Bundeskanzler Friedrich Merz will die Rentenpolitik neu ausrichten. Künftig soll weniger das Alter beim Renteneintritt zählen, sondern die tatsächliche Lebensarbeitszeit. Gleichzeitig wirbt der CDU-Politiker für mehr private Vorsorge und umfassende Sozialreformen.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat eine grundlegende Neuausrichtung der Rentenpolitik ins Spiel gebracht. Künftig solle sich die Rentenhöhe stärker an der tatsächlichen Lebensarbeitszeit orientieren und weniger an einem festen Renteneintrittsalter.
Auf einer Wahlkampfveranstaltung der CDU Baden-Württemberg in Ravensburg erklärte der Kanzler, die zentrale Frage sei nicht, ob jemand mit 61, 65 oder 68 Jahren in den Ruhestand gehe. Entscheidend sei vielmehr, wann jemand angefangen hat zu arbeiten und wie lange er gearbeitet hat. Mit dieser Überlegung stellt Merz das bisherige Modell eines einheitlichen Renteneintrittsalters zumindest teilweise infrage. Ziel sei es, lange Erwerbsbiografien stärker zu berücksichtigen und flexiblere Übergänge in den Ruhestand zu ermöglichen.
Parallel dazu plädiert Merz für eine stärkere Rolle kapitalgedeckter Vorsorgemodelle. Die gesetzliche Rentenversicherung allein könne künftig nicht mehr ausreichen, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen früh genug beginnen, für ihr Alter auch zu sparen“, sagte der Kanzler.
Schon kleine monatliche Beträge könnten langfristig erhebliche Vermögen aufbauen. Zur Illustration nannte Merz ein einfaches Beispiel. Wer monatlich 50 Euro privat zurücklege und dies über viele Jahre konsequent durchhalte, könne bis zum Renteneintritt einen sechsstelligen Kapitalstock aufbauen. „Man muss nur mit kleinen Beträgen früh genug anfangen und darf es nie unterbrechen“, so der CDU-Politiker. "Und wenn Sie mit 50 Euro im Monat anfangen, dann haben Sie eine sechsstellige Altersversorgung, wenn Sie dann mit 65, 68 in den Ruhestand gehen."
Die Bundesregierung wolle daher künftig stärker auf ein breiteres Vorsorgemodell setzen. Neben der gesetzlichen Rente sollen insbesondere die betriebliche Altersversorgung und private Vorsorgelösungen eine größere Rolle spielen. Diese Linie ist bereits im Koalitionsvertrag mit der SPD vereinbart worden. Ziel sei es, die Finanzierung der Altersvorsorge auf mehrere Säulen zu verteilen und damit langfristig stabiler aufzustellen. Mit dem Ansinnen wäre Deutschland nicht alleine. Denn viele europäische Nachbarländer haben entsprechende Modelle bereits umgesetzt, in denen staatliche Rente, Betriebsrenten und private Vorsorge zusammenspielen.
Kritisch äußerte sich der Kanzler zudem über die aktuelle politische Diskussion um ein festes Rentenniveau von 48 Prozent. Entscheidend sei nicht allein die Höhe der gesetzlichen Rente, sondern die gesamte Altersvorsorge. Die Debatte müsse daher breiter geführt werden und auch private sowie betriebliche Vorsorgemodelle stärker einbeziehen.
Merz kündigte außerdem umfassende Reformen im Sozialstaat an. Diese müssten möglichst bald umgesetzt werden, da größere Veränderungen in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode schwieriger durchzusetzen seien.
Frühststart-Rente: Bitte lasst den Zinseszinseffekt wirken
Ein Grundproblem vieler Deutschen ist hier sicherlich das mangelhafte Finanzwissen. Denn oft wird der Zinseszins unterschätzt. Welche Wirkkraft dieser Effekt entfalten kann, wenn er richtig genutzt wird, zeigt ein Gedankenspiel. Die angenommene Sparrate von 50 Euro im Monat würden bei einer realistischen sechsprozentigen Rendite im Jahr nach 45 Jahren immerhin 131.757 Euro ergeben. An dieser Stelle fehlen Steuern und Inflation. Aber die Diskussion ist auch viel zu verkürzt. Denn Zinseszinseffekt wirkt mit längerer Spardauer eben auch stärker.
Wenn wir die Bevölkerung länger sparen soll, muss sie eben bei der Geburt anfangen. Das will die Regierung über die geplante Frühstartrente schaffen. Das Konzept sieht vor, mit der Einschulung zu beginnen: Zehn Euro monatlich für jedes Kind im schulpflichtigen Alter. Doch ist das früh genug? Ein internationaler Vergleich liefert eine aufschlussreiche Antwort. Israel zeigt, dass ein noch früherer Einstieg möglich und sinnvoll ist. Seit 2017 erhalten dort alle Neugeborenen ein Vorsorgekonto, das vom Staat mit jährlich rund 120 US-Dollar befüllt wird. Eltern können diesen Betrag freiwillig verdoppeln. Die Mittel werden in renditestarke Kapitalmarktprodukte investiert, wobei die Eltern zwischen konservativen und dynamischen Varianten wählen können.
Im Vergleich dazu erscheint der deutsche Ansatz zaghaft. Der Einstieg ab sechs Jahren verpasst wertvolle Anlagejahre und verzögert die finanzielle Bildung. Zwar ist die automatische Teilnahme ein wichtiger Fortschritt gegenüber bisherigen Modellen wie der Riester-Rente. Mit der angenommenen Sparrate von 50 Euro im Monat würden bei einer Laufzeit von 65 Jahren übrigens 445.347 Euro Fondsvermögen stehen.