'Den Staat als Kapitalanleger sehe ich äußerst kritisch'

Quelle: ChatGPT

Die Versicherungswirtschaft reagiert mit Zustimmung, aber auch deutlicher Kritik auf die Reformvorschläge der Rentenkommission. Während mehr Kapitaldeckung und eine Stärkung der betrieblichen Altersversorgung begrüßt werden, stoßen staatliche Anlagekonzepte und das geringe Reformtempo auf Skepsis.

Die Vorschläge der Rentenkommission zur Zukunft der Altersvorsorge sorgen in der Versicherungsbranche für ein differenziertes Echo. Zwar werden zentrale Reformansätze wie die stärkere Kapitaldeckung, die Abschaffung der Rente mit 63 und die Stärkung der betrieblichen Altersversorgung überwiegend positiv bewertet. Gleichzeitig warnen Branchenvertreter davor, den Staat zu stark in die Rolle des Kapitalanlegers zu drängen und notwendige Reformen zu zögerlich anzugehen.

Zwar gingen die Empfehlungen grundsätzlich ein Schritt in die richtige Richtung. Ein großes Aber ist nicht zu überhören. „Die bisher bekannten und diskutierten Empfehlungen sind sicherlich ein guter erster Schritt, enthalten sie doch durchaus schmerzhafte Wahrheiten, die zur Stabilisierung der Altersvorsorge beitragen können“, sagt Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter Lebensversicherung. Zugleich bleibe das Papier jedoch „hinter meinen Erwartungen zurück“.

Besonders intensiv diskutiert wird die Empfehlung einer obligatorischen kapitalgedeckten Rentenkomponente innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung. Vorgesehen sind individuelle Kapitalkonten sowie ein zusätzlicher, paritätisch finanzierter Beitrag von zwei Prozent des Einkommens. Bader bewertet den Ansatz grundsätzlich positiv: „Eine solche kapitalgedeckte Ergänzung der Säule 1 ist in meinen Augen in Summe sehr vernünftig.“ Entscheidend sei jedoch die konkrete Ausgestaltung. Kritisch sieht er vor allem die Rolle des Staates als Kapitalanleger. „Den deutschen Staat als Kapitalanleger sehe ich äußerst kritisch“, betont der Vorstandschef. Zudem entspreche eine reine Staatsfonds-Lösung gerade nicht dem häufig zitierten schwedischen Vorbild, da dort Versicherte überwiegend zwischen verschiedenen Fonds wählen könnten.

Auch die Versicherungskammer sieht die geplante Kapitaldeckung grundsätzlich positiv. Klaus G. Leyh, Vorstand Personenversicherung, begrüßt das „klare Bekenntnis der Kommission zur Förderung kapitalgedeckter Altersvorsorge“. Kritisch bewertet er jedoch die Empfehlung, die Kapitaldeckung verpflichtend in der ersten Säule zu verankern und über einen staatlichen Träger zu organisieren. Dies könne Innovationskraft und Wettbewerb beeinträchtigen. Stattdessen plädiert Leyh für „eine privatwirtschaftliche Alternative, die Effizienz, Wettbewerb und Kundennähe verbindet“.

Betriebliche Altersversorgung soll stärker verbreitet werden

Einigkeit herrscht dagegen bei der Bedeutung der betrieblichen Altersversorgung (bAV). Die Kommission empfiehlt, bereits 2026 gemeinsam mit den Sozialpartnern Maßnahmen zu entwickeln, um die Verbreitung der Betriebsrente insbesondere in bislang unterversorgten Bereichen deutlich zu erhöhen. „Es wird niemanden überraschen, dass ich das sehr begrüße“, sagt Bader. Allerdings müsse die konkrete Ausgestaltung gemeinsam mit der Versicherungswirtschaft erfolgen und dürfe nicht „im Gegeneinander“ entwickelt werden. Auch Leyh sieht hier erheblichen Handlungsbedarf. Gerade kleine und mittlere Unternehmen müssten stärker erreicht werden. Ziel müsse eine flächendeckende Verbreitung der bAV sein. Das muss gleichzeitig mit weniger Bürokratie, mehr Rechtssicherheit, besserer Portabilität und einer stärkeren Förderung von Geringverdienern verbunden sein.

Kontrovers wird auch die geplante Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung diskutiert. Die Kommission schlägt vor, die Regelaltersgrenze nach 2031 schrittweise an die demografische Entwicklung anzupassen. Für Bader geht dieser Vorschlag nicht weit genug. „Das finde ich deutlich zu zaghaft“, sagt er. Wer einen spürbaren Effekt erzielen wolle, müsse die Lebensarbeitszeit schneller verlängern. Insbesondere die geburtenstarken Jahrgänge müssten länger im Erwerbsleben gehalten werden. „Eine Berücksichtigung der Lebenserwartung ist sinnvoll, aber eben sofort“, fordert er.

Deutlich positiv bewertet Bader hingegen die geplante Abschaffung des abschlagsfreien Renteneintritts für besonders langjährig Versicherte. „Die Abschaffung halte ich für absolut richtig und fordere ich seit Langem. Je schneller, desto besser.“

Zustimmung erhält auch die Empfehlung, künftig wieder stärker auf regelbasierte Rentenanpassungen zu setzen und den Nachhaltigkeitsfaktor dauerhaft anzuwenden. „Die Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors war eine weise Entscheidung, die seit Jahren währende Aussetzung das Gegenteil“, sagt Bader. Ebenso überfällig sei die Neuberechnung von Abschlägen und Zuschlägen beim vorgezogenen oder späteren Renteneintritt nach versicherungsmathematischen Grundsätzen. Dies werde nach seiner Einschätzung zu deutlich höheren Anpassungsfaktoren führen.

Mehr Transparenz bei der Altersvorsorge

Positiv bewerten die Branchenvertreter zudem die geplante Weiterentwicklung der Digitalen Rentenübersicht. Die Kommission empfiehlt, das Instrument als zentrale Informations- und Planungsplattform auszubauen. Für Leyh ist dies ein wichtiger Baustein für mehr Transparenz. Eine verständliche Übersicht über gesetzliche, betriebliche und private Vorsorgebausteine könne die individuelle Planung erleichtern. Gleichzeitig unterstreiche dies die Bedeutung qualifizierter Beratung.

Insgesamt sehen die Vertreter der Versicherungswirtschaft in den Vorschlägen der Rentenkommission wichtige Impulse für eine langfristig tragfähige Altersvorsorge. Allerdings warnen sie davor, bewährte Prinzipien wie Wettbewerb, Wahlfreiheit und private Verantwortung zu schwächen.

„Die Empfehlungen der Rentenkommission setzen richtige Akzente: Stabilisierung der ersten Säule, Stärkung kapitalgedeckter Bausteine, mehr Transparenz und eine stärkere betriebliche Altersversorgung“, resümiert Leyh. Entscheidend sei nun, die Reformen „mit Augenmaß auszugestalten“, damit die Altersvorsorge auch künftig sicher, verständlich und individuell bleibe.