Die stille Macht der Versicherungswirtschaft: Warum Kapazität über alles entscheidet

Quelle: ChatGPT

Kapazität entscheidet darüber, ob Risiken versicherbar bleiben. Einhergehend damit entscheidet Kapazität auch, ob Wirtschaft funktionieren kann. Sie ist endlich, politisch beeinflusst und systemisch fragil. Wer sie unterschätzt, gefährdet mehr als nur einzelne Versicherungsverträge, mahnt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.

Kapazität ist kein abstrakter Fachbegriff, sondern eine der stillen Voraussetzungen unserer Wirtschaft. Sie entscheidet darüber, ob Risiken getragen werden können, ob Investitionen möglich bleiben und ob wirtschaftliche Entwicklung überhaupt stattfinden darf. Alwin W. Gerlach macht deutlich, dass Kapazität mehr ist als Kapital oder Deckungssumme. Sie ist ein gemeinschaftlich getragenes Versprechen an die Wirtschaft. Diese Betrachtung lädt dazu ein, Kapazität nicht nur zu nutzen, sondern zu bewahren. Denn ihr Verlust wäre kein technisches Problem, sondern ein wirtschaftliches und gesellschaftliches.

Das unsichtbare Zentrum der Versicherungswelt

Risiken gibt es viele. Versicherungsschutz dagegen ist begrenzt. Zwischen beidem steht ein Faktor, der selten offen benannt wird, aber über alles entscheidet. Kapazität. Sie bestimmt, ob Risiken überhaupt versichert werden können, zu welchen Bedingungen und zu welchem Preis. Sie entscheidet darüber, ob Industrieprojekte realisiert, Infrastruktur finanziert oder Geschäftsmodelle abgesichert werden können. Und sie ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis komplexer wirtschaftlicher, politischer und strategischer Entscheidungen. Wer Kapazität bereitstellt oder entzieht, beeinflusst Märkte. Nicht durch offene Regulierung, nicht durch Verbote, sondern durch Verfügbarkeit. Diese Form der Macht wirkt leise, oft unbemerkt, aber mit erheblicher wirtschaftlicher Tragweite. Kapazität ist der unsichtbare Rahmen, innerhalb dessen wirtschaftliches Handeln möglich wird oder scheitert.

Kapazität ist kein Produkt

Technisch wird Kapazität häufig als Versicherungs- oder Deckungssumme beschrieben. In der Praxis ist sie weit mehr als eine Zahl. Sie ist ein Versprechen auf zukünftige Zahlungsfähigkeit. Mit jeder Police bindet ein Versicherer Kapital teilweise über Jahrzehnte hinweg. Dieses Kapital steht nicht unbegrenzt zur Verfügung. Jede neue Zeichnung konkurriert mit bestehenden Verpflichtungen, jede zusätzliche Haftung belastet die langfristige Stabilität. Versicherung kann Risiken verteilen, sie kann sie strukturieren und kalkulierbar machen. Sie kann sie jedoch nicht eliminieren. Genau hier liegt die strukturelle Grenze der Versicherbarkeit. Diese Grenze ist nicht moralisch und nicht politisch gesetzt, sondern folgt der Belastbarkeit des Kapitals. Versicherbarkeit entsteht nicht aus Bedarf, sondern aus Tragfähigkeit.

Erstversicherung, Kapazität wird sichtbar

In der Erstversicherung wird Kapazität erstmals greifbar. Hier entsteht der Vertrag, hier wird die rechtliche Verpflichtung eingegangen. Doch bereits auf dieser Ebene zeigt sich, dass kein Versicherer isoliert agiert. Während das Privatkundengeschäft über Masse, Statistik und zeitliche Streuung funktioniert, steigen im Gewerbe- und Industriebereich die Schadenpotenziale sprunghaft an. Einzelne Risiken können Schäden verursachen, die das Eigenkapital eines Versicherers überfordern würden. Industrieversicherung ist deshalb nahezu immer Gemeinschaftsarbeit, verteilt auf mehrere Versicherer, häufig ergänzt durch Rückversicherung. Die Entscheidung des Erstversicherers ist damit selten eine souveräne Einzelentscheidung, sondern Teil einer mehrstufigen Kapazitätsarchitektur.

Rückversicherung, Steuerung durch Verteilung

Rückversicherung ist das zentrale Instrument der Kapazitätssteuerung. Sie ermöglicht Wachstum, stabilisiert Ergebnisse und entlastet Bilanzen. Ohne sie wären viele Risiken nicht versicherbar. Gleichzeitig schafft Rückversicherung keine neue Unendlichkeit. Sie verschiebt Risiken und konzentriert sie zugleich. Rückversicherer bündeln Risiken aus zahlreichen Märkten, Regionen und Sparten. Was für den Erstversicherer Entlastung bedeutet, wird auf dieser Ebene zur systemischen Frage. Kapazität wird hier nicht vermehrt, sondern neu organisiert. Das System funktioniert nur, solange Extremereignisse selten bleiben und nicht mehrere Belastungen gleichzeitig eintreten.

Kumulrisiken, der Ernstfall des Systems

Kumulrisiken markieren den Punkt, an dem die Logik der Einzelbewertung an ihre Grenzen stößt. Naturkatastrophen, Pandemien oder großflächige Cyberereignisse betreffen nicht einzelne Verträge, sondern ganze Portfolios gleichzeitig. In solchen Situationen entscheidet nicht mehr die Qualität eines Einzelrisikos, sondern seine Einbettung in das Gesamtgefüge. Ein Risiko kann technisch sauber gezeichnet, korrekt bepreist und regulatorisch einwandfrei sein und dennoch keine Kapazität finden. Versicherbarkeit folgt nicht dem Bedarf, sondern der Belastbarkeit des Gesamtsystems. Diese Logik ist ökonomisch rational, aber gesellschaftlich hochrelevant.

