Künstliche Intelligenz wird zur strategischen Schlüsselfrage für Versicherer. Warum Zurich konsequent auf einen „AI First“-Ansatz setzt, erläutert Digitalvorstand Peter Stockhorst. Der Vorstandsvorsitzende des InsurLab Germany erklärt zudem, warum der notwendige Wandel mit KI zunehmend auf die Vorstandsagenda rückt und ein Besuch auf der insureNXT ein absolutes Muss ist.
Herr Stockhorst, Sie sprechen bei der Zurich inzwischen von einem „KI first“-Ansatz. Was genau ist das und was bedeutet das für die strategische Ausrichtung eines Versicherers?
Wir haben in der Zurich Gruppe Deutschland in den letzten Jahren konsequent auf Digitalisierung gesetzt. Und beschleunigen sie jetzt mit Hilfe von AI ganz gezielt in den unterschiedlichen Bereichen. Bei der DA Direkt setzen wir seit Jahren Bots ein, um Anfragen schneller und damit auch kundenfreundlicher zu beantworten, ob am Telefon oder bei E-Mails. Auch in Marketing und Sales nutzen wir AI mehr und mehr in der Breite. AI Agenten unterstützen beispielsweise bei der Erstellung ganzer Kampagnen oder der Effizienz im Performance Marketing.
Mittlerweile gilt für die DA Direkt „AI First“. Das bedeutet, dass wir jetzt bei allen Aktivitäten konsequent prüfen, wie AI sinnvoll unterstützen kann. Wichtig ist zu verstehen, dass dies kein reines Technologiethema ist. Es hat Konsequenzen für das Mindset der gesamten Organisation, für die Allokation von Ressourcen und vieles mehr.
Wir sind hier als führender Direktversicherer sicherlich vorne bei der Entwicklung des Marktes. Doch die gesamte Versicherungsbranche ist jetzt an einem Punkt, an dem nach vielen Use Cases jetzt die Skalierung folgen muss. Wer jetzt nicht skaliert, der verliert.
Viele Versicherer investieren seit Jahren in Digitalisierung. Wo steht die Branche heute wirklich?
Die Versicherungsbranche hat in den letzten Jahren einiges vorangetrieben und dabei auch Fortschritte in der Digitalisierung erzielt. Doch wir haben sicherlich noch viel Potenzial. Insbesondere wenn es darum geht, Themen konsequent in die Umsetzung zu bringen. Es mangelt häufig nicht an Ideen, sondern es braucht insgesamt mehr Mut, Führung und Tempo. Was wir oft sehen, ist eine Vielzahl parallel laufender Initiativen, während die Umsetzung nicht überall mit der gleichen Konsequenz verfolgt wird. Digitalisierung gehört auf die Vorstandsagenda. Und zwar nach oben.
Mit KI verschärft sich diese Situation deutlich. Künstliche Intelligenz ist ein echter Beschleuniger für die Transformation der gesamten Wertschöpfungskette. Sie zwingt Organisationen dazu, schneller zu priorisieren, klarer zu entscheiden und konsequenter umzusetzen. Genau daran entscheidet sich, wer die Potenziale hebt und wer zurückfällt. Und genau deshalb muss die digitale Transformation mit KI durch das C-Level konsequent vorangetrieben und strategisch gesteuert werden.
Sie sind Vorstandsvorsitzender des InsurLab Germany. Welche Rolle spielen solche Innovationsnetzwerke heute für die Transformation der Branche?
Viele Fragestellungen, vor denen Versicherer heute stehen, sind nicht neu, aber sie treten in einer deutlich höheren Dichte, Geschwindigkeit und Unsicherheit auf. Gleichzeitig werden sie häufig noch isoliert in einzelnen Organisationen bearbeitet. Doch als Versicherungsbranche haben wir auch eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung, denn ohne Versicherung ist wirtschaftliches Handeln kaum möglich. Und wir müssen uns im Wettbewerb mit anderen Branchen immer wieder behaupten, wie wir ganz aktuell in der Diskussion zur Altersvorsorge deutlich sehen. Daher ist bei all dem Wettbewerb untereinander auch ein gezielter Erfahrungsaustausch wichtig, in Verbindung mit neuen Impulsen von außen.
Mit dem InsurLab setzen wir genau hier an. Und als ich im letzten Jahr das Ehrenamt übernommen habe, war mir wichtig, dass wir die strategische Ausrichtung schärfen. Wir fokussieren nun bewusst auf drei zentrale Themen: Die Skalierung von KI in der Versicherung, die strukturierte Zusammenarbeit mit Start- und Scale-ups über Venture Clienting sowie die frühzeitige Einordnung langfristiger Zukunftsentwicklungen. Über diese Themen schaffen wir Orientierung und unterstützen unsere Mitglieder dabei, Prioritäten klarer zu setzen und konsequent zu verfolgen.
