Die Debatte um die Zukunft der Altersvorsorge braucht mehr Ehrlichkeit, fordert Helmut Aden. Der Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) unterstreicht, dass zusätzliche kapitalgedeckte Vorsorge unverzichtbar sei. Der Ansatz werde aber nur funktionieren, wenn Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Staat bereit sind, heute mehr zu investieren und dafür auf Konsum zu verzichten. Neue Produkte allein reichten nicht aus, um die Rentenlücke zu schließen.
„There is no free lunch“ weiß der Finanzwissenschaftler, aber auch der gesunde Menschenverstand ahnt, dass meistens nichts umsonst zu haben ist.
Wenn Bundeskanzler Merz feststellt, dass die gesetzliche Rente nur noch eine Basisabsicherung sein kann und nicht mehr ausreicht, um den Lebensstandard zu sichern, dann kann man wohl kaum widersprechen. Für die ca. 360 Mrd.€ reine Rentenleistungen der Gesetzlichen werden bereits heute ca. 120 Mrd. € jährlich als Bundeszuschüsse benötigt. Eine Erhöhung der laufenden Renten von zuletzt fast 4 Prozent dürfte in der langfristigen Finanzierung mit ca. 150 Mrd. € zu Buche schlagen. Und eine Absicherung, die sowohl bei der Beitragserhebung wie auch bei der Zugehörigkeit zum System ausschließlich das Arbeitseinkommen berücksichtigt, ist in Zeiten fragmentierter Beschäftigungsverhältnisse und einer immer stärkeren Dominanz des Faktors Kapital (statt Arbeit) in der Wertschöpfung an das Ende ihrer Möglichkeiten gekommen.
Wir haben hier kein Erkenntnisproblem, alles hinlänglich bekannt und spätestens seit der Riester-Reform vor mehr als 20 Jahren hinlänglich beschrieben. Aber einen Bundeskanzler würde man schon fragen wollen „Und nun?“, wenn ihn diese Einsicht überkommt. Und da muss man leider sagen, dass die Antworten weiter fehlen.
Von den zögerlichen Reformen in der ersten, zweiten und dritten Säule ist eventuell die Reform der privaten Altersversorgung noch der mutigste Wurf, indem durch das neue Altersvorsorgedepot und die höhere und einfachere Förderung der Zugang zur Altersvorsorge vereinfacht und ihre Attraktivität gesteigert wurde. Aber – und jetzt kommen wir zum „free lunch“ und der ewigen Hoffnung auf „win-win-Lösungen“ – Jede zusätzliche Altersversorgung muss leider finanziert und bezahlt werden und da gibt es auch in den Säulen zwei und drei weiterhin nur die altbekannte Kandidaten Arbeitnehmer/Versicherter, Arbeitgeber oder Fiskus. Und alle drei haben derzeit Geldsorgen, oder, wie es so schön alternativlos heißt: Es gibt keine Verteilungsspielräume.
Jetzt kann man es, wie in den Reformversuchen erneut getan, weiterhin mit graduellen (Produkt-) und Förderanpassungen versuchen und weiter an die Einsicht der Beteiligten appellieren. Aber das wird letztlich wieder dazu führen, dass jeder Einzelne für sich Initiative entwickeln und in einem kostenintensiven Akquisitionsprozess auf seinem Sofa abgeholt werden muss, um heute noch verfügbares Einkommen – spätestens ab morgen – auf die Seite zu legen, um übermorgen einigermaßen über die Runden zu kommen.
Die Wahrheit auszusprechen, dass dies uns alle (Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Fiskus) treffen wird und diese Wahrheit gesamtgesellschaftlich zu verankern und durchzusetzen, daran fehlt es weiterhin. Das bedeutet nämlich, zu sagen: Wir müssen heute sparen und investieren und es bedeutet im selben Umfang Konsumverzicht für jeden einzelnen. Mit dieser ernüchternden Wahrheit und ihren Konsequenzen traut sich noch immer niemand so richtig raus. Neue Produkte mit renditeträchtigerer Kapitalanlage – ob in Form von reinen Beitragszusagen in der 2. Säule oder Rentenversicherungen ohne starre Garantievorgaben in der 2. und 3. Säule – sind notwendig. Aber ohne eine erhebliche Ausweitung des Beitragsaufkommens für die kapitalgedeckte Alterssicherung wird es nicht gehen. Und dies werden Beiträge sein, die zusätzlich in das System fließen müssen, damit das heutige Niveau überhaupt gehalten werden kann und wir mittelfristig ein angemessenes Niveau auch im europäischen Vergleich erreichen.
Das wird es nicht umsonst geben und wir alle werden unseren Beitrag dazu leisten müssen. Dieser Satz fehlte beim Kanzler, damit wir nicht weiter in denselben Illusionen stecken bleiben wie in den letzten 20 Jahren.