Während die Allianz Versicherungs-AG im Kfz-Markt seit Jahren für Stabilität, solide Kalkulation und verlässliche Ergebnisse steht, zeichnet sich bei der Allianz Direct ein deutlich anderes Bild. Methodisch ist die Bewertung jedoch ungleich komplexer als bei jeder anderen großen Gesellschaft im Markt. Grund dafür ist die rechtliche Struktur der europäischen Allianz-Direct-Plattform und die damit verbundene Konsolidierung ausländischer Bestände beim deutschen Rechtsträger.
Der auffällige Sprung in den Vertragszahlen der Allianz Direct zwischen 2022 und 2023 ergibt sich eindeutig aus dem Branchenmonitor Kfz 2024, der die Entwicklung bis einschließlich des Geschäftsjahrs 2023 abbildet. Dort steigen die Kfz-Haftpflichtverträge von 343.024 (2022) auf 914.297 (2023), während die Verträge im Segment sonstige Kraftfahrt zeitgleich von 244.062 auf 700.284 anziehen. Diese ungewöhnliche Dynamik lässt sich nicht durch deutsche Marktentwicklung erklären – und genau an dieser Stelle liefert der Geschäftsbericht 2023 der Allianz Direct die entscheidende Begründung: 2023 wurde die gesamte europäische Direktplattform der Allianz neu strukturiert, einschließlich der Übertragung des niederländischen Allianz-Direct-Portfolios auf den deutschen Rechtsträger, der Verschmelzung der spanischen Tochter Fénix Directo sowie weiterer Konsolidierungsschritte in mehreren Ländern. Dadurch wurden ausländische Bestände bilanziell der deutschen Allianz Direct zugerechnet und fließen deshalb exakt in jene Vertragszahlen ein, welche der Branchenmonitor für 2023 wiedergibt.
Der Geschäftsbericht 2024 der Allianz Direct bestätigt diese Datengrundlage implizit: Er weist für das Jahr 2023 exakt dieselben Vertragszahlen aus wie der Branchenmonitor Kfz 2024 und setzt erst ab 2024 die tatsächliche Bewegungsrichtung fort. Das bedeutet: Die Bestandszahlen 2024 sind methodisch nutzbar, aber nur als Fortschreibung eines international durchmischten Portfolios, nicht als reine deutsche Marktgröße.
Persistente Schwächen in der Schaden-Kosten-Quote bis 2023
Während die Allianz Versicherungs-AG seit Jahren solide Schaden-Kosten-Quoten liefert, zeigt die Allianz Direct ein fast durchgängig negatives Leistungsbild. Die CR lag 2019 bereits bei 109,62 Prozent, stieg 2020 auf 121,15 Prozent, sank 2021 minimal auf 119,71 Prozent und erreichte 2022 mit 131,83 Prozent den schlechtesten Marktwert aller fünfzig untersuchten Anbieter. Selbst 2023, das durch die Konsolidierung von Auslandsbeständen überzeichnet ist, bleibt die Quote mit 120,22 Prozent tief im negativen Bereich und lediglich Rang 44 im Marktumfeld. Der Durchschnittswert über den Zeitraum 2018 bis 2023 beträgt 117,46 Prozent – ein Niveau, das über sechs Jahre hinweg ein strukturelles Defizit signalisiert.
Für 2024 liegt keine Combined Ratio der Allianz Direct vor – weder im Branchenmonitor noch im aktuellen Geschäftsbericht. Hintergrund ist der Veröffentlichungszeitpunkt: Als der Branchenmonitor erschien, war der Geschäftsbericht der Allianz Direct noch nicht verfügbar, und auch die nun vorliegenden Unterlagen enthalten keine CR-Angabe. Eine vollständige Nachberechnung ist daher nicht möglich. Aussagekräftig bleibt allein das versicherungstechnische Ergebnis nach Veränderung der Schwankungsrückstellung. Entscheidend ist dabei, dass die im Geschäftsbericht 2024 angegebenen Zahlen für 2023 exakt mit den Werten des älteren Branchenmonitors übereinstimmen. Dadurch lässt sich die Ergebnisentwicklung 2024 konsistent fortschreiben – trotz fehlender CR.
Die Entwicklung fällt eindeutig negativ aus. Im Haftpflichtgeschäft verschlechtert sich das versicherungstechnische Ergebnis von –27,79 Millionen Euro (2023) auf –34,09 Millionen Euro (2024). In der sonstigen Kraftfahrtversicherung rutscht der Wert von –9,05 auf –10,58 Millionen Euro ab. Damit steigen die Verluste in beiden Segmenten – trotz höherer Beitragseinnahmen und eines weitgehend stabilen Vertragsbestands.
Genau daraus ergibt sich die zentrale Aussage: Auch ohne veröffentlichte Combined Ratio zeigt das fortgeführte Ergebnisbild klar, dass die Allianz Direct 2024 weiterhin erheblich zur Belastung der Konzern-Kfz-Sparte beiträgt. Die Wachstumsimpulse der Vorjahre übersetzen sich nicht in eine Verbesserung der Ertragslage. Vielmehr wirken Integrationskosten, internationale Portfolioanteile und die historisch schwache Schaden-Kosten-Quote unverändert nach und halten die Direktgesellschaft auch 2024 tief im negativen Bereich.
Geschäftsbericht zeigt moderates Wachstum
Die Allianz Direct zeigt zwischen 2023 und 2024 erstmals wieder eine Bewegung, die als operative Entwicklung und nicht als Ergebnis von Portfolioübertragungen zu verstehen ist. Zwar bleibt die Datenlage aufgrund der europäischen Konsolidierung des Jahres 2023 methodisch eingeschränkt, doch der Geschäftsbericht 2024 erlaubt eine nachvollziehbare Betrachtung der jüngsten Entwicklung.
In der Kfz-Haftpflicht sinkt der Vertragsbestand leicht von 914.297 auf 911.347 Policen, während die Sparte „sonstige Kraftfahrt“ von 700.284 auf 719.670 Verträge zulegt. Unter dem Strich bedeutet das einen moderaten Nettoanstieg auf 1,631 Millionen Verträge. Das ist kein spektakuläres Wachstum, aber ein klarer Hinweis, dass die Übertragseffekte des Jahres 2023 abgeklungen sind und die Entwicklung 2024 wieder durch das Kerngeschäft getragen wird.
Deutlich dynamischer fällt die Beitragsentwicklung aus. Die gebuchten Bruttoprämien steigen 2024 auf 510,97 Millionen Euro (360,34 Millionen Euro Haftpflicht; 150,63 Millionen Euro Kasko). Verglichen mit den im Branchenmonitor ausgewiesenen 420,12 Millionen Euro für 2023 entspricht dies einem Zuwachs von rund 21,6 Prozent – bemerkenswert, weil der Vertragsbestand nahezu stabil bleibt. Die Steigerung resultiert damit klar aus höheren Durchschnittsbeiträgen, nicht aus Volumenwachstum.
Diese Konstellation deutet darauf hin, dass die Allianz Direct – nach Jahren strukturell schwacher Schaden-Kosten-Quoten – zumindest auf der Beitragsseite gegensteuert. Wie tragfähig dieser Kurs ist, lässt sich allerdings noch nicht abschließend beurteilen, da für 2024 keine Combined Ratio vorliegt und das versicherungstechnische Ergebnis ausschließlich nach Veränderung der Schwankungsrückstellung ausgewiesen wird. Fest steht jedoch: Die Bruttoeinnahmen steigen, der Bestand beruhigt sich, und die dramatischen Ausschläge früherer Jahre sind 2024 nicht mehr erkennbar.