Insurtechs: Profitabilität schlägt Wachstum

Quelle: ChatGPT

Investoren achten bei Insurtechs nicht mehr primär auf Wachstum und Reichweite, sondern auf Profitabilität, Schadenquoten und operative Relevanz. Für viele digitale Versicherungsanbieter beginnt damit eine neue Phase der Marktbereinigung.

Die goldenen Zeiten des reinen Wachstums um jeden Preis scheinen im Insurtech-Markt vorbei zu sein. Investoren und strategische Käufer bewerten digitale Versicherungsanbieter inzwischen deutlich kritischer und richten ihren Fokus stärker auf Profitabilität, Kapitalbedarf und operative Belastbarkeit der Geschäftsmodelle. „Der Markt ist nicht ernüchtert, sondern gereift“, erklärt Thorsten Hackspiel, Managing Partner der M&A-Beratung ox8 Corporate Finance. Technologie allein reiche heute nicht mehr aus. Entscheidend sei vielmehr, „die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Versicherungsgeschäfts“. Damit verändern sich die Rahmenbedingungen für Finanzierungen und Übernahmen im digitalen Versicherungsmarkt grundlegend.

Während Insurtechs in der Boomphase häufig wie klassische Softwareunternehmen bewertet wurden, verschiebt sich die Perspektive nun deutlich. Wachstum, Nutzerzahlen und Skalierungsfantasien verlieren an Bedeutung. Stattdessen rücken versicherungstechnische Kennzahlen wie Profitabilität, Combined Ratio, Schadenquote und Kapitalbedarf in den Mittelpunkt.

„Wer eigenes Versicherungsrisiko übernimmt, wird heute an völlig anderen Maßstäben gemessen als ein B2B-Softwareanbieter ohne Bilanzrisiko“, sagt Hackspiel. Besonders operative Profitabilität gewinne massiv an Bedeutung. „Die EBITDA-Marge ist inzwischen häufig wichtiger als reines Umsatzwachstum.“

Vor allem risikotragende Digitalversicherer geraten dadurch zunehmend unter Druck. Anbieter mit hohen Vertriebskosten, eigener Bilanz und geringer operativer Differenzierung hätten es im aktuellen Marktumfeld deutlich schwerer. Gleichzeitig profitieren Unternehmen, die Versicherern konkrete Effizienzgewinne liefern. Sei es etwa durch Lösungen für Schadenbearbeitung, Underwriting, Betrugserkennung oder Prozessautomatisierung.

Auch Embedded-Insurance-Modelle gelten derzeit als vergleichsweise robust. Dabei werden Versicherungen direkt in digitale Kaufprozesse integriert. Solche Modelle überzeugen Investoren vor allem dann, wenn sie sich tief in bestehende Versicherungsprozesse einfügen und dadurch hohe Wechselkosten sowie nachhaltige Kundenbindungen schaffen. „Die spannendsten Transaktionen entstehen dort, wo ein Anbieter für Versicherer operativ unverzichtbar wird“, betont Hackspiel. Entscheidend sei nicht mehr allein die technologische Idee, sondern der konkrete Mehrwert innerhalb der Versicherungswertschöpfung.

Die veränderten Marktbedingungen erhöhen gleichzeitig den Druck auf Gründerteams. Viele Unternehmen würden zu spät beginnen, sich auf Finanzierungsrunden oder Verkaufsprozesse vorzubereiten. „Transaktionsfähigkeit entsteht nicht erst im Verkaufsprozess. Sie entsteht Monate vorher – durch belastbare Zahlen, eine nachvollziehbare Risikologik und eine klare strategische Positionierung“, mahnt der M&A-Experte.

Dabei verändert sich auch die Struktur potenzieller Käufer. Neben klassischen Finanzinvestoren treten zunehmend etablierte Versicherer, Rückversicherer, Softwareplattformen oder spezialisierte Dienstleister als Käufer auf. Sie suchen gezielt nach Technologien und Kompetenzen, um operative Prozesse effizienter zu gestalten und Risiken besser zu steuern. Damit könnte der Markt vor einer weiteren Konsolidierungsphase stehen. Zuletzt hatten sich viele Insurtechs von Disruptoren zu Technologie- und Infrastrukturpartnern etablierter Versicherer entwickelt. „Der Markt selektiert nicht nach Technologieversprechen, sondern nach wirtschaftlicher Relevanz innerhalb der Versicherungswertschöpfung“, fasst Hackspiel zusammen. „2026 markiert keinen Rückzug aus dem Insurtech-Markt, sondern den Übergang in eine Phase professioneller, tragfähiger Geschäftsmodelle.“