Regulatorischer Frust bremst Nachhaltigkeitsstrategie der Versicherer

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Nachhaltigkeit bleibt auch in der Versicherungswirtschaft Pflicht, verliert aber an strategischem Schwung. Eine aktuelle Blitzumfrage zeigt sinkende Ressourcen, wachsenden Regulierungsfrust und fehlende Aufbruchsstimmung in der Versicherungsbranche. Der strategische Durchbruch lässt weiter auf sich warten.

Nachhaltigkeit ist in der Versicherungsbranche angekommen. Gleichwohl lässt aber der strategische Durchbruch weiter auf sich warten. Das zeigt die achte Befragung „Status quo: Nachhaltigkeit in der Versicherungsbranche“ der Brancheninitiative German Sustainability Network (GSN). Während ökologische und soziale Aspekte fest in den Unternehmensalltag integriert sind, wachsen zugleich Ermüdungserscheinungen, Unsicherheiten und Frust über regulatorische Anforderungen.

Besonders deutlich wird der Handlungsdruck weiterhin in der Kapitalanlage. Hier sehen 83 Prozent der befragten Versicherer „sehr viel“ oder „eher viel“ Anpassungsbedarf. Erstmals gibt kein Unternehmen mehr an, in diesem Bereich nur einen geringen Veränderungsbedarf zu erkennen. In anderen Funktionsbereichen bleibt die Dynamik dagegen verhalten: Operative Einheiten wie Schadenmanagement oder IT nehmen trotz zunehmender Klimarisiken vergleichsweise wenig Transformationsdruck wahr.

Auffällig ist auch die Entwicklung der personellen Ressourcen. Die Zahl der Mitarbeiter im Nachhaltigkeitsmanagement ist spürbar von durchschnittlich 6,91 auf 4,47 Vollzeitäquivalente gesunken. Umgerechnet entspricht dies 1,24 Vollzeitstellen je 100 Mitarbeiter. Gleichzeitig planen 72 Prozent der Versicherer keinen weiteren personellen Ausbau. Im letzten Quartal hatte der Wert noch bei 49 Prozent gelegen. Ein strategischer Aufbruch ist damit in vielen Häusern aktuell nicht erkennbar, vielmehr scheint das Thema an Kapazitätsgrenzen zu stoßen.

Parallel verliert Nachhaltigkeit an wahrgenommener Bedeutung für den Unternehmenserfolg. Der entsprechende Indexwert fällt deutlich von 48 auf 40 Punkte und verliert damit doppelt so stark wie im Quartal zuvor. Zudem sieht erneut kein befragtes Unternehmen einen „sehr großen“ Erfolgsbeitrag. Auch der langfristige Ausblick trübt sich ein: Nur noch sieben Prozent erwarten eine stark zunehmende Relevanz von Nachhaltigkeit, ebenso viele rechnen inzwischen sogar mit einer stark abnehmenden Bedeutung.

Hinzu kommt eine wachsende regulatorische Ermüdung. Zwar wird der Umfang der ESG-Anforderungen etwas weniger kritisch bewertet als zuletzt, doch von echter Entlastung kann keine Rede sein. Viele Versicherer empfinden die Regulatorik weiterhin als Belastung statt als Orientierung. Entsprechend vorsichtig fällt auch der Umgang mit neuen Vorgaben aus. Das gilt etwa mit Blick auf die ab 2026 geltende EmpCo-Richtlinie oder das Thema Biodiversität, das für viele Häuser derzeit keine strategische Priorität besitzt. Rund ein Drittel der Häuser hat sich bislang nicht vertieft mit den Anforderungen befasst und verzichtet unabhängig davon eher auf nachhaltigkeitsbezogene Werbeaussagen. Ein weiteres Drittel prüft aktuell mögliche Handlungsfelder, während 36 Prozent bereits erste Anpassungen vorgenommen haben und sich auf einem soliden Vorbereitungspfad sehen. Auch beim Thema Biodiversität dominiert Zurückhaltung. Für 43 Prozent spielt es derzeit keine strategische Rolle, während etwas mehr als ein Drittel eine künftige Integration prüft.

Unterm Strich zeigt sich eine Branche im Übergang. Denn Nachhaltigkeit bleibt weiterhin Pflicht, ist aber noch zu selten Perspektive. Die Herausforderung besteht darin, den regulatorischen Rahmen künftig stärker in strategischen Mehrwert zu übersetzen und aus administrativer Notwendigkeit wieder unternehmerische Gestaltung zu machen.