Die Fusion von Helvetia und Baloise ist weit mehr als ein Integrationsprojekt. Für Fabian Rupprecht soll sie der Ausgangspunkt für die „Insurance of the Future“ werden. Statt Zukunftsthemen einzufrieren, setzt der Konzern parallel auf KI, Datenstrategie und ein verbessertes Kundenerlebnis. Warum für dabei Tempo wichtiger als Perfektion ist und kulturelle Integration zur Führungsaufgabe wird, erläutert der CEO der Versicherungsgruppe Helvetia Baloise im Interview und als Speaker bei der insureNXT.
Herr Rupprecht, viele Versicherer frieren Zukunftsthemen während Integrationsphasen ein. Welche strategischen Entscheidungen haben Sie bei Helvetia Baloise bewusst parallel zur Integration getroffen, um die „Insurance of the Future“ aktiv zu gestalten - und welche Lektionen würden Sie anderen C-Level-Verantwortlichen weitergeben?
Fabian Rupprecht: Für uns hatte die Integration von Beginn an Priorität 1 – mit klarem Fokus auf die Geschwindigkeit der Umsetzung. Eine Fusion dieser Größenordnung darf sich nicht nach innen verlangsamen, sonst bindet sie zu viel Energie. Gleichzeitig war klar: Diese Fusion ist mehr als die reine Harmonisierung von Synergien und Prozessen. Integration und Zukunftsgestaltung sind kein Entweder -oder, sondern ein bewusstes Sowohl-als-auch. Strategie und Vision wurden daher parallel zur Integration weiterentwickelt. Ziel ist nicht ein integriertes Gestern, sondern die Versicherung der Zukunft. Die Gruppenstrategie ist der Leitstern der Integration. Zentrale Elemente sind technische Exzellenz sowie Data und AI als Hebel für Qualität, Effizienz und neue Services. Auch das Kundenerlebnis ist ein klarer Maßstab – Integration ist nur dann erfolgreich, wenn Leistungen und Produkte für Kundinnen und Kunden spürbar besser werden. Die wichtigste Lektion: PMI ist ein Leadership-Projekt - Tempo schlägt Perfektion.
Mit der Fusion starten nun Produkt- und Prozessharmonisierung sowie Synergien. Welche Best Practices haben sich bewährt, um Synergien messbar zu realisieren, ohne Innovationsfähigkeit und Kundenzentrierung zu verlieren?
Fabian Rupprecht: Synergien sind für uns keine Option, sondern eine Verpflichtung. Glaubwürdigkeit entsteht nur, wenn kommunizierte Synergieziele konsequent umgesetzt werden. Das erfordert klare Verantwortlichkeiten, messbare KPIs, verbindliche Meilensteine und ein stringentes Tracking. Gleichzeitig gilt: Effizienz darf nicht auf Kosten von Innovationsfähigkeit oder Kundenzentrierung gehen. Synergien realisieren wir dort, wo Kundinnen und Kunden keine Nachteile spüren – idealerweise sogar Vorteile. Innovation, insbesondere durch Data und AI, setzen wir gezielt ein, um Prozesse nicht nur schlanker, sondern vor allem besser zu machen. Zielkonflikte lassen sich nicht immer vermeiden. Unsere Leitlinie ist klar: Im Zweifel gewinnt der Kunde. Unser gemeinsamer, frühzeitig definierter Purpose „We stand with you when it matters“ dient dabei als verlässlicher Entscheidungsrahmen.
Die Fusion vereint zwei traditionsreiche Unternehmen mit unterschiedlichen Kulturen. Welche Führungs- oder Governance-Prinzipien haben sich als entscheidend erwiesen, um kulturelle Integration aktiv zu steuern, und wie erkennen Sie, ob kulturelle Reibungen produktiv genutzt werden können?
Die kulturellen Werte der beiden Unternehmen waren sich – auch aufgrund der Historie - von Anfang an sehr nahe, vorab beim Kundenfokus. Das zeigten auch Analysen im Vorfeld der Fusion und diese Einschätzung hat sich in der Praxis bestätigt. Ein entscheidender Erfolgsfaktor war die frühe Definition von Purpose und Values, die Orientierung in einer Phase des Wandels geben. Der gemeinsame Purpose sowie die Werte Drive, Closeness und Trust beschreiben klar, wie Zusammenarbeit und Entscheidungen gestaltet werden sollen. Aus Governance-Sicht gilt: Governance schafft Klarheit – Führung schafft Verbindung. Kulturelle Integration ist daher Chefsache und fest auf der CEO- und der Agenda des Group Executive Boards verankert. Transparenz, Dialog und sichtbare Führung sind zentrale Instrumente für eine erfolgreiche Zusammenführung. Produktive Reibung wird bewusst zugelassen, solange Diskussionen inhaltlich hart, persönlich respektvoll und am gemeinsamen Purpose ausgerichtet sind.