An humanen Maßstäben gemessen sind die Legacy-Systeme der Versicherungsunternehmen im besten Alter: Meist sind sie bereits seit über 20 Jahren im Dienst. Menschen nähern sich zu diesem Zeitpunkt dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit. Doch in der IT gelten andere Regeln. Die Altysteme erweisen sich zunehmend als Hemmschuh bei der notwendigen IT-Transformation, mahnt Elischa Göttmann, Principal Solutions Consultant bei Pegasystems.
Die meisten Legacy-Systeme in den Versicherungsunternehmen sind sprichwörtlich in die Jahre gekommen: Die Systeme arbeiten noch mit jahrzehntealten Programmiersprachen wie Cobol, moderne APIs sind für sie ein Fremdwort, mit Quick Fixes müssen sie mehr schlecht als recht am Laufen gehalten werden und die Wartungskosten (Maintenance) steigen. Zudem bremsen veraltete Systeme viele dringend benötigte Neuerungen aus. In einer Studie von Pegasystems gaben zwei Drittel der Befragten an, dass Legacy-Systeme ihr Unternehmen daran hindern, so effektiv wie möglich zu arbeiten. Schätzungen, wie sie etwa in der PwC-Studie „Versicherungskernsysteme im Wandel“ zu finden sind, gehen daher davon aus, dass drei Viertel dieser altgedienten Systeme in absehbarer Zeit abgelöst oder modernisiert werden müssen – je früher, desto besser.
Die Gründe für den Transformationsdruck sind vielfältig. So zwingt beispielsweise die Abkündigung des weitverbreiteten Customer Communications Management Systems DOPiX bis Ende 2026 die Versicherer dazu, ihre IT-Landschaft anzupassen. Aber das ist nur ein singulärer Aspekt. Viele Versicherer befinden sich gerade in einer generellen Transformationsphase ihrer IT-Kernsysteme. Und die ist nicht nur technisch bedingt. Wichtige Treiber dieser Entwicklung sind unter anderem auch die steigenden Arbeitskosten und die Folgen des demografischen Wandels. Gute Mitarbeiter sind rar und teuer. Diese Situation wird sich so rasch nicht ändern, sondern sich eher noch verschärfen. In der Lünendonk-Studie von 2024 wird der Fachkräftemangel als größte Herausforderung für die Versicherungsbranche genannt, weit vor anderen Themen wie etwa einem veränderten Kundenverhalten.
IT und der Zwang zur Automatisierung
Weniger verfügbare Mitarbeiter bedeutet: (Service-)Prozesse müssen effizienter und weitgehend automatisiert ablaufen. Damit steigt folgerichtig der Druck zu einer immer stärkeren Automatisierung von Abläufen, Bearbeitungsschritten und Service-Prozessen. Und die passende Basis dafür muss die IT liefern. Laut der PwC-Studie wollen daher 84 Prozent der Versicherungsunternehmen mit der Transformation ihrer IT den Automatisierungsgrad erhöhen. Dafür aber müssen die Systeme agil, flexibel und hochskalierbar sein, also das genaue Gegenteil der Kernkompetenzen von Legacy-Systemen.
Genau hier kommt häufig die Cloud ins Spiel: Cloud-Lösungen sind nicht nur modern, sondern ermöglichen dynamische Skalierung, schnelle Anpassungen und kontinuierliche Updates durch den Anbieter. Die Frage ist also nicht, ob die Cloud eine Rolle spielt, sondern wie Versicherer sie unter strengen Compliance-Vorgaben sinnvoll einsetzen können. Versicherungen gehören zu den am strengsten regulierten Branchen. Cloud-Nutzung ist grundsätzlich erlaubt, aber sie gilt als „kritische Auslagerung“ und unterliegt strengen Anforderungen: Daten müssen in der EU gespeichert werden, Audit-Rechte und Exit-Strategien sind Pflicht und Sicherheitsstandards müssen kontinuierlich überwacht werden. Vollständige Cloud-Architekturen sind daher möglich, aber oft nicht sinnvoll – vor allem wegen Legacy-Systemen, den Compliance-Kosten und der Abhängigkeit von einem Provider. Viele Versicherer setzen deshalb auf hybride Modelle: Kernsysteme mit sensiblen Daten bleiben on-premises oder in einer Private Cloud, während Public-Cloud-Ressourcen für Skalierung und neue Services genutzt werden.
