RheinLand-Vorstand: 'KI macht Unterschiede im Versicherungsmarkt schonungslos sichtbar'

Quelle: RheinLand Versicherungsgruppe

Der Veränderungsdruck auf Versicherer wächst spürbar. Künstliche Intelligenz, Regulierung und steigende Investitionskosten treffen gleichzeitig aufeinander. Warum der Markt selektiver wird und klare Prioritäten jetzt über Erfolg entscheiden, erklärt Arne Barinka, Vorstandsmitglied der RheinLand Versicherungsgruppe. Überdies verrät der stellvertretende Vorstandsvorsitzende vom InsurLab Germany, warum ein Besuch auf der insureNXT ein absolutes Muss ist.

Herr Dr. Barinka, der Versicherungsmarkt steht aktuell unter starkem Veränderungsdruck. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Kräfte, die die Spielregeln gerade neu definieren?

Der Druck entsteht aktuell aus mehreren Richtungen gleichzeitig: Steigende regulatorische Anforderungen, technologische Sprünge mit entsprechendem Investitionsbedarf und ein Wettbewerb, der sich innerhalb der Branche deutlich verschärft. Das alles in einer unsicheren, volatilen globalen Lage.

Viele dieser Themen begleiten die Branche schon länger. Neu ist, dass sie gleichzeitig wirken und sich gegenseitig verstärken. Dadurch werden Entscheidungen anspruchsvoller, weil sich Auswirkungen schneller zeigen und Korrekturen mehr Zeit und Ressourcen binden. Das erhöht auch die Anforderungen an die Steuerung innerhalb der Unternehmen. Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden, gleichzeitig steigt der Druck, schneller wirksam zu werden.

In der Praxis rückt damit eine sehr grundlegende Frage in den Mittelpunkt: Wofür setzt man seine begrenzten Mittel ein? Es geht weniger um die Anzahl der Initiativen als um deren Wirkung. Wer zu viele Themen parallel verfolgt, verliert an Geschwindigkeit und Klarheit – und damit am Ende auch an Wirkung.

Künstliche Intelligenz verändert viele Branchen grundlegend. Wie konkret verschiebt KI heute schon die Wettbewerbsdynamik im Versicherungsmarkt?

Künstliche Intelligenz wirkt vor allem über ihre ökonomische Logik. Sie ermöglicht – zumindest in der Theorie – Effizienzgewinne in großem Maßstab, setzt aber gleichzeitig Daten, Volumen und entsprechende Fähigkeiten voraus.

Man sieht bereits heute, dass sich Unterschiede zwischen Unternehmen schneller zeigen. Wer diese Voraussetzungen mitbringt, kann Prozesse beschleunigen und Kostenstrukturen verändern. Andere geraten spürbar unter Druck, weil sie diese Effekte nur eingeschränkt nutzen können.

Hinzu kommt, dass der Einsatz von KI immer Investitionen und regulatorische Anforderungen mit sich bringt. Das begrenzt die Geschwindigkeit, mit der sich Themen umsetzen lassen. In Summe verschiebt sich der Wettbewerb über Kosten, Tempo und Qualität. KI verstärkt damit bestehende Unterschiede im Markt und macht sie darüber hinaus schonungslos sichtbar. Gerade deshalb entscheidet sich der Nutzen von künstlicher Intelligenz weniger an einzelnen Anwendungsfällen, sondern daran, wie konsequent sie in bestehende Abläufe integriert wird.

Auch die kulturellen Effekte, also einerseits Change-Aufgabe und andererseits die Wirkung auf die Lebensrealitäten in unseren Unternehmen, darf man dabei nicht unterschätzen.

Gleichzeitig gewinnen Skaleneffekte und Plattformmodelle an Bedeutung. Welche Auswirkungen hat das auf kleinere und mittelgroße Versicherer?

Skaleneffekte werden wichtiger, weil viele Entwicklungen mit hohen und teilweise fixen Kosten verbunden sind. Technologie, Dateninfrastruktur und regulatorische Anforderungen entstehen weitgehend unabhängig von der Unternehmensgröße.

Für kleinere und mittelgroße Versicherer ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Sie müssen sehr gezielt festlegen, wo sie investieren. Es wird nicht möglich sein, alle Themen parallel zu bespielen. Das betrifft nicht nur technologische Fragestellungen, sondern ebenso organisatorische und regulatorische Anforderungen, die unabhängig von der Größe umgesetzt werden müssen.

