Künstliche Intelligenz dominiert derzeit die Diskussion in der Versicherungsbranche. Gleichzeitig bleibt die Zusammenarbeit mit Start-ups ein wichtiger Innovationshebel. Welche Insurtech-Modelle heute wirklich relevant sind, warum Venture Clienting an Bedeutung gewinnt und welche Rolle Innovationsökosysteme spielen, erläutert Dr. Robert Richstein vom InsurLab Germany e.V. im Interview.
Herr Richstein, künstliche Intelligenz dominiert aktuell die Diskussion in der Versicherungsbranche. Geraten Kooperationen mit Start-ups dadurch in den Hintergrund?
Robert Richstein: KI bindet derzeit viel Aufmerksamkeit. Das ist nachvollziehbar, weil die Technologie bereits heute zentrale Teile der Versicherungswertschöpfung verändert und ihre Durchdringung erst beginnt.
Gleichzeitig wäre es ein Missverständnis, KI und Start-up-Kooperationen gegeneinanderzustellen. Viele der leistungsfähigsten KI-Anwendungen entstehen in jungen, spezialisierten Technologieunternehmen. Wer über das Potenzial von KI für die Versicherungsbranche spricht, sollte deshalb auch den Zugang zu diesen externen Innovationstreibern im Blick behalten.
InsurTech wird häufig als Sammelbegriff verwendet. Wie lässt sich der Markt sinnvoll strukturieren?
Grundsätzlich lassen sich drei Geschäftsmodelltypen unterscheiden. Erstens Start- und Scale-ups, die selbst als Versicherer auftreten und Risiken auf die eigene Bilanz nehmen. Zweitens Distributoren wie digitale Makler oder Managing General Agents. Drittens technologieorientierte Anbieter, die spezialisierte Lösungen entlang der Wertschöpfungskette für Versicherer entwickeln. Gerade dieser dritte Typ steht derzeit besonders im Fokus der Branche. Hier geht es nicht darum, traditionelle Versicherer zu ersetzen, sondern ihre Prozesse leistungsfähiger zu machen.
Bezogen auf die Aufmerksamkeit der Branche haben „Tech for Insurance“-Unternehmen Start-ups, die selbst Risiken in die Bilanz nehmen, zunehmend abgelöst. InsurTechs mit eigener Versicherungslizenz tun sich deutlich schwerer als noch vor einigen Jahren erwartet. Im vergangenen Jahr las man im Markt häufiger von Insolvenzen als von neuen Markteintritten oder großen Meilensteinen.
Nach welchen Kriterien bewerten Versicherer Start-ups heute?
Die Zeit des Chi-Chi um Innovationsshowcases ist vorbei. Versicherer suchen Lösungen mit klarer Wirkung auf das Kerngeschäft. Versicherer stellen sich dabei meist drei einfache Fragen: Steigert die Lösung den Umsatz? Senkt sie Kosten? Oder hilft sie, regulatorische Herausforderungen besser zu bewältigen? Wenn keine dieser Fragen schnell überzeugend beantwortet werden kann, wird es schwierig, im Unternehmen Gehör zu finden.
Die zweite zentrale Frage betrifft die Skalierbarkeit. Kann die Lösung über einen einzelnen Anwendungsfall hinaus eingesetzt werden oder bleibt sie ein isolierter Use Case? Besonders interessant sind Unternehmen, deren Technologie mehrere Anwendungsfälle ermöglicht. Im Idealfall liefert ein Start-up nicht nur eine Lösung für ein einzelnes Problem, sondern einen Baustein, der sich auf ganze Klassen von Anwendungsfällen übertragen lässt.
Versierte Versicherer achten deshalb zunehmend darauf, keinen Flickenteppich aus Einzelanwendungen aufzubauen, sondern einen skalierbaren Technologiestack zu entwickeln.
Was zeichnet erfolgreiche Innovationseinheiten in Versicherungsunternehmen aus?
Erfolgreiche Innovationseinheiten sind eng mit den Fachbereichen verzahnt. Innovation entsteht dort, wo reale Geschäftsprobleme auf technologische Lösungen treffen und wo Innovation auch von der Führungsebene ernsthaft unterstützt wird. Genau hier setzt Venture Clienting an. Der Ansatz verfolgt das Ziel, externe Lösungen von Start- und Scale-ups gezielt für konkrete operative Herausforderungen einzukaufen und daraus messbaren und skalierbaren Nutzen zu erzeugen. Der Unterschied zu klassischen Innovationsprogrammen ist entscheidend. Es geht nicht darum, Technologien zu testen, sondern sie von Anfang an systematisch produktiv und skalierfähig einzusetzen. Innovation wird erst dann wirksam, wenn sie Teil der operativen Verantwortung wird und nicht nur Teil der Innovationskommunikation bleibt.
Welche Rolle spielen Innovationsökosysteme für Versicherer?
Ökosysteme, wie sie etwa durch den InsurLab Germany e.V. entstehen, können den Zugang zu innovativen Start- und Scale-ups erheblich erleichtern. Für viele Versicherer wäre es kaum effizient, jede technologische Entwicklung eigenständig zu identifizieren, zu prüfen und die passenden Unternehmen auszuwählen. Kooperative Strukturen ermöglichen es, Marktsondierung und Due Diligence gemeinsam zu betreiben. Gleichzeitig erhalten so auch Versicherer mit kleineren Innovationsressourcen Zugang zu relevanten Lösungen. Darüber hinaus haben solche Strukturen auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Junge, europäische Technologieunternehmen benötigen nicht nur Kapital, sondern auch große Kunden. Wenn Versicherer hier früh als Venture Clients auftreten, stärkt das gleichzeitig die Innovationsfähigkeit der Branche und unterstützt die Entwicklung von Technologieunternehmen in Europa.
Welche Trends werden die Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Start-ups in den nächsten 1-2 Jahren prägen?
Ein zentraler Trend wird die nächste Entwicklungsstufe von KI sein. Start-ups und Scale-ups, die sich in Bereichen wie Agentic AI und Agentic Commerce positionieren, werden in den kommenden Jahren besonders sichtbar werden.
Im Bereich Agentic AI werden vor allem Unternehmen relevant sein, die Prozesse nahe dem Kern der Versicherungswertschöpfung transformieren. Dazu zählen insbesondere Anwendungen im Underwriting, im Schadenmanagement und in der Kundeninteraktion. Im Bereich Agentic Commerce geht es dagegen stärker um die Kundenschnittstelle. Das Suchverhalten verändert sich zunehmend. Kunden bewegen sich weg von klassischen Suchmaschinen hin zu Large Language Models wie ChatGPT, Claude oder Gemini.
Start-ups, die Lösungen für diese neue Form der Interaktion entwickeln, können eine wichtige Rolle spielen. Perspektivisch werden KI-gestützte Softwareagenten immer häufiger eigenständig Kaufprozesse übernehmen. Sie können Produkte suchen, vergleichen und abschließen, oft mit minimaler oder sogar ganz ohne manuelle Interaktion des Nutzers.
Programme wie der Collaborator des InsurLab Germany zeigen bereits heute, wie Versicherer gemeinsam mit Start- und Scale-ups solche technologischen Trends frühzeitig in skalierbare Anwendungsfälle überführen.