vom reinen Kostenvergleich hin zur Frage der Vorsorgequalität“, heißt es im Whitepaper.
Zeitdruck bis 2027 wächst
Der geplante Marktstart zum 1. Januar 2027 setzt die Branche unter Zugzwang. Wer Produktarchitektur, Plattform und Vertriebslogik zu spät festlege, riskiere einen verspäteten Markteintritt.
Empfohlen wird deshalb bereits 2026:
- Portfoliologik festlegen
- Kostenmodell entwickeln
- Beratungs- und Vergütungsmodell anpassen
- IT- und Plattformentscheidungen treffen
- Auszahlungsbausteine vorbereiten
Insgesamt dürfte das Altersvorsorgedepot für Versicherer zur strategischen Bewährungsprobe werden. Wer sich nur über Kosten definiert, dürfte es schwer haben. Wer dagegen Beratung, Garantien und lebenslange Auszahlungsmodelle intelligent kombiniert, könnte im neuen Vorsorgemarkt zu den Gewinnern zählen.