Altersvorsorgereform: Risiko Zeitrente und höherer Stellenwert für Beratung notwendig

Quelle: ChatGPT

Die geplante Wahlfreiheit bei der Altersvorsorge birgt erhebliche Risiken. Laut einer Studie der FH Dortmund würden viele Menschen ihre Lebenserwartung deutlich unterschätzen und sich daher häufiger für zeitlich befristete Auszahlpläne entscheiden. Die Studienautoren Matthias Beenken und Lukas Linnenbrink warnen vor finanziellen Engpässen im hohen Alter und empfehlen der Beratung zur Altersvorsorge einen höheren Stellenwert einzuräumen.

Mit dem geplanten Altersvorsorgereformgesetz will die Bundesregierung die private Vorsorge flexibler machen. Künftig sollen Sparer zwischen einer lebenslangen Rente und einem zeitlich befristeten Entnahmeplan wählen können. Dieser muss mindestens bis zum Alter von 85 Jahren laufen. Eine Untersuchung der Fachhochschule Dortmund zeigt jedoch, dass diese Freiheit erhebliche Risiken birgt.

In einem Online-Experiment mit mehr als 1.500 Teilnehmern zeigte sich, dass sich 58 Prozent der Befragten für eine höhere Zeitrente bis zum Alter von 85 Jahren entschieden und damit gegen eine lebenslange Leibrente.

Entscheidend für die Wahl war vor allem die Höhe der monatlichen Auszahlung. „Entscheidend war, wie groß der Abstand zwischen den beiden Rentenangeboten ist“, erklärt Studienautor Prof. Dr. Matthias Beenken. „In einer Variante mit größerem Abstand zulasten der Versicherung wählten sogar nur noch 26 Prozent die Leibrente, wogegen bei einem unrealistisch niedrigen Abstand der Anteil der Interessenten an der lebenslänglichen Rente nur leicht auf 54 Prozent anstieg“. Je größer also der Unterschied zugunsten der Zeitrente, desto seltener fiel die Wahl auf die lebenslange Absicherung.

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Lebenserwartung wird systematisch unterschätzt

Ein zentraler Grund für dieses Verhalten liegt laut Studie in einer Fehleinschätzung der eigenen Lebenserwartung. Denn nach Prognosen des Statistischen Bundesamts werden schon 1973 Geborene, die mit über 50 Jahren gar nicht zur Hauptzielgruppe der neuen privaten Altersvorsorge zählen dürften, zu 48 Prozent (Männer) beziehungsweise 64 Prozent (Frauen) älter als 85 Jahre werden. 2003 Geborene werden zu 65 beziehungsweise 77 Prozent ein höheres Lebensalter erleben.

Etwa die Hälfte der Befragten (49 Prozent) unterschätzten ihre Lebenserwartung und das sogar deutlich. Denn durchschnittlich verfehlten sie die statistische Lebenserwartung um 9,5 Jahre. Insgesamt lag die geschätzte Lebenserwartung durchschnittlich um 2,7 Jahre zu niedrig. „Die Forschung hat allerdings immer wieder festgestellt, dass die Menschen ihre Lebenserwartung systematisch unterschätzen“, so Beenken. „Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern wurde weltweit in verschiedenen Ländern nachgewiesen.“ Diese Tatsache spielte auch für die Fokusgruppe private Altersvorsorge eine wichtige Rolle. Zur Verrentung sagt deren Abschlussbericht: „Dabei sollte die Länge der Auszahlungsphase so bemessen sein, dass sie in der Regel einen hohen Anteil der erwarteten Rentenzeit abdeckt.“

Diese Fehleinschätzung beeinflusst die Entscheidung erheblich. Denn wer von einem kürzeren Leben ausgeht, bevorzugt eher eine höhere, aber zeitlich begrenzte Auszahlung. Resultierend daraus entschieden sich 73 Prozent derjenigen, die ihre Lebenserwartung unterschätzten, für die Zeitrente. Selbst unter denjenigen, die ihre Lebenserwartung überschätzten, wählten noch 40 Prozent die befristete Variante.

Die Wissenschaftler sehen insbesondere das geplante Mindestalter von 85 Jahren kritisch. Denn ein großer Teil der Bevölkerung wird dieses Alter voraussichtlich überschreiten. „Damit besteht ein großes Enttäuschungsrisiko, wenn sich die Bürger bei ihrer Lebenserwartung verschätzen“, warnt Studienautor Prof. Dr. Lukas Linnenbrink. Wer zu früh auf eine Zeitrente setzt, könnte im hohen Alter ohne ausreichende Einkünfte dastehen.

Wahlfreiheit grundsätzlich sinnvoll

Trotz der Kritik bewerten die Autoren die geplante Wahlfreiheit zwischen Zeit- und Leibrenten grundsätzlich positiv. „Das Experiment hat gezeigt, dass Menschen sich leichter überhaupt für eine freiwillige private Altersvorsorge entscheiden, wenn sie die freie Wahl zwischen verschiedenen Anlageformen haben“, so Beenken. Allerdings müsse die Ausgestaltung angepasst werden. Die Forscher schlagen vor, das Mindestalter für Zeitrenten auf 95 Jahre anzuheben, um das Risiko einer Unterversorgung zu reduzieren.„Dann werden auf Basis heutiger Prognosen voraussichtlich mindestens mehr als die Hälfte der Betroffenen bis zum Lebensende versorgt sein“, so Linnenbrink.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist das oft mangelhafte Wissen zu Finanzthemen. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, fundierte Entscheidungen zu treffen. Gerade bei komplexen Themen wie Lebenserwartung und Demografie seien Wissenslücken weit verbreitet. Daher plädieren die Autoren für eine stärkere Rolle der Beratung. Nur so könnten Fehlentscheidungen vermieden und besonders vulnerable Gruppen besser geschützt werden. Denn diese konnten im Experiment auffallend häufiger als andere keine Entscheidung treffen.

Das setze allerdings auch voraus, dass die Ungleichbehandlung bei den Beratungsvorgaben für Finanzanlagen und Versicherungsprodukten beseitigt wird. Während Finanzanlagen beratungsfrei vertrieben werden dürfen, ist eine Beratung zu Versicherungsprodukten gesetzlich vorgeschrieben. Überdies würden Vertrieb und Beratung freiwillig abzuschließender Produkte Abschlusskosten verursachen.

„Der für das Standardprodukt der privaten Altersvorsorge vorgesehene Kostendeckel von 1,5 Prozent ist dafür jedenfalls knapp bemessen“, so Linnenbrink. „Erst im letzten Jahr hat der Europäische Rechnungshof öffentlich gerügt, dass der harsche Kostendeckel des ‚Paneuropäischen Privaten Pensionsprodukts‘ von sogar nur einem Prozent dazu geführt hat, dass niemand dieses Produkt anbietet“, gibt Beenken zu bedenken. „Den Fehler sollten wir jetzt nicht wiederholen“.