Die Versicherungsbranche ist mitten im Wandel. Doch der eigentliche Engpass liegt nicht bei Ideen, sondern in der Umsetzung. Warum Transformation oft fragmentiert bleibt und was jetzt entscheidend ist, erklärt ALH-Vorstand Udo Wilcsek. Überdies verrät der IT-Vorstand, warum ein Besuch auf der insureNXT ein absolutes Muss ist.
Herr Wilcsek, Versicherer befinden sich seit Jahren in einem umfassenden Transformationsprozess. Wo steht die Branche aktuell?
Die Branche hat in den vergangenen Jahren viele Initiativen angestoßen und wichtige Fortschritte erzielt. Gleichzeitig sehen wir, dass Transformation häufig noch parallel in vielen Einzelthemen stattfindet, ohne dass sich daraus immer ein durchgängiges Gesamtbild ergibt.
Die Herausforderung liegt heute weniger darin, neue Ideen zu entwickeln, sondern darin, vorhandene Ansätze konsequent umzusetzen und in bestehende Strukturen zu integrieren. Genau daran zeigt sich, wie anspruchsvoll Transformation in der Praxis ist. Lösungen müssen stabil, skalierbar und dauerhaft wirksam in den Alltag überführt werden.
Der Reifegrad einer Organisation bemisst sich deshalb nicht an der Anzahl ihrer Initiativen, sondern daran, wie konsequent Veränderungen tatsächlich umgesetzt werden. Wichtig ist dabei, Transformation nicht als Projekt zu verstehen, sondern als dauerhaften Prozess.
In vielen Häusern entwickelt sich die IT vom Unterstützer zum strategischen Treiber. Wie erleben Sie diese Veränderung?
Die Rolle der IT hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Sie ist heute viel stärker in strategische Entscheidungen eingebunden und gestaltet aktiv mit. Gerade im Kontext von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz entstehen viele Impulse direkt aus technologischen Möglichkeiten heraus.
Damit wächst auch die Verantwortung. IT muss heute Prioritäten mit definieren und sicherstellen, dass Entscheidungen auch umsetzbar sind. In der Praxis bedeutet das, Zielkonflikte sichtbar zu machen und bewusst zu entscheiden, was umgesetzt wird – und was nicht. Gerade mit Blick auf künstliche Intelligenz verstärkt sich diese Herausforderung. Die Geschwindigkeit steigt, gleichzeitig werden Anforderungen an Daten, Prozesse und Systeme komplexer. Umso wichtiger ist es, dass Themen von Anfang an ganzheitlich gedacht werden und nicht erst in der Umsetzung auf strukturelle Grenzen stoßen.
Wirkung entsteht erst dann, wenn Technologie, Daten, Prozesse und Organisation eng zusammenspielen und klare Prioritäten gesetzt werden.
Sie engagieren sich im Vorstand des InsurLab Germany. Welche Rolle spielt der Austausch in solchen branchenübergreifenden Netzwerken, wenn es darum geht, digitale Transformation in der Versicherungswirtschaft voranzutreiben?
Viele Fragestellungen in der Versicherungswirtschaft ähneln sich stark, werden aber in den Unternehmen oft parallel und ohne Abgleich bearbeitet. Der Austausch in Netzwerken wie dem InsurLab hilft dabei, diese Themen zusammenzubringen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.
Wichtig ist dabei, dass es nicht beim Austausch bleibt. Im InsurLab erlebe ich, dass aus Ideen konkrete Ansätze entstehen, die sich in der Praxis bewähren müssen. Wir arbeiten gezielt an Themen wie der Skalierung von künstlicher Intelligenz, der strukturierten Zusammenarbeit mit Start-ups sowie an der Einordnung langfristiger Entwicklungen für die Versicherungswirtschaft.
Für mich ist besonders wertvoll, dass dieser Austausch offen geführt wird und gleichzeitig einen klaren Praxisbezug hat. Das schafft die Voraussetzung dafür, technologische Veränderungen nicht nur zu verstehen, sondern sie auch wirksam in die eigene Organisation zu überführen.
Transformation betrifft nicht nur Technik, sondern auch Organisation und Unternehmenskultur. Wo sehen Sie hier die größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung liegt darin, dass die organisatorische Dimension von Transformation häufig unterschätzt wird. Neue Technologien lassen sich vergleichsweise schnell einführen. Deutlich anspruchsvoller ist es, Arbeitsweisen, Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten nachhaltig zu verändern.
Dabei geht es immer auch um die Frage, ob die Organisation Veränderungen tatsächlich tragen kann. Aus meiner Sicht braucht es dafür drei Dinge: Den Willen zur Veränderung, die Fähigkeit zur Umsetzung und den notwendigen Handlungsspielraum im Alltag. Es reicht nicht, neue Möglichkeiten zu schaffen. Die Organisation muss auch in der Lage sein, diese zu nutzen. Transformation entsteht nicht durch einzelne Projekte, sondern durch die konsequente Weiterentwicklung der gesamten Organisation.
Wie gelingt es, Innovation nicht nur anzustoßen, sondern nachhaltig im Unternehmen zu verankern?
Innovation wird dann wirksam, wenn sie Teil der bestehenden Abläufe wird und nicht als zusätzlicher Prozess daneben läuft. Genau daran entscheidet sich, ob sie im Unternehmen ankommt. In der Praxis bedeutet das, dass neue Lösungen von Anfang an in reale Prozesse eingebunden werden müssen. Sie dürfen nicht isoliert entstehen, sondern müssen sich in bestehende Systeme, Datenstrukturen und Arbeitsweisen einfügen. Das erfordert oft auch Anpassungen an den bestehenden Strukturen.
Gleichzeitig braucht es Klarheit in der Steuerung. Innovation muss priorisiert werden, sonst bleibt sie fragmentiert. Und sie braucht Verbindlichkeit in der Umsetzung, damit aus einzelnen Ansätzen tatsächlich belastbare Lösungen werden, die im Unternehmen breit genutzt werden.
Die insureNXT bringt Versicherer, Start-ups und Technologieanbieter zusammen. Welche Bedeutung haben solche Veranstaltungen für Innovationen und die Branche?
Veranstaltungen wie die insureNXT verdichten Entwicklungen, die sonst oft nur fragmentiert wahrgenommen werden. Gerade im Austausch mit Start-ups und Technologieanbietern wird sichtbar, welche Themen an Dynamik gewinnen und wie sich Lösungsansätze konkret entwickeln.
Das ist wichtig, weil viele Impulse von außen kommen. Entscheidend ist, was danach passiert: ob diese Impulse tatsächlich in die eigene Organisation übertragen werden.
Solche Formate liefern Orientierung. Ihr Wert zeigt sich vor allem darin, wie klar sich daraus konkrete nächste Schritte ableiten lassen.
Worauf freuen Sie sich persönlich bei der insureNXT besonders?
Ich freue mich vor allem auf den Austausch mit unterschiedlichen Perspektiven. Die insureNXT bringt Menschen zusammen, die an sehr verschiedenen Stellen der Wertschöpfung arbeiten, und genau daraus entstehen häufig die interessantesten Gespräche.
Für mich ist besonders spannend zu sehen, welche Lösungen sich in der Praxis bewähren und welche Erfahrungen andere Unternehmen damit machen. Das hilft, eigene Themen besser einzuordnen und gezielt weiterzuentwickeln.