Die Deutschen haben klare Vorstellungen vom Leben im Ruhestand. Im Schnitt wünschen sie sich 78 Prozent ihres heutigen Nettoeinkommens im Alter. Die gesetzliche Rente allein wird jedoch für viele nicht reichen.
Wie viel Geld Menschen im Alter tatsächlich brauchen, ist eine zentrale Frage der Rentendebatte. Eine repräsentative Befragung von mehr als 4.200 Erwerbstätigen durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) liefert nun eine deutliche Antwort. Im Durchschnitt wünschen sich die Deutschen ein Alterseinkommen in Höhe von 78 Prozent ihres heutigen Nettoeinkommens.
„Im Durchschnitt wünschen sich die Deutschen ein Alterseinkommen, das 78 Prozent ihres derzeitigen Nettoeinkommens entspricht. Den Mindestbedarf, um über die Runden zu kommen, sehen sie im Durchschnitt bei 58 Prozent“, sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen.
Zwischen dem, was Menschen als notwendig ansehen, und dem gewünschten Lebensstandard im Ruhestand liegt damit eine Lücke von rund 20 Prozentpunkten. Für die Altersvorsorge bedeutet das: Wer mehr als nur das Existenzminimum absichern will, muss zusätzlich vorsorgen.
Bemerkenswert ist auch die Spannbreite der Erwartungen. Knapp ein Drittel der Befragten hält ein Versorgungsniveau von 50 Prozent oder weniger für ausreichend. Eine ähnlich große Gruppe strebt dagegen 100 Prozent oder mehr des heutigen Einkommens im Ruhestand an. Die Ergebnisse unterscheiden sich von klassischen Meinungsumfragen. Statt einfache Wunschwerte abzufragen, wurden konkrete Entscheidungssituationen simuliert. Die Teilnehmer mussten zwischen höherem Konsum heute und mehr Einkommen im Alter abwägen.
„Jede Option hatte einen Preis“, erklärt Peter Haan, einer der Autoren des Gutachtens. Dadurch werde deutlich, dass die 78 Prozent nicht bloß Wunschdenken seien. „Wer mehr im Alter haben will, muss heute weniger ausgeben“, so Haan.
Die Studie macht zugleich deutlich, dass die gesetzliche Rente allein für viele Erwerbstätige kaum ausreichen dürfte, um den gewünschten Lebensstandard zu sichern. Wer im Alter höhere Wohn- oder Pflegekosten erwartet, plant zudem mit einem höheren Einkommen im Ruhestand. Im Schnitt wird mit zwei bis vier Prozentpunkten höheren Kosten gerechnet. Besonders Mieter befürchten einen größeren Finanzbedarf als Eigentümer.
Trotz zusätzlicher Vorsorge bleibt die Unsicherheit groß. Selbst unter Menschen mit privater und betrieblicher Vorsorge glaubt nur rund ein Drittel, das gewünschte Versorgungsniveau tatsächlich zu erreichen. Bei Personen ohne Zusatzvorsorge liegt dieser Wert sogar nur bei 14 Prozent. Gleichzeitig zeigen sich viele bereit, selbst aktiv zu werden. Rund zwei Drittel der Befragten wollen mehr Eigenverantwortung für ihre Altersvorsorge übernehmen. Nur fünf Prozent lehnen dies klar ab.
Besonders kritisch bleibt die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung. Nach Schätzungen der Bundesregierung verfügen knapp 40 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weder über eine Betriebsrente noch über eine Riester-Rente. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Vorstellungen der Menschen über ihr Einkommen im Alter weit auseinander gehen. Aber sie machen auch deutlich, dass die gesetzliche Rente allein für viele nicht ausreichen wird. Entscheidend ist jetzt, die ergänzende Vorsorge stärker in die Breite zu bringen“, sagt Asmussen.
Aus den Studienergebnissen leitet der Versichererverband vier konkrete Reformforderungen ab. Erstens soll die geplante Kennzahl für das Gesamtversorgungsniveau realistischer werden und sämtliche Einkommensquellen im Alter erfassen. Denn ein ehrlicher Maßstab für die Lebensstandardsicherung könne nur aufgezeigt werden, wenn die Kennzahl die gesetzliche Rente, Betriebsrente und private Vorsorge abdecke. Zudem sollen ausdrücklich auch Menschen ohne zusätzliche Vorsorge berücksichtigt werden, damit Versorgungslücken sichtbar werden.
Zweitens fordert der Verband mehr Verbindlichkeit bei der betrieblichen Altersversorgung. Beschäftigte sollen automatisch in eine Betriebsrente einbezogen werden können, mit der Möglichkeit zum Widerspruch (Opt-out). Das könnte die Verbreitung deutlich erhöhen. Drittens spricht sich der GDV für ein standardisiertes Basisprodukt für kleine und mittlere Unternehmen aus: digital organisiert, einfach verwaltbar und bei Jobwechsel übertragbar. Damit sollen auch kleinere Arbeitgeber ohne großen Verwaltungsaufwand Betriebsrenten anbieten können. Viertens soll die Förderung von Geringverdienenden gezielt ausgebaut werden. Gerade Haushalte mit niedrigeren Einkommen benötigen laut Studie ein höheres Absicherungsniveau, haben aber oft den geringsten finanziellen Spielraum für zusätzliche Vorsorge.