Ein Teil dieser Kosten lässt sich nicht flexibilisieren. Das erhöht den Druck, sich zu fokussieren und Prioritäten vorausschauend zu setzen. Wer seine Stärken kennt und konsequent nutzt, kann sich behaupten. Wer versucht, alles abzudecken, verliert an Profil.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich der Markt stärker in Richtung weniger großer Anbieter konzentriert – oder entstehen gerade neue Chancen für spezialisierte Player?

Der Markt wird selektiver. In Bereichen, in denen Skaleneffekte entscheidend sind, wird es zu einer stärkeren Konzentration kommen. Parallel dazu entstehen Chancen für Anbieter, die sich klar spezialisieren und in bestimmten Segmenten einen erkennbaren Mehrwert liefern – die Nische kann eine gute strategische Position sein. Gerade weil der Markt komplexer wird, steigt die Bedeutung klarer Profile.

Was sich noch immer spürbar verändert, ist die Geschwindigkeit. Unterschiede zwischen den Anbietern werden immer schneller sichtbar. Wer an den relevanten Stellen präsent ist, wird stärker nachgefragt. Andere verlieren an Sichtbarkeit und damit an Bedeutung – unabhängig von Größe oder Marke. Diese Entwicklung verläuft schrittweise, führt aber in der Summe zu einer deutlichen Verschiebung im Wettbewerb.

Wie verändern sich durch diese Entwicklungen die klassischen Geschäftsmodelle von Versicherern?

Ich denke, es ist zunächst fair anzumerken, dass schon die heutigen Geschäftsmodelle der Branche an vielen Stellen nicht mehr die klassischen sind, sondern bereits Veränderungen durch und Anpassungen an technische und gesellschaftliche Gegebenheiten erfahren haben.

Aber die Stabilität von Geschäftsmodellen über die Zeit sinkt weiter, weil sich zentrale Rahmenbedingungen immer schneller verschieben. Wertschöpfung verteilt sich anders, Kundenzugänge verändern sich und technologische Möglichkeiten erweitern den Handlungsspielraum – das alles mit immer weiter steigender Dynamik.

Das wird bereits heute sichtbar. Einzelne Teile der Wertschöpfung werden getrennt betrachtet und unterschiedlich besetzt. Versicherer bilden bestimmte Leistungen über Kooperationen ab oder binden externe Partner ein. Die durchgängige Wertschöpfung im eigenen Haus wird zur Ausnahme. Das erfordert auch intern eine andere Form der Steuerung, weil unterschiedliche Teile des Geschäfts zunehmend eigenständig bewertet und weiterentwickelt werden.

Die insureNXT bringt Versicherer, Start-ups und Technologieanbieter zusammen. Welche Bedeutung haben solche Veranstaltungen für Innovationen und die Branche?

Formate wie die insureNXT zeigen sehr klar, welche Themen im Markt aktuell an Dynamik gewinnen, wo sich neue Schwerpunkte entwickeln und welche Positionierungen es dazu gibt.
Der eigentliche Mehrwert entsteht im nächsten Schritt. Es geht darum, diese Entwicklungen einzuordnen und daraus Konsequenzen für das eigene Unternehmen abzuleiten. Im InsurLab Germany setzen wir genau dort an und bringen Unternehmen strukturiert zusammen, um diese Themen so aufzubereiten, dass daraus konkrete strategische Entscheidungen in den Häusern entstehen können. Es geht also darum, Entwicklungen nicht nur zu sehen, sondern sie in Handlungsfähigkeit zu übersetzen. Daraus lassen sich dann meist konkrete nächste Schritte für die Praxis ableiten. Nicht nur für nebulöse Zukunftsthemen, sondern auch für ganz konkrete Transformationsherausforderungen der Branche.

Worauf freuen Sie sich persönlich bei der insureNXT besonders?

Ich freue mich vor allem darauf, einen Überblick darüber zu bekommen, welche Themen aktuell die Branche umtreiben und wie sich der Markt entwickelt. Neben klaren Informationen und Positionen geht es mir persönlich auch darum, im direkten Austausch mit Kollegen auch weniger klare Themen auszuloten und die Energie dahinter zu erspüren.

Im Nachgang zur Messe werden wir aus diesen Impulsen ableiten, welche Entwicklungen für uns relevant und tragfähig sind – und welche zumindest für uns nicht. Diese Unterscheidung hilft, die eigenen Schwerpunkte klarer zu setzen. Gerade dieses Mehr an Klarheit ist für mich der eigentliche Mehrwert solcher Branchentreffen.