Warum auch Rückversicherer Risiken weitergeben

Auch Rückversicherer stoßen an Grenzen. Um Extremverluste zu begrenzen, sichern sie sich ihrerseits ab, über Retrozessionen. Diese bilden die letzte Verteidigungslinie des Systems. Der Retro-Markt ist jedoch klein, hochvernetzt und empfindlich gegenüber politischen, wirtschaftlichen und psychologischen Schocks. Retrozessionen werden weltweit vergeben, häufig auf angloamerikanische Märkte, insbesondere die USA. Dort ist Kapital tief, liquide und flexibel. Gleichzeitig folgt es eigenen Prioritäten. Wird Retrokapazität aus bestimmten Regionen abgezogen oder bevorzugt in politisch als stabil geltende Räume verlagert, entsteht kein offener Bruch, sondern eine schleichende Verengung der globalen Risikotragfähigkeit. Kapazität verschwindet dann nicht, sie wird umgelenkt.

Loyalität als systemischer Faktor

Das Versicherungs- und Rückversicherungssystem lebt von impliziten Loyalitäten. Erstversicherer verlassen sich auf Rückversicherer, Rückversicherer auf den Retro-Markt, dieser wiederum auf Kapitalgeber. Diese Loyalitäten sind nur begrenzt vertraglich absicherbar. Sie beruhen auf Vertrauen, Marktverhalten, Reputation und der Erwartung, dass Partner auch in schwierigen Phasen verfügbar bleiben. Bricht diese Erwartung, etwa durch politisch motivierte Rückzüge, kurzfristige Kapitaloptimierung oder strategische Priorisierung einzelner Märkte, entstehen Kettenreaktionen. Nicht einzelne Risiken verlieren Deckung, sondern ganze Märkte geraten unter Druck. Versicherung wird dann nicht mehr als stabilisierender Faktor wahrgenommen, sondern als Unsicherheitsverstärker.

Warum Ratings allein nicht genügen

In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Ratings als zentrale Stabilitätskennzahl. Sie bewerten Kapitalstärke, Risikomanagement und Zahlungsfähigkeit. Doch sie erfassen nicht alle relevanten Dimensionen von Kapazität. Politische Exponierung, geografische Konzentrationen, Abhängigkeiten im Retro-Markt oder implizite Loyalitätsfragen bleiben weitgehend unsichtbar. Ein exzellentes Rating schützt nicht vor systemischer Fragilität, wenn Kapazität politisch oder strategisch gebunden ist. Wer Stabilität ausschließlich über Ratings beurteilt, unterschätzt die Komplexität des Systems.

Politische Fragmentierung als Kapazitätsrisiko

Je stärker sich die Welt politisch fragmentiert, desto weniger selbstverständlich wird globale Risikoteilung. Nationale Interessen, geopolitische Spannungen, Sanktionsregime und regulatorische Divergenzen wirken direkt auf Kapitalflüsse. Retrozessionen können dadurch faktisch zu einem geopolitischen Steuerungsinstrument werden. Kapazität folgt dann nicht mehr allein versicherungstechnischer Logik, sondern politischen Einschätzungen. Die Folge sind steigende Prämien, sinkende Limits und wachsende Ausschlüsse, insbesondere in Märkten, die als politisch oder wirtschaftlich unsicher gelten. Versicherung wird so ungewollt zum Verstärker globaler Ungleichgewichte.

Kapazität ist Macht und erzeugt Verantwortung

Kapazität verleiht Macht. Und Macht erzeugt Verantwortung. Diese Verantwortung endet nicht bei Solvabilitätsquoten oder regulatorischen Mindestanforderungen. Sie betrifft die Frage, wie verlässlich ein System in Stressphasen bleibt und wie solidarisch es mit den Märkten umgeht, die es trägt.Ein opportunistischer Umgang mit Kapazität mag kurzfristig rational erscheinen, untergräbt jedoch langfristig Vertrauen. Wenn sich die Wahrnehmung verfestigt, dass Kapazität jederzeit politisch oder taktisch entzogen werden kann, verliert Versicherung ihre Rolle als stabiler Rahmen wirtschaftlicher Planung.

Warum das System bislang funktioniert hat

Dass die Versicherungswirtschaft selbst extreme Katastrophen überstanden hat, liegt nicht an unbegrenzter Kapazität. Es liegt an Kooperation. Erstversicherung, Rückversicherung, Retrozession und Kapitalmarkt greifen ineinander. Risiken werden verteilt, nicht verdrängt. Dieses System funktioniert nur, solange Disziplin, Transparenz und Bereitschaft zur Zusammenarbeit erhalten bleiben. Wo diese Elemente erodieren, wird Kapazität zur Sollbruchstelle.

Fazit

Kapazität ist endlich. Und genau darin liegt ihre Stärke. Sie zwingt zu Realismus, Koordination und Verantwortung. Versicherung funktioniert nicht, weil alles versichert wird, sondern weil Grenzen akzeptiert werden. Gefährlich ist nicht der Mangel an Kapazität, sondern der Glaube an ihre Unendlichkeit. Ein Bruch in der Kapazitätskette, ausgelöst durch fehlende Loyalität, politische Verwerfungen oder den Rückzug von Retrokapazität, kann weit über die Versicherungswirtschaft hinauswirken. Er kann Investitionen verhindern, Projekte blockieren und wirtschaftliche Stabilität untergraben.

Kapazität ist kein technisches Detail. Sie ist ein Fundament.