Integration und Orchestrierung
Die spannende Frage ist, ob und wie sich die Altsysteme in diese hybriden IT-Architekturen einbinden lassen. Mainframes sind Monolithen, riesige Black Boxes, die ihrer Arbeit am liebsten solo nachgehen. Trotzdem werden viele von ihnen vorerst weiter gebraucht, sei es aus technischen, organisatorischen oder finanziellen Erwägungen heraus. Eine effiziente und effektive Arbeitsteilung mit Cloud-Systemen muss also intelligent gesteuert und orchestriert werden. Mit einem Flickenteppich aus teilfunktionalen, nur mangelhaft integrierten Systemen lassen sich darüber hinaus die vielfältigen Compliance- und Governance-Anforderungen, wie beispielsweise DORA aber nicht erfüllen.
DORA verlangt von Versicherern durchgängige ICTRisiko und Resilienzprozesse, inklusive Tests, Registerführung, DrittanbieterKontrolle und Auditfähigkeit. In heterogenen, gewachsenen Landschaften steigt der Aufwand dafür spürbar an. Konsolidierende Plattformansätze wie BOAT (Business Orchestration & Automation) ermöglichen einen smarten temporären Parallelbetrieb mit schrittweiser Ablösung der Altsysteme. Sie reduzieren nicht nur den Tool-Wildwuchs, sondern machen auch moderne Orchestrierungs-Tools durchgängig verfügbar. Das resultiert unter anderem in reduzierter IntegrationsReibung, besseren DORANachweisen und schnellerem Kundennutzen.
IT als Innovationsmotor
Letztlich muss die IT aber mehr sein als „nur“ ein Instrument zur Effizienzsteigerung. Mindestens genauso wichtig ist ihre Rolle als Innovationsmotor. Dabei spielt das Thema Omnichannel eine zentrale Rolle. Die Zahl und Vielfalt der Vertriebskanäle wächst stetig – von Maklern bis zu digitalen Plattformen. Gleichzeitig erwarten Kunden eine personalisierte Beratung und ein nahtloses Erlebnis über alle Sparten hinweg. Doch die Realität sieht anders aus: Die IT-Landschaften vieler Versicherer sind historisch gewachsen – oft entlang der gesetzlichen Spartentrennung nach dem Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG). Jede Gesellschaft hat über Jahre eigene Systeme aufgebaut, die heute nebeneinander existieren.
Das führt dazu, dass selbst einfache Vorgänge wie eine Adressänderung nicht durchgängig laufen. Ein Umzug kann etwa eine Anpassung der Hausratversicherung erfordern – inklusive neuer Berechnung oder Angebotsprüfung. Kunden wollen dafür aber nicht mehrfach anrufen und mit verschiedenen Ansprechpartnern sprechen. Die fehlende ganzheitliche Sicht auf den Vorgang ist ein direktes Ergebnis dieser fragmentierten IT. Eine Orchestrierungsschicht kann hier den Unterschied machen: Sie verbindet die Systeme über Sparten- und Unternehmensgrenzen hinweg, stößt alle relevanten Prozesse an und sorgt dafür, dass sowohl Kunden als auch Mitarbeiter jederzeit den Gesamtfortschritt sehen.
Ob Altsysteme dabei noch eine Rolle spielen, hängt davon ab, wie unverzichtbar sie für bestimmte Funktionen sind und ob sie sich sinnvoll in flexible hybride IT-Architekturen integrieren lassen. Für monolithische Einzelkämpfer ist die Zeit aber definitiv abgelaufen. Sie können weder Sicherheits- oder Effizienzvorgaben noch Governance- oder Compliance-Anforderungen erfüllen. Daher sollten Unternehmen jetzt eine Legacy-Analyse starten, ihre Orchestrierungsstrategie definieren und dann festlegen, wie der Omnichannel-Komfort für ihre Kunden aussehen soll. So wird IT vom Kostenblock zum Innovationsmotor.