Lediglich zehn Prozent der Schaden- und Unfallversicher setzen KI erfolgreich ein. Der Großteil der Branche steckt weiterhin in Pilotprojekten fest.
Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz entwickelt sich in der Schaden- und Unfallversicherung zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Doch die Branche ist gespalten. Während eine kleine Gruppe von Versicherern KI bereits erfolgreich in ihre Geschäftsmodelle integriert hat, verharren viele Wettbewerber in frühen Entwicklungsphasen.
Aktuell setzen nur rund zehn Prozent der Versicherer KI so ein, dass daraus ein messbarer Wettbewerbsvorteil entsteht. Der Großteil hingegen kämpft damit, konkrete Ergebnisse zu erzielen. Ein zentrales Problem ist das Fehlen klarer Kennzahlen. 42 Prozent der Unternehmen erfassen nicht einmal systematisch, welche Effekte ihre KI-Initiativen haben. Ohne diese Grundlage bleibt der Fortschritt schwer messbar. Überdies stecken viele Projekte in der Erkundungsphase fest.
Dabei zeigt sich deutlich, dass technologische Investitionen allein nicht ausreichen. „Die Versicherungsbranche steht vor ihrem Moment der Wahrheit: Die Vorreiter liefern den Beweis dafür, dass sich KI zu einem echten Wettbewerbsvorteil entwickelt“, erklärt Joachim Rawolle, Leiter Versicherungen bei Capgemini in Deutschland. Entscheidend sei jedoch, dass KI von Anfang an strategisch verankert wird. „Während viele Versicherer noch mit den üblichen technischen und kulturellen Hürden kämpfen, sind die Vorteile inzwischen glasklar. Durch die Stärkung der Datengrundlagen, klare Zuständigkeiten und Investitionen in Mitarbeiter und Governance können Versicherer über Pilotprojekte hinausgehen. Der Fokus liegt nun auf organisatorischer Disziplin, um die Wirkung von KI im gesamten Unternehmen nachhaltig sicherzustellen.“
Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Die sogenannten Vorreiter verstehen KI nicht als isoliertes Tool, sondern als integralen Bestandteil ihrer Wertschöpfung. Sie verbinden Technologie, Organisation und Personalentwicklung konsequent miteinander und erzielen damit messbare Ergebnisse, etwa beim Umsatzwachstum oder der Marktbewertung. Diese Versicherer werden als „intelligence trailblazers“ bezeichnet und erzielen über einen Zeitraum von drei Jahren ein bis zu 21 Prozent höheres Umsatzwachstum sowie einen Anstieg des Aktienkurses um etwa 51 Prozent.
In der Breite der Branche zeigt sich hingegen ein strukturelles Problem. Versicherer investieren zwar massiv in Technologie und Infrastruktur, vernachlässigen jedoch häufig die organisatorische Umsetzung. Der Großteil der Mittel fließt in technische Lösungen (72 Prozent), während Themen wie Change Management, Schulung und Governance deutlich unterrepräsentiert bleiben (28 Prozent). Die Folge ist ein sogenannter „Architektur-Mismatch“. Die technologischen Möglichkeiten wachsen schneller als die Fähigkeit der Unternehmen, diese sinnvoll zu integrieren. KI bleibt damit oft ein isoliertes Experiment statt eines echten Produktivitätsfaktors.
Ein weiteres Hindernis ist die fehlende Klarheit über den wirtschaftlichen Nutzen. Mehr als die Hälfte der Versicherer kann den Return on Investment ihrer KI-Projekte nicht beziffern. Gleichzeitig ist in vielen Unternehmen unklar, wer überhaupt die Verantwortung für KI-Initiativen trägt. Diese Unschärfe hat direkte Auswirkungen auf den Alltag. Trotz verfügbarer Tools berichten fast die Hälfte der Mitarbeiter (47 Prozent), dass sich ihre Arbeitsweise auch nach 18 Monaten Nutzung kaum verändert hat. Der Mangel an Fachkompetenzen verstärkt dieses Problem zusätzlich.
Dabei liegt genau hier der Schlüssel für die Zukunft der Branche. KI entfaltet ihren Nutzen nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit menschlicher Expertise. Während Algorithmen Routineaufgaben automatisieren, bleiben komplexe Entscheidungen weiterhin Aufgabe qualifizierter Fachkräfte. Fast die Hälfte (49 Prozent) der Arbeitszeit entfällt so auf die teamübergreifende Zusammenarbeit, doch die meisten KI-Tools arbeiten nach wie vor auf der Ebene einzelner Aufgaben. Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, müssen Versicherer ihre Organisation neu ausrichten. Es geht darum, KI fest in Prozesse, Entscheidungsstrukturen und die tägliche Zusammenarbeit zu integrieren. Gleichzeitig sind belastbare Datenstrukturen und ein klarer strategischer Rahmen erforderlich.
Nachholbedarf gibt es auch bei der Datenbereitschaft. Denn nur 12 Prozent der Versicherer geben an, einen sehr hohen Reifegrad zu haben. Dabei sind die Unternehmen stark auf diese Daten angewiesen, die bisher nur unstrukturiert vorliegen. Zudem besteht weiterhin eine wachsende Vertrauenslücke. 43 Prozent der Mitarbeiter nennen die Arbeitsplatzsicherheit ihr größtes Anliegen und nur 14 Prozent der Mitarbeiter haben eine „sehr klare“ Vorstellung davon, wie KI in ihre Arbeit passt.
Der Wettbewerb verschiebt sich zunehmend zugunsten derjenigen, die KI konsequent einsetzen und organisatorisch verankern. Für alle anderen wächst der Druck, den Rückstand aufzuholen. Die eigentliche Herausforderung liegt dabei weniger in der Technologie selbst, sondern in ihrer Umsetzung. Denn nicht die beste KI entscheidet, sondern die Fähigkeit, sie wirksam ins Unternehmen zu integrieren.