Der demografische Wandel verändert jedoch nicht nur die Rentenphase. Er verschiebt auch die Fragen rund um Vermögensweitergabe. Wenn Menschen länger leben, werden Erbschaften häufig später übertragen. Gleichzeitig wird die Zahl potenzieller Erben kleiner oder es gibt gar keine direkten Nachkommen.
Damit rücken Vererben und Schenken näher an die Altersvorsorge heran. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wie Vermögen aufgebaut wird. Es geht auch darum, wann, an wen und in welcher Form es übertragen werden soll. Soll Vermögen schon zu Lebzeiten verschenkt werden? Wie bleibt gleichzeitig genügend Liquidität für Pflege, Gesundheit und Lebenshaltung erhalten? Welche Rolle spielen Immobilien, Depots, Rentenversicherungen oder Einmalanlagen?
Für Vermittler entsteht daraus ein erweitertes Beratungsfeld. Wer Kunden in der Ruhestandsphase begleitet, muss nicht nur die Einkommenssituation analysieren, sondern auch familiäre Konstellationen, Vermögensstruktur und Nachfolgeziele berücksichtigen. Altersvorsorge wird damit zunehmend zur Generationen- und Vermögensplanung.
Beratung muss mehr leisten als Produkterklärung
Wenn die gesetzliche Rente nur noch die Basis bildet, steigt der Bedarf an privater Orientierung. Gleichzeitig kommen Kunden informierter in Beratungsgespräche. Sie recherchieren online, nutzen Vergleichsportale und werden künftig verstärkt KI-Systeme befragen. Dadurch verändert sich die Rolle des Beraters.
Wald sagt dazu: „Der Kunde tut bereits Google fragen. Und in Zukunft wird er zwischen dem ersten und zweiten Termin auch KI-Software fragen.“ Für Berater bedeutet das: Reines Fachwissen reicht nicht mehr aus. Kunden bringen Vorinformationen mit, aber nicht zwingend Einordnung. Genau hier sieht Wald die neue Beratungsleistung: „Das heißt, man muss nicht mehr nur das Hartwissen haben, eigene Lösungen zu erklären, man muss Lösungen einordnen können.“
Das gilt besonders für Altersvorsorgekonzepte. Denn die passende Lösung hängt nicht nur von Renditeerwartungen ab, sondern von vielen persönlichen Faktoren: Alter, Einkommen, vorhandenes Vermögen, Risikoneigung, Gesundheitszustand, Familienstruktur, Immobilienbesitz, gewünschter Lebensstandard und Nachfolgeziele. Standardantworten werden dieser Komplexität kaum gerecht.
Gerade deshalb kann persönliche Beratung an Bedeutung gewinnen. Denn je länger Ruhestandsphasen werden und je stärker private Vorsorge den Lebensstandard sichern muss, desto größer wird der Bedarf an Einordnung.
Die Branche muss Altersvorsorge weiterdenken
Die Aussage des Bundeskanzlers macht politisch sichtbar, was fachlich längst absehbar ist: Die gesetzliche Rente bleibt ein Fundament, aber sie wird den Lebensstandard vieler Menschen nicht allein sichern können. Zusätzliche kapitalgedeckte Vorsorge wird damit wichtiger, in der betrieblichen ebenso wie in der privaten Altersvorsorge.
Für Versicherer und Vermittler entsteht daraus eine doppelte Aufgabe. Sie müssen weiterhin beim Vermögensaufbau unterstützen. Aber sie müssen zugleich Antworten für die Zeit danach liefern: Wie wird aus angespartem Kapital ein verlässliches Einkommen? Wie lässt sich Langlebigkeit absichern? Wie kann Kapital flexibel genutzt werden? Und wie werden Vererben und Schenken sinnvoll in die Ruhestandsplanung integriert?
Die Zukunft der Altersvorsorge liegt deshalb nicht allein im Sparen. Sie liegt im Zusammenspiel von Ansparen, Entsparen, Absichern und Weitergeben. Wer länger lebt, braucht länger Einkommen. Wer weniger oder keine Nachkommen hat, muss bewusster über Vermögensübertragung entscheiden. Und wer seinen Lebensstandard halten will, wird zusätzliche Vorsorge brauchen.
Die entscheidende Frage lautet künftig nicht mehr nur: Wie viel muss ich bis zur Rente sparen? Sondern: Wie gestalte ich 25 oder 30 Jahre Ruhestand finanziell so, dass Einkommen, Sicherheit, Flexibilität und Vermögensweitergabe zusammenpassen?
Das vollständige Gespräch mit Dr. Matthias Wald können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.