Der Investment-Grade-Markt präsentiert sich mit attraktiven laufenden Renditen, während die Risikoaufschläge historisch niedrig sind. Der aktuelle Investitionszyklus im Bereich Künstliche Intelligenz erhöht das Angebot an neuen Anleihen, vor allem bei großen Tech-Emittenten und in angrenzenden Infrastruktursegmenten. Für professionelle Anleger rückt damit stärker in den Vordergrund, neue Emissionen selektiv zu prüfen, ausreichend Liquidität für attraktive Platzierungen vorzuhalten und Governance-Risiken frühzeitig zu berücksichtigen. Entscheidend ist, welche Emittenten zusätzliches Fremdkapital aufnehmen können, ohne dass Verschuldung, frei verfügbarer Cashflow nach Investitionen oder Spielraum beim Rating zu stark belastet werden, sagt Jens Franck, Partner beim Hamburger Fixed-Income-Manager nordIX.
Die globale Investment-Grade-Welt wirkt auf den ersten Blick komfortabel: US-IG-Anleihen rentieren derzeit um fünf Prozent, je nach Index und Laufzeitsegment auch etwas darüber. Gleichzeitig liegt der ICE BofA US Corporate OAS bei rund 80 Basispunkten und damit nahe den engsten Niveaus der vergangenen Jahrzehnte. Der Ertrag kommt vor allem über Carry; der Spread-Puffer bleibt begrenzt. Auf der Angebotsseite erwarten große Häuser für 2026 erneut sehr hohe Volumina: Barclays sieht den gesamten US-Corporate-Bond-Markt bei 2,46 Billionen US-Dollar nach 2,2 Billionen US-Dollar im Vorjahr, während UBS für den US-Investment-Grade-Markt 1,8 Billionen US-Dollar und allein für US-Tech-IG 360 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Ein wesentlicher Treiber ist der AI-Investitionszyklus der Hyperscaler, der zunehmend über den öffentlichen Anleihemarkt finanziert wird.
Die Capex-Zahlen der großen Plattformkonzerne erreichen dabei Größenordnungen, die zusätzliche Fremdfinanzierung nahelegen. Für Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta und Oracle werden 2026 je nach Schätzung Investitionen von rund 700 bis 770 Milliarden US-Dollar oder spürbar darüber hinaus diskutiert, ein erheblicher Teil davon für Rechenzentren, Chips und Netzinfrastruktur. Diese Welle bleibt nicht auf Tech beschränkt. Versorger, Infrastruktur-Betreiber und Rechenzentrums-Immobiliengesellschaften investieren ebenfalls in Stromnetze, Kühlung, Glasfaser und Standorte, häufig mit Investment-Grade-Rating. Die Ausgangsbewertung macht diese Angebotsdynamik anspruchsvoll. In den großen IG-Indizes liegen Spreads nahe historischer Tiefstände; BBB-Segmente handeln vielfach um 100 Basispunkte, AAA-Emittenten eher um 40 Basispunkte. Die absoluten Renditen vermitteln Stabilität, doch das Risikoprofil bleibt asymmetrisch: Weitere Spread-Einengungen sind begrenzt, während moderate Risikoaversion oder Zweifel am AI-Capex-Narrativ mehrere Jahre Excess Carry aufzehren können.
Klare Kriterien, wann ein Deal attraktiv ist
Im Umfeld hohen Supply‘s und enger Spreads verlagert sich der Mehrertrag zunehmend auf die Primärmarktmechanik. Für IG‑Manager wird es zentral, Neuemissionsprämien systematisch einzusammeln, ohne den Bestand über Zwangsverkäufe zu strapazieren. Portfolios brauchen klar definierte Quoten in Cash, Geldmarktinstrumenten oder sehr kurzlaufenden IG‑Titeln, die als „Trockenpulver“ dienen. Damit lassen sich Neuemissionen zeichnen, ohne Positionen mit schlechter Marktliquidität verkaufen zu müssen. In der Praxis bedeutet dies häufig, wohl ausgewogen auf einen Teil des theoretisch möglichen Carrys zu verzichten, um Optionen zu erhalten. Ebenso wichtig sind klare Kriterien dafür, wann ein Deal attraktiv ist: Spread‑Aufschlag gegenüber dem Sekundärmarkt, Covenants, Use of Proceeds, Capex‑Entwicklung und Refinanzierungsprofil werden zu zentralen Filtern. AI‑getriebene Emissionen lassen sich dabei nicht über eine einfache Spread‑Heuristik erfassen; entscheidend ist, ob das zusätzliche Leverage durch belastbare Cashflows nach Capex gedeckt ist. Ergänzend können bei aktiv gesteuerten Portfolios mit vertraglich legitimierten Instrumenten auch Absicherungsstrategien helfen, Brutto‑Exposure und Netto‑Risiko zu entkoppeln. In Phasen besonders hohen Angebots erlauben CDS‑Overlays oder Indexderivate, Neuemissionsprämien mitzunehmen, während das Netto‑Kreditrisiko nahe dem Zielniveau bleibt.
Korrelationen im Tech‑ und Infrastruktur‑Bucket prüfen
Gerade im Tech‑nahen IG‑Segment zeigen sich diese Mechanismen bereits: steigende Nutzung von Einzelnamen‑CDS, Spread‑Dispersion zwischen Top‑Credits und dem übrigen Sektor und eine deutlichere Staffelung der Bewertungen entlang von Verschuldungsgrad und Free‑Cashflow‑Deckung. Daneben gewinnen Governance‑Themen und Konzentrationsrisiken an Gewicht. Der AI‑Ausbau bündelt zunehmende Teile des IG‑Exposures in einigen wenigen, global dominanten Plattformkonzernen und deren Infrastruktur‑Ökosystem. Wenn mehrere große Emittenten ähnliche Investitionspfade und Refinanzierungszyklen verfolgen, steigt die Korrelation innerhalb des Tech‑ und Infrastruktur‑Buckets. Bei der Portfoliokonstruktion stellt sich die Frage, wie viel AI-Cluster-Risiko im IG-Mandat tragbar ist – nicht nur aus Spread-, sondern auch aus Reputations- und Governance-Perspektive. Politische Eingriffe und regulatorische Debatten zielen zunehmend direkt auf Corporate-Governance-Strukturen, Wettbewerbspolitik und Datenschutz. Für Kreditinvestoren ist weniger die Schlagzeile entscheidend als die Mechanik dahinter: Auflagen oder strukturelle Änderungen in Geschäftsmodellen können mittelbar Cashflows und Refinanzierungsbedingungen beeinflussen. In einem Markt mit dünner Risikoprämie werden solche Event-Risiken wieder stärker in der Kreditbewertung verhandelt.
Investment Grade bleibt ein Kernbaustein stabiler Portfolios, verlangt aktuell aber deutlich mehr Selektionsdisziplin: Abweichungen von Indexgewichtungen, also aktives Management oder ein bewusster Tracking-Error, werden den Akteuren aufgezwungen – ein Grund mehr, das Management bestmöglich zu professionalisieren. Neuemissionen aus AI-nahen Sektoren sollten entlang von Spread-Aufschlag, Capex-Deckung, Covenants, Refinanzierungsprofil und Governance geprüft werden. Cluster in Tech, Infrastruktur und Versorgern lassen sich über Limits, Stresstests und Szenarien steuern. Der AI-Zyklus dürfte die Anleihemärkte über Jahre mit Material und attraktiven Kupons versorgen; Mehrertrag entsteht dabei weniger über den Index als über Emittentenauswahl, Liquidität und Primärmarktmanagement.