Die Versicherungsbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Risikofelder verändern Geschäftsmodelle und Prozesse. Für Katharina Stecher, Vorstandsvorsitzende des Gemeindeversicherungsverbands GVV, bekommt dieser Wandel im kommunalen Umfeld eine besondere Dimension: Hier geht es nicht nur um Sachwerte, sondern um die Absicherung der Daseinsvorsorge.
Im Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“ skizziert sie eine Branche, die sich deutlich weiterentwickelt – technologisch, strukturell und in ihrem Selbstverständnis.
Kommunale Absicherung bleibt komplex – und besonders sensibel
Der GVV ist auf die Absicherung von Kommunen und kommunalen Einrichtungen spezialisiert – ein Bereich, der sich deutlich von klassischen Versicherungssparten unterscheidet. Denn hier geht es häufig um große, komplexe Strukturen und kritische Infrastruktur, deren Ausfall direkte Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. „Ich will vielleicht 500 Gebäude im kommunalen Umfeld oder in der Kommune versichern“, beschreibt Stecher die Dimensionen. Entsprechend hoch ist der Beratungsbedarf. „Dieser persönliche Ansatz, dass der ein USP ist im kommunalen Bereich, dass der auch erhalten bleibt“, betont sie. Gerade dort, „weil es um sehr, sehr große Risiken zum Teil geht“, bleibe persönliche Beratung unverzichtbar.
Wie real diese Risiken sind, zeigt ein aktuelles Beispiel aus dem eigenen Haus. „Anfang Februar waren wir in der Tat betroffen von einem erpresserischen Versuch und eines Cyberangriffs“, berichtet Stecher. Dabei seien „von knapp 3.000 Kunden und Interessenten Daten abgeflossen“. Gleichzeitig hebt sie hervor, dass die Organisation handlungsfähig blieb: „Unsere Website, unsere Systeme laufen wieder“ und man habe „in Abstimmung mit den Behörden […] die Kunden entsprechend informiert“. Der Vorfall habe vor allem eines gezeigt: „wie schnell man betroffen sein kann und wie wichtig dieses Thema ist“.
Für Kommunen können solche Angriffe jedoch noch gravierendere Folgen haben. Denn hier steht nicht nur ein Unternehmen unter Druck, sondern oft die öffentliche Versorgung. „Die Daseinsvorsorge ist gefährdet. Die einfachsten Aspekte der Daseinsvorsorge können nicht mehr sichergestellt werden.“ Stecher beschreibt die Konsequenzen noch konkreter: „Da werden keine Gelder mehr gezahlt, wenn so eine Kommune durch einen Cyberangriff komplett lahmgelegt wird.“ Genau darin liegt die besondere Herausforderung kommunaler Absicherung: Sie schützt nicht nur Vermögenswerte, sondern die Funktionsfähigkeit zentraler gesellschaftlicher Strukturen.
KI verändert Prozesse – aber nicht den Kern der Versicherung
Technologisch erwartet Stecher deutliche Veränderungen. Künstliche Intelligenz wird vor allem dort eingesetzt, wo heute große Datenmengen verarbeitet werden müssen. Im Schadenbereich etwa können „Akte[n] über 800 bis 1.000 Seiten“ anfallen – ein klarer Ansatzpunkt für Automatisierung.
Die Richtung ist eindeutig: Effizienzsteigerung durch Technologie. „Einfache Tätigkeiten werden in Zukunft […] wegfallen und durch Technik ersetzt“, sagt Stecher. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus der Mitarbeitenden. Der Mensch bleibt wichtig – insbesondere dort, wo es um komplexe oder emotionale Themen geht. „Versicherung ist im Ergebnis für mich Vertrauen“, stellt sie klar.
Das bedeutet: KI unterstützt, strukturiert und beschleunigt – ersetzt aber nicht die persönliche Einordnung. Gerade im Schadenfall oder bei komplexen Risiken bleibt menschliche Expertise zentral.
Prävention und flexible Produkte rücken in den Mittelpunkt
Neben der technologischen Entwicklung sieht Stecher einen weiteren grundlegenden Wandel: weg von der reinen Schadensregulierung, hin zur Prävention. „Prävention ist das große Stichwort“, sagt sie. Versicherer werden künftig stärker als Begleiter im Alltag auftreten. „Ich glaube insbesondere, dass die Versicherungsbranche viel stärker […] präventiv arbeiten wird als heute“, so Stecher. Ziel sei es, Risiken frühzeitig zu erkennen und Schäden möglichst zu vermeiden.
Parallel dazu verändern sich die Produkte. „In fünf Jahren werden die Produkte dynamischer sein, angepasster sein“, erwartet sie. Denkbar seien Modelle, „die ich dann abschließe, in dem Moment, wo ich sie nutze“. Ergänzt wird das durch datenbasierte Ansätze, bei denen Prozesse automatisiert und schneller ablaufen.
Am Ende bleibt für Stecher trotz aller Veränderungen ein zentraler Gedanke bestehen: „Versicherung bedeutet für mich, dass jemand da ist, auch ein persönlicher Ansprechpartner, wenn es schwierig wird.“ Die Zukunft der Branche liegt für sie daher nicht im Ersatz dieses Prinzips, sondern in seiner Weiterentwicklung – digitaler, präventiver und zugleich näher an den realen Risiken der Kunden.
Das vollständige Gespräch mit Katharina Stecher können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.