2026 können die fundamentalen Größen wie Cashflows, Ausschüttungsqualität und Bilanzstärke wieder stärker in den Fokus rücken. Die globale Dividendenbasis bleibt stabil, doch die Dividendenrenditen variieren stark. Wer von Dividenden leben möchte, muss genau hinschauen, woher die Ausschüttungen stammen und wie widerstandsfähig sie durch den nächsten Konjunkturzyklus sind, betont Jens Hartmann, Mitglied der Geschäftsführung von ficon Vermögensmanagement.
2024 haben globale Unternehmen rund 1,75 Billionen US-Dollar an Dividenden ausgeschüttet, damit haben die weltweiten Ausschüttungen 2024 einen neuen Rekordwert erreicht. Häuser wie Janus Henderson weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich die Dividendenausschüttungen 2025/2026 mit Wachstumsraten im mittleren einstelligen Bereich stabilisieren werden. Das spricht für eine breite, strukturell tragfähige Dividendenbasis. Diese Erwartung signalisiert auch, dass ein großer Teil der Weltkonzerne sich in einem neuen Normalzustand eingerichtet hat: mit höheren Zinsen, geringerer Liquidität und einem makroökonomischen Umfeld, das keine Sonderschübe, aber auch keinen systemischen Kollaps signalisiert. Dividenden wachsen nicht mehr spektakulär, aber stetig und bilden damit eine kalkulierbare zweite Säule neben Kursgewinnen.
Strom- und Netzinfrastrukturen als Pfeiler des weltweiten Dividendengerüsts
Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung dieser Dividendenströme verändert. Die großen Ausschüttungspools stammen heute weniger aus klassischen „Zinsersatz“-Sektoren, wie sie in der Nullzinsphase im Fokus standen, sondern aus Geschäftsmodellen mit strukturell stabiler Nachfrage und hoher Sichtbarkeit über mehrere Jahre. Studien zu globalen und europäischen Dividenden zeigen, dass regulierte Infrastruktur – etwa Strom- und Netzinfrastrukturen – erheblich an Gewicht gewonnen hat: Netzbetreiber planen bis Mitte der 2030er-Jahre Investitionen in Billionenhöhe, die über Tarifmechanismen und Regulierungsrahmen weitgehend abgesichert sind. Das schafft planbare Cashflows und macht diese Segmente zu tragenden Pfeilern des weltweiten Dividendengerüsts.
Regional bleibt das Bild differenziert. Europa bietet im Schnitt weiterhin die höchsten laufenden Dividendenrenditen, vielfach zwischen drei und vier Prozent, in dividendenstarken Ländern auch darüber. Gleichzeitig zeigen europäische Daten, dass das Dividendenwachstum sich für 2025 und 2026 im mittleren einstelligen Bereich einpendelt: keine Ausreißer nach oben, aber stabile Steigerungen aus Sektoren wie Versorger, Telekom, Basiskonsum, Gesundheitswesen und Teilen der Industrie. Die USA bleiben das Zentrum der Dividendendynamik: Die Rendite liegt zwar im Schnitt niedriger, dafür wächst die Ausschüttung je Aktie seit Jahren überdurchschnittlich, getragen von hoher Profitabilität, Aktienrückkäufen und einem ausgeprägten „Dividend Growth“-Mindset in vielen Qualitätsunternehmen. In Asien sehen wir ein sich ausweitendes Dividendenuniversum, vor allem in Finanzwerten, Infrastruktur, Technologiezulieferern und Rohstoffkonzernen, allerdings mit deutlich heterogenerer Governance und teils höheren politischen Risiken.
Dividendenrendite: vom „Zinsersatz“ zum Qualitätsindikator
Was heißt das für 2026 konkret? Erstens: Dividenden sind wieder ein echter Ertragstreiber, nicht nur eine statistische Beigabe. Bei globalen Aktienrenditen von vielleicht sieben bis acht Prozent in langfristigen Szenarien stammt ein substanzieller Teil aus laufenden Ausschüttungen, die sich gegenüber früheren Zyklen deutlich weniger auf wenige Superdividendenzahler konzentrieren. Zweitens: Die Spreizung zwischen „guter“ und „schlechter“ Dividende nimmt zu. Untersuchungen von Asset Managern und Research-Häusern kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Unternehmen mit hohen, aber nicht überzogenen Ausschüttungsquoten, klar definierten Leverage-Zielen und disziplinierter Kapitalallokation die verlässlichsten Dividendenpfade aufweisen. Als Orientierung gelten Payout-Ratios zwischen 40 und 60 Prozent und eine Nettoverschuldung, die auch in Stressszenarien tragfähig bleibt. Wo Dividenden dagegen aus Schulden, Notverkäufen oder politischem Druck finanziert werden, ist der nächste Einschnitt keine Frage des Ob, sondern nur des Wann. Eine Dividendenstudie von Allianz Global Investors kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: In einem Umfeld höherer Zinsen ist die Dividendenrendite ein Qualitätsindikator.
Fokus: breit gestreute Dividendeneinstiegsstrategien mit Qualitätsfilter
Drittens: Der Sektor-Mix wird wichtiger als die Jagd nach der höchsten Rendite. Für 2026 zeichnen sich drei Eckpfeiler ab. Erstens dividendenstarke Qualitätswerte in defensiven Branchen, also Versorger mit regulierten Erträgen, Telekommunikation mit stabilen Cashflows, Basiskonsum und ausgewählte Gesundheitswerte mit hoher Preissetzungsmacht. Zweitens zyklische Branchen mit strukturellem Rückenwind, etwa Teile der Industrie, Rohstoffe und Energieunternehmen, die von der Transformation der Energiesysteme profitieren und gleichzeitig disziplinierter mit Capex umgehen als noch im letzten Superzyklus. Drittens ausgewählte Finanzwerte, insbesondere Versicherer und gut kapitalisierte Banken, deren Geschäftsmodelle von höherem Zinsniveau eher profitieren. Dagegen sollten Anleger bei Geschäftsmodellen vorsichtig sein, in denen hohe Dividenden vor allem ein Instrument zur Kompensation struktureller Risiken sind – etwa bei stark regulierten, politisch exponierten Geschäftsmodellen oder in Bereichen, in denen Investitionsbedarfe die Ausschüttungskapazität erkennbar übersteigen.
Wie lassen sich daraus konkrete Handlungswege ableiten? Ein Weg führt über breit gestreute Dividendeneinstiegsstrategien mit Qualitätsfilter: global oder regional ausgerichtete Portfolios, die Dividendenstärke mit Kriterien wie Verschuldung, Cashflow-Deckung (Dividende aus freiem Cashflow nach Investitionen) und Governance kombinieren. Ergänzend können thematische Bausteine sinnvoll sein – etwa Infrastruktur-, Versorger- oder Qualitäts-Finanzwerte –, um die strukturellen Ausschüttungsquellen gezielt zu übergewichten. In den Emerging Markets bietet sich ein selektiver Ansatz an, der auf Länder mit planbaren Rahmenbedingungen, solidem Bankensektor und verlässlicher Ausschüttungskultur fokussiert. Zentral bleibt, dass Dividendenstrategie und Rebalancing-Regeln zusammenpassen: Wer Dividenden kassiert, sollte gleichzeitig festgelegt haben, wann er seine Gewinnertitel ver- und bei temporär gedrückten, aber fundamental intakten Zahlern nachkauft.