Versicherungstarife: Entwicklung zur unendlichen Dummheit?

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Versicherung – Die Diskussion zu telemetrischen und verhaltensbezogenen Versicherungstarifen nimmt zu. Versicherer und Studienbetreiber überbieten sich geradezu dabei die angeblichen Vorteile herauszustellen. Die Folgen einer solchen Entwicklung sind jedoch nicht wirklich positiv.

Positiver Anklang ohne Hintergrundwissen

"Die Einführung von telemetrischen oder verhaltensbezogenen Versicherungstarifen findet bei mehr als jedem dritten Deutschen im Alter von 20 bis 40 Jahren positiven Anklang." So jedenfalls der selbsternannte Pionier in der Online-Marktforschung (YouGov) auf Versicherungsbote in einem gerade erst erschienenen Artikel. Ich frage darüber hinaus, ob in diesem Zusammenhang einige Versicherer eher mit einem Zitat von Einstein liebäugeln, welches in etwa lautet: "Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." Dies scheinen auch Datenschützer so zu sehen, so z.B. Marit Hansen (Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein). Sie ist auf Telematik-Tarife ebenfalls nicht gut zu sprechen. Gerade junge Menschen - so meint sie - hätten kein Geld zu verschenken. "Das heißt, wenn sie die Ersparnis haben wollen, müssen sie sich überwachen lassen. Das ist für mich dann nicht mehr freiwillig", sagt Hansen gegenüber dem NDR.

Wirklich eine schöne neue Welt?

Versicherungsbote schreibt im betreffenden Artikel: "Der Eingriff in die Privatsphäre wird von den Befragten mit 51 Prozent eher negativ bewertet." Bedeutet also im Umkehrschluss, dass hinsichtlich eines Eingriffs in die Privatsphäre 49% der Befragten entweder nichts dagegen oder keine Meinung dazu haben bzw. denen es schlichtweg egal ist. Im Zusammenhang mit den durch die Versicherer vorangetriebenen Bemühungen weiterer Gruppierungen der Risiken durch telemetrische und verhaltensbezogene Versicherungstarife und der offensichtlichen Unwissenheit der Verbraucher zu den Folgen neige ich zu der Annahme, dass die betreffenden Versicherer bei den Verbrauchern nicht etwa auf "Schwarmintelligenz" sondern eher auf "Schwarmdummheit" hoffen. Genau dies geschieht m.E. derzeit, indem man in diversen Artikeln und Studien die Vorteile solcher Tarife für Einzelne herausstellt, aber die negativen Folgen für die Masse und den endgültigen Todesstoss für das eigentliche Solidarprinzip des Versicherungsgedanken schlichtweg unter den Tisch fallen lässt.

Versicherungsmakler und Versicherungsberater sollten aktiv werden

Insbesondere Versicherungsmakler und Versicherungsberater als Interessenvertreter und Sachwalter ihrer Mandanten, aber auch Versicherungsvertreter sollten den Bestrebungen der Versicherer zu weiteren Gruppierungsversuchen einen Riegel vorschieben und das auch offen hin zu ihren Mandanten kommunizieren. Ebenso sollten die Vermittler-Verbände aktiv werden, wie z.B. die INTERESSENGEMEINSCHAFT DEUTSCHER VERSICHERUNGSMAKLER (IGVM) e.V., bei der eine Mitgliedschaft für Versicherungsmakler selbstauferlegte Pflicht sein sollte. Starke Verbandsarbeit kann u.U. verhindern, dass Versicherer den eigentlichen Versicherungsgedanken im einseitigen Profitinteresse verraten und "Rosinenpickerei" betreiben. Versicherungsmakler, Versicherungsberater und Versicherungsvertreter sollten im Interesse ihrer Kunden gemeinsam gegen derartige Bestrebungen vorgehen.

Das Versicherungsprinzip

Augenscheinlich muss dringend an das ursprüngliche Versicherungsprinzip erinnert werden:

  • Versicherung bedeutet immer Risikoausgleich.
  • Risikoausgleich durch Versicherung erfolgt durch Bildung von Gefahrengemeinschaften im Sinn eines Zusammenschlusses von Personen, die von gleichartigen Gefahren bedroht sind.
  • Durch laufende Prämienzahlung seitens der Gesamtheit der Versicherten soll gewährleistet sein, dass bei Eintritt eines Schadens der für den Schadensausgleich notwendige Betrag bereitgestellt ist.
  • Daraus folgt, dass die Höhe der von Einzelnen zu leistenden Prämienzahlung grundsätzlich von der Höhe des Risikos abhängt, mit dem sie die Versichertengemeinschaft belasten.
  • Es dominiert somit die Idee der gemeinsamen Selbsthilfe im Sinn eines Gegenseitigkeitsverhältnisses.

Was daraus folgt

Werden Gruppen zu sehr differenziert, so führt das letztlich zu übrig bleibenden Risiko-Gruppen. Diese Risiko-Gruppen brauchen die Versicherung am dringendsten, können sich dieselbe aber wegen zu häufiger Gruppierung schlichtweg nicht mehr leisten (siehe z.B. Berufsgruppeneinteilung bei der Berufsunfähigkeitsversicherung). Gerade hier erschließt sich für die EU-Kommission ein sinnvolles Tätigkeitsfeld, damit zu differenzierte Gruppenbildung verboten und somit auch für die Zukunft verhindert wird (siehe Thema im Artikel).

In aller Deutlichkeit

Gäbe es z.B. die Berufsgruppeneinteilung in der Berufsunfähigkeitsversicherung nicht, dann könnten sich mehr Menschen den Schutz für den Fall der Berufsunfähigkeit leisten; insbesondere diejenigen, die ihn am dringendsten benötigen. Die weitere Einführung von telemetrischen und verhaltensbezogenen Versicherungstarifen wird zu einer weiteren Verschlechterung zur Erlangung von bezahlbaren Versicherungsschutz für "Jedermann" führen, ähnlich wie heute schon im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherung; zukünftig dann wohl auch im Bereich der Kfz-Versicherung.

Zurück zu den Wurzeln

Die Entwicklung weg vom eigentlichen Versicherungsgedanken hin zu immer größeren Differenzierungen kann man seit Jahren auch in anderen Sparten beobachten. So z.B. im Bereich der Wohngebäude- und Hausratversicherung durch Einführung von Überschwemmungs-, Leitungswasser-, Sturm- und Diebstahlzonen. Oder auch jüngst im Bereich der Unfallversicherung durch Einführung altersabhängiger Tarife. Um tatsächliche Versicherungsdichte zu gewährleisten (und damit u.a. die Sozialkassen zu entlasten!) ist es dringend erforderlich zum eigentlichen Ursprungsgedanken der Versicherung zurück zu finden …

… meint herzlichst Ihr
Freddy Morgengrauen