Autozulieferer ZF setzt Betriebsrente aus

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Wie zukunftsfähig ist die betriebliche Altersvorsorge in Zeiten niedriger Zinsen? Diese Frage lässt erneut ein aktueller Vorgang laut werden. Der Autozulieferer ZF hat für neue Beschäftigte die Betriebsrente ausgesetzt. Sie müssen vorerst ohne zusätzliche Altersvorsorge auskommen: Sie wird dem Unternehmen einfach zu teuer.

Der Autozulieferer ZF aus Friedrichshafen ist kein kleiner Anbieter. 50.000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen in Deutschland, weltweit sogar mehr als 146.000: es ist eines der weltweit größten Unternehmen seiner Art. Ob Lenkachsen, Getriebe oder Kupplungssysteme: Die Fahrzeugteile des Unternehmens vom Bodensee finden sich in vielen Autos, Hubschraubern und sogar Schiffen.

Umso mehr lässt ein aktueller Vorgang bei den Ludwigshafenern aufhorchen. ZF sieht sich nämlich gezwungen, für neu eingestellte Mitarbeiter die Betriebsrente auszusetzen, so berichtet am Montag der „Südkurier“. Vor allem um den Arbeitgeberzuschuss geht es, so berichtet das Blatt. Denn die Pflicht, künftige Renten mit Rückstellungen zu unterfüttern, wurde für den Konzern zu einer echten Last.

Firma will Betriebsrente „den Finanzmärkten anpassen“

Aktuell ist das Betriebsrentenmodell für die Mitarbeiter von ZF äußerst attraktiv. Der Konzern zahlt seinen deutschen Mitarbeitern 1,1 Prozent des Bruttoeinkommens in die Rentenkasse ein. Die Mitarbeiter können wählen, ob sie weitere ein bis fünf Prozent des Bruttolohnes zuschießen. Und tatsächlich tun das die Beschäftigten gern: laut Südkurier verspricht die Betriebsrente einen Garantiezins von sechs Prozent. Mit neu abgeschlossenen Privatrenten ist ein solcher Zins heute nicht mehr zu erzielen.

Doch was den Mitarbeitern nützt, wird für den Konzern zu einer echten Last. Der hohe Zins habe die Pensionsverpflichtungen des Konzerns in der Bilanz auf 3,8 Milliarden Euro steigen lassen, so berichtet das Regionalblatt weiter. Zum Vergleich: deutlich weniger, nämlich 2,2 Milliarden Euro, haben die Süddeutschen 2017 in Forschung und Entwicklung investiert. Der operative Gewinn bezifferte sich im selben Jahr auf knapp 2,3 Milliarden Euro.

Hier ist aus Sicht des Managements eine Unwucht entstanden, die die Zukunft des Unternehmens langfristig gefährdet. Die Konzernführung hat die Reißleine gezogen und die Betriebsrente vorerst ausgesetzt. Während Bestandsrentner und die aktuelle Belegschaft nichts fürchten müssen, ihre Renten bleiben unangetastet, stehen nun neu eingestellte Mitarbeiter ohne die attraktive Betriebsrente da.

Betriebsrente soll neu verhandelt werden - Betroffene rückwirkend neues Modell nutzen

Damit erhöht der Konzern auch den Druck auf den Betriebsrat, denn intern wird schon länger über eine neue Rente gestritten. Der Südkurier zitiert einen Sprecher des Autozulieferers: „Damit wir auch in Zukunft unsere Pensionszusagen einhalten und den Mitarbeitern eine attraktive ZF-Rente anbieten können, müssen wir unser bisheriges Betriebsrentensystem an die Entwicklungen an den Finanzmärkten anpassen, die von niedrigen Zinsen geprägt sind“. Der Betriebsrat habe Verständnis für die Situation und zeige sich gesprächsbereit. Die betroffenen Mitarbeiter sollen dann rückwirkend auch vom neu verhandelten Modell profitieren.

Die Bundesregierung hat auf die hohe Last der Garantie-Rückstellungen in Zeiten niedriger Zinsen reagiert. Mit dem sogenannten Sozialpartnermodell wurde zum Jahresanfang ein neuer Durchführungsweg der Betriebsrente geschaffen, bei dem die Arbeitgeber enthaftet werden. Statt Garantien wird dem Sparer dabei nur eine relativ unverbindliche Zielrente in Aussicht gestellt. Mussten Unternehmen bisher Zusagen durch Rücklagen absichern, fällt diese Pflicht mit der Zielrente weg. Der Nachteil aus Sicht der Beschäftigten: In der „Zielrente“ fehlen garantierte Zusagen über Bezüge im Alter, so dass ihre betriebliche Altersvorsorge weit stärker von der Entwicklung der Kapitalmärkte abhängt.

Auch Pensionskassen mit Problemen

Der Vorgang beim Autozulieferer zeigt erneut: die alte Betriebsrenten-Welt ist aus den Fugen geraten. Auch viele Pensionskassen haben Probleme. Die Bundesregierung hat im Juli auf Anfrage der Grünen einräumen müssen, dass rund ein Drittel aller Pensionskassen unter erweiterter Aufsicht der Finanzaufsicht BaFin stehen. Auch hier wurden die Betriebsrenten gekappt. In insgesamt 27 Fällen haben Pensionskassen im vergangenen Jahrzehnt ihre Verrentungsfaktoren zu Ungunsten der Versicherten nach unten korrigieren müssen - einige sogar mehrfach (der Versicherungsbote berichtete).

Im Frühjahr hatte bereits die Finanzaufsicht BaFin Alarm geschlagen und gewarnt, dass einige Pensionskassen bald nicht mehr ihre vollen Rentenzusagen halten können, wenn sie kein Kapital von außen erhalten. "Ohne zusätzliches Kapital von außen werden einige Pensionskassen nicht mehr ihre vollen Leistungen erbringen können", sagte der oberste Versicherungsaufseher Frank Grund bei der Jahrespressekonferenz der BaFin in Frankfurt. Die Lage könne sich bei weiter anhaltendem Niedrigzins weiter verschärfen.

Werden die Renten an den Niedrigzins angepasst, geht es um viel Geld. Beispiel Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL), die knapp 352.000 Angestellte des öffentlichen Dienstes versichert: Zum 1. Juni 2016 einigten sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter darauf, dass die Renten fortan nur noch mit 0,25 Prozent statt mit 1,75 Prozent verrentet werden. Für einen 37jährigen Musterzahler, der über 30 Jahre 175 Euro einzahlt, bedeutet das konkret: rund 66 Prozent weniger Rente.