Allianz-Chef Oliver Bäte stellt gleich mehrere Grundpfeiler der deutschen Versicherungs- und Vorsorgelandschaft infrage. Der Manager erklärt die klassische Lebensversicherung zum Auslaufmodell, setzt auf KI und fordert tiefgreifende Reformen bei Gesundheit, Pflege und Altersvorsorge.
Die traditionelle Lebensversicherung hat aus Sicht von Allianz-Chef Oliver Bäte keine Zukunft mehr. Gleichzeitig erwartet der Vorstandsvorsitzende des Münchener Versicherers, dass Künstliche Intelligenz die Geschäftsmodelle der Branche grundlegend verändert und neue Formen der Altersvorsorge entstehen. Seine Botschaft bei einem Medientag der Allianz in München fiel deutlich aus: Die Versicherungswirtschaft steht vor einem historischen Umbruch. Darüber berichtet das "Handelsblatt"
Besonders deutlich wurde Bäte beim Blick auf die Lebensversicherung. Denn die klassische Trennung zwischen Lebensversicherung und Fondssparen werde künftig verschwinden. Stattdessen erwartet der Allianz-Chef hybride Lösungen, die Versicherungsschutz und Vermögensanlage miteinander verbinden. „Die Zeit der traditionellen Lebensversicherung, so wie wir sie kannten, ist aus meiner Sicht vorbei“, sagte Bäte. Für breit aufgestellte Anbieter wie die Allianz sei das allerdings eher Chance als Risiko. Der Konzern könne klassische Versicherungsprodukte mit Angeboten der Vermögensverwaltung kombinieren und sich damit vom Wettbewerb abheben.
Mit der geplanten Reform der privaten Altersvorsorge rechnet Bäte zudem mit neuen Wettbewerbern. Neben Versicherern und Fondsgesellschaften könnten künftig auch Technologieunternehmen und digitale Plattformanbieter um die Vorsorgegelder der Kunden konkurrieren. Vor diesem Hintergrund prüft die Allianz offenbar auch neue digitale Geschäftsmodelle. Als Beispiel nannte Bäte die digitale Investment- und Vorsorgelösung Allvest. Denkbar seien künftig vollständig digitale Direktmodelle, die ohne gewachsene IT-Strukturen auskommen und deutlich effizienter arbeiten könnten.
„Alle Optionen sind offen“, erklärte der Allianz-Chef. Gleichzeitig fordert Bäte weitere Reformen in der betrieblichen Altersversorgung. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen müssten stärker in die betriebliche Vorsorge eingebunden werden. „Deutschland braucht mindestens zwei starke Säulen der zusätzlichen Altersvorsorge“, betonte er.
KI verändert die Arbeit bei Versicherern
Mindestens ebenso tiefgreifend dürften die Veränderungen durch Künstliche Intelligenz ausfallen. Die Allianz sieht sich dabei als Vorreiter der Transformation und investiert massiv in neue Technologien und Partnerschaften. Der Konzern arbeitet bereits mit dem KI-Unternehmen Anthropic zusammen und bereitet sich darauf vor, künftig auch leistungsfähigere Modelle einzusetzen. Bäte erwartet, dass vor allem datenintensive Tätigkeiten künftig automatisiert werden. Die Preisfindung bei Versicherungsprodukten sei dafür ein Beispiel. „Das werden in Zukunft Agenten machen“, sagte er mit Blick auf die Analyse und Verknüpfung großer Datenmengen durch KI-Systeme.
Besonders betroffen seien Tätigkeiten rund um Datenabgleiche, Auswertungen oder die Umsetzung regulatorischer Anforderungen in operative Systeme. „Da werden auch Jobs verschwinden“, räumte Bäte ein. Der Allianz-Chef erwartet allerdings keinen reinen Stellenabbau. Während administrative Tätigkeiten zurückgehen, könnten an anderer Stelle neue Aufgaben entstehen. Vor allem Beratung, Kundenbindung und die Ermittlung individueller Kundenbedürfnisse würden wichtiger werden. „Wir können unseren Mitarbeitern nicht versprechen, dass sie ihren jetzigen Job behalten. Wir werden aber diejenigen unterstützen, die bereit sind, sich weiterzuentwickeln und in sich selbst zu investieren“, sagte Bäte.
Bereits konkret wird die Entwicklung bei Allianz Partners. Dort sollen in mehreren europäischen Ländern bis zu 1.800 Stellen entfallen, in Deutschland sind nach Unternehmensangaben 80 bis 100 Arbeitsplätze betroffen. Der Stellenabbau soll über Freiwilligenprogramme erfolgen und betrifft insbesondere Callcenter-Tätigkeiten. Auch im Vertrieb rechnet die Allianz mit tiefgreifenden Veränderungen. Kunden würden Versicherungen künftig zunehmend über KI-Systeme suchen und vergleichen. Deshalb wolle die Allianz künftig direkt auf großen Sprachmodellen und KI-Plattformen sichtbar sein.
Bäte geht sogar davon aus, dass große Sprachmodelle klassische Vergleichsportale langfristig ersetzen könnten. Gleichzeitig sieht er die Betreiber der KI-Systeme in der Verantwortung. „Die Anbieter der Sprachmodelle sind haftbar. Sie behaupten, sie seien es nicht, aber sie sind es“, sagte der Allianz-Chef mit Blick auf fehlerhafte Empfehlungen von KI-Systemen.
Neben Altersvorsorge und KI nutzte Bäte den Auftritt auch für eine ungewöhnlich scharfe Kritik am deutschen Gesundheits- und Pflegesystem. Die Gesundheitsausgaben hätten sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf über 600 Milliarden Euro verdreifacht, während die Ergebnisse aus seiner Sicht schlechter geworden seien. „Es ist lächerlich, wie wir unser Geld im Gesundheitssystem ausgeben“, sagte Bäte.
Besonders kritisch sieht er die hohen Krankenstände in Deutschland. Arbeitgeber würden durch steigende Sozialabgaben und Fehlzeiten doppelt belastet. „Das ist ein Jobkiller“, warnte der Allianz-Chef mit Blick auf durchschnittlich fast 20 Krankheitstage pro Beschäftigtem und Jahr.
Nach Vorstellung Bätes sollen Versicherer künftig eine aktivere Rolle im Gesundheitswesen einnehmen. Sie sollten Patienten durch das System begleiten, Behandlungen hinterfragen und bessere Konditionen mit Leistungserbringern verhandeln. Zugleich will die Allianz ihre Führungskräfte künftig stärker daran messen, welchen Beitrag sie zur Bezahlbarkeit von Versicherungsschutz leisten. Effizienzgewinne durch KI und Digitalisierung sollen nicht allein die Ergebnisse verbessern, sondern auch bei den Kunden ankommen.
Die Botschaft des Allianz-Chefs ist damit klar: Die Versicherungsbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel und die Allianz will diesen Wandel nicht nur begleiten, sondern aktiv gestalten.