Übergangslösungen: Der teure Stillstand der Versicherer

Quelle: PPI AG

Notlösungen sind oft der Rettungsanker. So genannte Workarounds sollen kurzfristig helfen. Doch allzu oft werden sie zur Dauerlösung. Warum gerade Versicherer damit ihre IT-Landschaften immer komplexer machen und weshalb Übergangslösungen ein strategisches Risiko darstellen, erklärt PPI-Vorstand Dirk Weske. In seiner Kolumne für Versicherungsbote beleuchtet er den Umsetzungsstand der Digitalisierung innerhalb der Branche.

Sie kennen das: Nicht jedes Problem lässt sich gleich langfristig und zukunftssicher lösen. Dann kommt eine temporäre Not- oder Zwischenlösung ins Spiel (auf Neuhochdeutsch gerne auch „Workaround“). In Meetings fallen dann Sätze wie „Wir machen das jetzt erst mal so, später können wir das ja noch umstellen“.

Die spannende Frage nun: Wie oft stellen Sie später wirklich um?

Ehe man sich’s versieht, wird die Notlösung zum Standard, den man nicht mehr loswird. Beispiel: Das QWERTZ bzw. QWERTY-Layout für Tastaturen. Im 19. Jahrhundert entwickelt, damit sich Schreibmaschinen seltener verhaken, indem häufig vorkommende Buchstaben und Buchstabenkombinationen möglichst weit verteilt wurden. Inwiefern sich ergonomischere, effizientere, vielleicht auch intuitivere Tastaturbelegungen durchgesetzt haben, nachdem mechanische Aspekte beim Tippen keine Relevanz mehr hatten, wissen Sie selbst.

Niemand weiß, wie viel die globale Volkswirtschaft eingespart hätte, wäre früh ein anderes Layout etabliert worden: durch schnelleres Erlernen des Zehn-Finger-Schreibens, durch geringere Fehlerfrequenz und höhere Tippgeschwindigkeit, sowie gegebenenfalls sogar durch weniger Ausfälle aufgrund von chronischen Erkrankungen wie z.B. Sehnenscheidenentzündungen.

Auch in Ihrem eigenen Unternehmen können Sie vermutlich Beispiele beziffern, in denen Übergangslösungen oder Workarounds so lange laufen, dass ihre Kosten eine frühzeitige Investition in eine langfristige Lösung bereits übersteigen.

Solche Übergangslösungen sind strategisch gefährlich. Denn sie erzeugen eine Illusion von Fortschritt: Es bewegt sich viel, aber nicht zwingend in Richtung Zielbild. Die Organisation wird handlungsfähig gehalten, aber die strukturelle Komplexität steigt. Jede zusätzliche Schnittstelle, jeder Schattenprozess und jede Sonderlogik machen die Landschaft schwerer verständlich, schwerer steuerbar und schwerer veränderbar.

Gerade Versicherer sind dafür anfällig. Ihre Systemlandschaften sind historisch gewachsen, oft über Jahrzehnte. Jährliche Produktwechsel und neue Tarife, alte Bestände, diverse Vertriebskanäle und regulatorische Anforderungen haben Spuren hinterlassen. Wenn dann Transformationsdruck entsteht, wird pragmatisch überbrückt. Doch Pragmatismus ohne Verfallsdatum wird zur technischen Schuld.

So entsteht eine paradoxe Situation: Die Organisation investiert in Geschwindigkeit und wird gleichzeitig langsamer. Übergangslösungen sind deshalb keine harmlose Nebenwirkung von Transformation, sondern ein strategisches Steuerungsthema.

Die zentrale Frage lautet: Wie verhindern wir, dass Übergangslösungen dauerhaft werden?

Dafür braucht es klare Prinzipien. Jede Übergangslösung benötigt einen Eigentümer, ein Ablaufdatum, ein Budget und eine dokumentierte Rückbauentscheidung. Übergangslösungen müssen als Verbindlichkeit behandelt werden, nicht als Erfolgsmeldung. Wer sie einführt, muss auch erklären, wann und wie sie wieder verschwinden. Nur so bleibt die Zielarchitektur mehr als eine Präsentationsfolie.

Am Ende geht es um Vertrauen. Um das Vertrauen des Unternehmens in die eigene Systemlandschaft. Versicherer, die ihre Übergangslösungen konsequent begrenzen, gewinnen Beweglichkeit. Sie können schneller auf Marktveränderungen reagieren, regulatorische Anforderungen effizienter umsetzen und Innovationen skalieren, ohne jedes Mal durch den Maschinenraum der Vergangenheit zu müssen.

Übergangslösungen werden nie ganz verschwinden. Aber sie dürfen nicht zur Betriebsform der Transformation werden. Denn der teuerste Stillstand ist jener, der wie Fortschritt aussieht.