Value Investing in unruhigen Märkten: Wie Substanz wieder zum Maßstab wird

Quelle: Lingohr & Partner Asset Management

Volatilität ist zurück, und sie bleibt voraussichtlich länger ein Teil des Alltags an den Märkten. Viele Bewegungen entstehen aus Risikoreduktion, Liquiditätseffekten und schnellen Stimmungswechseln, während Unternehmenszahlen in den Hintergrund rücken. In solchen Phasen gewinnt mit Value Investing eine Technik wieder an Bedeutung, die Bewertung und Bilanz in den Mittelpunkt stellt, betont Harald Sporleder, Chief Investment Officer der Value-Boutique Lingohr Asset Management.

Die immer wieder volatile Lage an den Kapitalmärkten ist nicht aus einem einzelnen Schock erklärbar. Zinsen sind höher als in der langen Nullzinsphase, geopolitische Ereignisse verändern Energiepreise und Risikoprämien, Technologieinvestitionen verschieben Kostenstrukturen und Wettbewerbspositionen. Diese Gemengelage erzeugt stärkere Kursschwankungen und vor allem eine größere Streuung zwischen Unternehmen, die operativ liefern, und Unternehmen, die vor allem über Erwartungen bewertet werden. Value Investing wirkt in diesem Umfeld vor allem als Disziplin: Ein Kurs kann fallen, ohne dass die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines Unternehmens beschädigt ist. Ein Kurs kann ebenso steigen, obwohl die Ertragsbasis die Erwartungen nicht trägt. Wer Kundenportfolios verantwortet, muss diese Differenzierung aushalten und plausibel erklären können. Genau an dieser Stelle hilft eine Bewertungssystematik, die mit belastbaren Größen arbeitet, statt Stimmungsbilder zu verlängern.

Value-Prozess nimmt Übertreibungen zur Kenntnis

Der Kern ist die Beziehung zwischen Preis und Ertragskraft. Der „innere Wert“ ist dabei keine Chiffre, sondern das Ergebnis einer Rechnung, die Annahmen offenlegt: Welche Cashflows sind realistisch, wie stabil sind Margen, welche Investitionen sind notwendig, wie teuer ist das Kapital, wie groß ist der Spielraum in der Bilanz. Aus dieser Sicht wird eine Aktie nicht deswegen interessant, weil sie „günstig aussieht“, sondern weil der Marktpreis einen Abschlag enthält, der sich unter plausiblen Annahmen nicht rechtfertigen lässt. Diese Logik ist besonders hilfreich, wenn der Markt in kurzen Abständen zwischen Risikoappetit und Risikoaversion kippt. Volatilität bekommt dadurch eine andere Bedeutung. Schwankungen sind dann kein bloßes Störgeräusch, sie eröffnen Gelegenheiten, weil Preise zeitweise stärker von Positionierung, Indexflüssen oder Liquiditätsbedarf geprägt werden als von Unternehmensentwicklung. In solchen Momenten werden ganze Sektoren pauschal abgestraft oder euphorisch aufgewertet. Ein Value-Prozess nimmt diese Übertreibungen zur Kenntnis und prüft sie gegen Bilanz, Ertragsqualität und Wettbewerbsposition. Das ist keine Garantie für sofortige Kursreaktionen, sondern eine Methode, die über Zeiträume funktioniert, in denen Bewertungen wieder näher an die wirtschaftliche Realität rücken.

Bewertung darf nicht bereits die ideale Zukunft einpreisen

Im Beratungsalltag entscheidet oft die Qualität der Fundamentalanalyse über den Unterschied zwischen tragfähiger Position und Enttäuschung. Die Bilanz steht dabei weit vorn, weil Refinanzierung und Zinskosten wieder stärker über Handlungsfähigkeit entscheiden. Wer in einem Umfeld höherer Kapitalkosten zu eng finanziert ist, muss schneller Prioritäten setzen und kürzt in Stressphasen zuerst dort, wo es kurzfristig wirkt. Auf der Ertragsseite zählt weniger der einzelne gute Quartalsbericht als die Frage, ob ein Geschäftsmodell über Zyklen hinweg genügend Ergebnisqualität liefert. Preissetzungsmacht, Kundenbindung und die Stabilität der Cashflows sind in unruhigen Märkten regelmäßig wichtiger als ambitionierte Wachstumsversprechen. Hinzu kommt ein Punkt, der seit dem Technologieschub der letzten Jahre im Mittelpunkt steht: Investitionen sind nicht automatisch Wertschöpfung. Viele Unternehmen erhöhen ihre Ausgaben für Technologie, Dateninfrastruktur oder Automatisierung. Das kann die Marktposition stärken, es kann aber auch Kapital binden, ohne dass ein belastbarer Ertragspfad erkennbar wird. Ein Value-Ansatz bewertet solche Programme nicht nach Schlagworten, sondern nach Renditeerwartung und Finanzierbarkeit. Entscheidend ist, ob Investitionen zu höheren freien Cashflows führen oder Risiken so reduzieren, dass die Kapitalbasis langfristig geschont wird.

Value wird dabei häufig vorschnell als „defensiv“ etikettiert. In der Praxis geht es um Preisdisziplin. Dieser Blick erlaubt es, auch in Unternehmen zu investieren, die sich wandeln, sofern Bilanz und Ertragsprofil den Wandel tragen und die Bewertung nicht bereits die ideale Zukunft einpreist. Gerade für Vermittlerinnen und Vermittler ist dieser Punkt wichtig, weil Kundengespräche häufig von großen Technologiethemen dominiert werden. Ein belastbarer Maßstab entsteht dann aus der Übersetzung in betriebswirtschaftliche Größen wie den Investitionsbedarf, die Ertragskraft, die Kapitalbindung oder auch den Bilanzspielraum. Für Portfolios hat der Ansatz auch eine weitere Konsequenz: Bewertungslücken entstehen selten überall gleichzeitig. Wer konsequent nach Preis und Substanz arbeitet, wird automatisch in Phasen investieren, in denen bestimmte Sektoren unpopulär sind, obwohl die Unternehmen solide wirtschaften. Das kann die Abhängigkeit von einzelnen Marktnarrativen reduzieren.

Value-Prozess besteht nicht aus Durchhalteparolen

In der Beratungspraxis entscheidet am Ende oft die Zeitschiene. Value-Strategien liefern selten einen gleichmäßigen Verlauf. Sie leben von Phasen, in denen Abschläge größer werden, und von Phasen, in denen sie sich wieder schließen. Das lässt sich nicht präzise terminieren, es lässt sich aber sauber begründen, wenn die Annahmen klar sind. Kundinnen und Kunden bleiben eher investiert, wenn sie verstehen, welche Kriterien eine Position tragen und welche Beobachtungen eine Neubewertung auslösen würden. Dazu gehört auch, dass ein niedriger Kurs manchmal nicht Übertreibung, sondern Warnsignal ist. Ein seriöser Value-Prozess reagiert darauf mit einer erneuten Prüfung der Grundlagen, nicht mit Durchhalteparolen. Schließlich spielt Liquidität eine größere Rolle als in ruhigen Marktphasen. Value Investing liefert damit die Grundlage für tragfähige Anlageentscheidungen unter Unsicherheit: Preisdisziplin, Bilanzstabilität und Ertragsqualität schaffen eine gemeinsame Sprache für Beratung und Portfoliosteuerung – auch wenn die Märkte kurzfristig häufig andere Dinge eher belohnen.