Gerade bei der zunehmenden Dynamik von KI zeigt sich, wie wichtig ein solcher Rahmen für die Branche ist. Wenn es das InsurLab Germany nicht schon gäbe, müsste man es heute gründen.
Wie verändert sich durch KI und Digitalisierung die Rolle klassischer Versicherer im Ökosystem rund um den Kunden?
Die Rolle der Versicherer verändert sich, aber ihre Relevanz bleibt bestehen. Und wir sollten daran arbeiten, sie zu stärken. So sehe ich im Bereich Embedded Insurance noch großes Potenzial. Versicherer werden hier Teil von größeren Ökosystemen, die sich an bestimmten Kundenbedürfnissen und Lebenssituationen orientieren, und müssen sich dort entsprechend in bestehende Prozesse integrieren.
Mit KI lassen sich dabei viele Leistungen schneller, effizienter und teilweise auch anders erbringen als bisher. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten, auch für die klassischen Versicherer. Doch es erfordert neue Fähigkeiten. So auch in der Zusammenarbeit mit Start- und Scale-ups, die mit ihrer größeren Anpassungsfähigkeit hier helfen können.
Entscheidend ist stets, welchen konkreten Mehrwert wir für die Kundinnen und Kunden liefern. Technologie ist dafür ein wichtiger Hebel, aber kein Selbstzweck. Am Ende geht es darum, Probleme besser zu lösen als bisher und sich sinnvoll in die jeweiligen Ökosysteme einzubringen.
Welche Fähigkeiten und Kompetenzen brauchen Versicherer künftig stärker in ihren Teams?
Es ist in Summe die Fähigkeit, den Wandel zu forcieren bei zunehmender Unsicherheit. Es gilt Schritt für Schritt voran zu gehen, ohne schon den gesamten Weg zu kennen.
Die wachsenden Anforderungen entstehen nicht allein durch neue Technologien wie die KI, sondern durch die zunehmende Geschwindigkeit, mit der sich Rahmenbedingungen verändern. Arbeitsweisen und Entscheidungsprozesse müssen sich deutlich weiterentwickeln. Deshalb brauchen wir Menschen, die Verantwortung übernehmen, Zusammenhänge verstehen und bereit sind, neue Wege auch praktisch umzusetzen. Mit Teams über Funktionsgrenzen hinweg, da viele Fragestellungen nicht mehr isoliert gelöst werden können. Und als C-Level müssen wir diese Teams stärken und ihnen auch die entsprechenden Freiheiten geben.
Auf der insureNXT wird viel über KI und digitale Ökosysteme diskutiert. Welche Rolle spielen solche Veranstaltungen für den Austausch zwischen Versicherern, Technologieunternehmen und Start-ups?
Die insureNXT ist für mich eine große Bühne, auf der die Entwicklung der Branche in der Verbindung von Technologie und Strategie sichtbar wird. Gerade im Zusammenspiel von Versicherern, Technologieunternehmen und Start-ups entsteht dort ein Austausch, der über die eigene Organisation und den deutschen Versicherungsmarkt hinausgeht. Dazu gehören auch gezielte Impulse aus anderen Branchen und den internationalen Märkten. Denn viele Entwicklungen entstehen nicht isoliert in unserem Markt, sondern werden von außen getrieben. Solche Formate helfen, diese Dynamiken frühzeitig zu erkennen und besser einzuordnen. Sie liefern Impulse und Perspektiven, die für die eigene strategische Ausrichtung wichtig sind.
Gleichzeitig braucht es neben solchen Events auch Strukturen, in denen diese Impulse kontinuierlich weitergeführt werden. Die insureNXT ist einmal im Jahr eine sehr wichtige Bühne. Im InsurLab arbeiten wir genau an dieser Stelle weiter, um die digitale Transformation unserer Branche kontinuierlich zu unterstützen. Mit dem klaren Fokus auf KI und der Förderung der Zusammenarbeit mit Start- und Scale-ups.
Worauf freuen Sie sich persönlich bei der insureNXT besonders?
Ich freue mich auf viele neue Impulse. Dazu gehört der Austausch mit Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen, die ihre frischen Ideen zur digitalen Transformation unserer Branche einbringen.
Wir werden hier wieder viele innovative Ansätze von außen sehen. Und in diesem Jahr nochmals verstärkt Führungspersönlichkeiten aus der Versicherungswirtschaft, die dazu auch ihre strategische Perspektive einbringen. Das zeigt mir persönlich, dass der notwendige Wandel mit KI tatsächlich zunehmend auf die Vorstandsagenda rückt.
KI ist ein absoluter Gamechanger für die Versicherungswelt. Und die insureNXT mit ihrem Themen-Mix aus Technologie und Strategie eine gute Gelegenheit, sich hier inspirieren zu lassen. Mit ganz konkreten Ansätzen, mit denen wir echten Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden schaffen können.