Warum klassisches Risikomanagement in KI-Zeitalter nicht mehr reicht? Neue Risiken entstehen schneller, unvorhersehbarer und dynamischer als bisherige Steuerungssysteme reagieren können. Unternehmen brauchen deshalb einen neuen Umgang mit Ungewissheit, sagt KI-Consultant Rufus Henneken von Henneken Consulting.
Im ersten Beitrag dieser Serie habe ich argumentiert, dass KI vor allem fehlende Führungsfähigkeit beschleunigt. Heute geht es um eine der teuersten Führungsschwächen im KI-Zeitalter: den falschen Umgang mit Ungewissheit.
Die Antwort auf die Frage des CEOs war: Nein – „ich habe keine Glaskugel“. Die COVID-Pandemie stand auf keiner Risikoliste. Und das Nicht-Vorhersagen war auch nicht das Problem. Das Problem war die Frage selbst – weil sie davon ausgeht, dass gutes Risikomanagement bedeutet, die Zukunft richtig vorherzusagen.
Das tut es nicht. Und im KI-Zeitalter wird dieser Irrtum teurer als je zuvor.
Was klassisches Risikomanagement kann – und was nicht
Risikomanagement ist gut darin, bekannte Risiken zu erfassen, zu bewerten und zu dokumentieren. Risikolisten, Ampelberichte, Jahresreviews – das sind sinnvolle Werkzeuge für eine Welt, in der sich Risiken langsam verändern und weitgehend bekannt sind.
KI verändert diese Welt gerade. Nicht nur weil neue Risiken entstehen – sondern weil sie schneller entstehen, schneller kippen und häufiger aus Richtungen kommen, die niemand vor Augen hatte. Modellrisiken, Datendrift, Governance-Lücken, Bias in automatisierten Entscheidungen – diese Risikoklassen existierten vor fünf Jahren noch nicht in dieser Schärfe.
Munich Res RiskScan 2024 listet KI und Generative AI als Top-Risiko in der Kategorie „Emerging Technologies" – konsistent über fünf Zielsegmente hinweg (Munich Re Tech Trend Radar 2025, S. 30). Das ist kein Beraterbefund. Das ist die Selbsteinschätzung der Branche.
Das Ergebnis: Viele Organisationen betreiben heute Risikomanagement der Vergangenheit in einer Welt der Gegenwart.
Drei Stellen, an denen das System bricht
- Risikolisten erfassen Bekanntes – KI produziert Unbekanntes: Ein Risiko, das noch nie eingetreten ist, taucht in keiner historischen Datenbank auf. KI schafft ständig neue Klassen von Risiken. Wer nur das erfasst, was er kennt, wägt sich zu Unrecht in Sicherheit.
- Ampelberichte belohnen Stabilität: Grün bedeutet: Alles nach Plan. In einer KI-beschleunigten Umgebung ist nach Plan aber selten das Ziel – Adaptivität ist das Ziel. Wer seinen Erfolg daran misst, ob das Projekt nur im Plan liegt, misst das Falsche.
- Jährliche Risikoreviews arbeiten im falschen Takt: KI verändert Risikolagen im Wochen- oder Monatstakt. Ein Review der einmal im Jahr stattfindet, entdeckt Probleme möglicherweise erst dann, wenn sie bereits hohe Kosten verursacht haben.
Gartner prognostiziert (zitiert im Munich Re Tech Trend Radar 2025, S. 29): Bis 2028 treffen agentische KI-Systeme mindestens 15 Prozent aller operativen Tagesentscheidungen autonom. Heute sind es null. Wer in dieser Welt einmal im Jahr auf seine Risikoliste schaut, schreibt keinen Steuerungsbericht mehr. Er schreibt einen Nachruf.
Praxisfall: Wenn eine Annahme über Nacht kippt
In einem konzernweiten Digitalisierungsprojekt kippt eine zentrale technische Annahme mitten in der Umsetzung. Nicht weil das Risikomanagement versagt hat. Sondern weil sich externe Faktoren verändert haben und das Steuerungssystem nicht für derartige Kurskorrekturen gebaut war.
Es gab eine Risikoliste. Es gab Ampelberichte. Was fehlte: eine Entscheidungslogik für den Moment, wenn das Undenkbare zur Realität wird. Offene Fragestellungen waren: Wer trägt die Entscheidung? Welche Optionen gibt es? Was kostet Abwarten?
Diese Fragen wurden nicht beantwortet, weil sie nie gestellt worden waren. Das Steuerungssystem war für eine lineare Welt vorgesehen, nicht für disruptive Kurskorrekturen.
Das ist kein Einzelfall: Munich Re hat im Tech Trend Radar 2025 in einem einzigen Jahr elf neue Trends ergänzt, vier transformiert und zwei ausgemustert (Munich Re Tech Trend Radar 2025, S. 6). Wenn ein Branchenführer sein eigenes Trendbild jährlich um derart große Anteile umbaut, ist „einmal im Jahr" kein Steuerungstakt mehr. Es ist eine Komfortzone.
Was das für Entscheider bedeutet
Klassisches Risikomanagement gibt eine falsche Antwort auf die Frage, wie wir in einer KI-beschleunigten Welt verlässlich entscheiden – nicht, weil es schlecht ist, sondern weil es für eine andere Zeit gebaut wurde. Die Ergänzung, die es braucht, ist keine Methode. Sie ist eine Haltung: Ungewissheit nicht als Störfaktor zu behandeln, sondern als festen Bestandteil von Führung und Planung.
Wie diese Haltung im Alltag aussieht – welche Werkzeuge funktionieren, statt Ungewissheit „wegzuplanen“ – ist Thema des nächsten Beitrags.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Menschen & Ungewissheit im Zeitalter von KI", die auf dem gleichnamigen Practitioner Paper (Henneken Consulting, 12/2025) basiert. Vorhergehender Beitrag: KI beschleunigt alles – besonders fehlende Führungsfähigkeit (8. April 2026). Nächster Beitrag: Scenario Planning als Trainingssystem.
Über den Autor: Rufus Henneken unterstützt Unternehmen aus der Versicherungs- und Finanzwirtschaft bei strategisch relevanten Projekten – von Digitalisierung bis Change Management. Inspiriert von seiner Leidenschaft für Rugby verbindet er klare Planung mit adaptiven Methoden.